Sep 132011
 

Kurz nach Rathen, dem letzten Stopp in Deutschland war sie da: die Grenze nach Tschechien. Auf dieser Reise ist sie mehr als nur eine Grenze in ein anderes Land. Von hier an würde ich mich mit den Menschen nicht mehr so ohne Weiteres unterhalten können. Umgangsformen könnten mir fremd sein, das Essen komisch schmecken, kurzum:

Bisher war alles Kinderkram, jetzt kommt Level 2.

Klingt gruselig? Ist es nicht, im Gegenteil:

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Man hat schon hässlichere Grenzübergänge gesehen.

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Morgens früh, kurz vor der Abfahrt: der erste Zeltplatz auf Tschechischem Boden.

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Immer brav der Elbe entlang. Auch die Böhmische Schweiz hat einiges zu bieten. Hier: kurz nach Usti nad Labem (Die Elbe heißt 'Labe' auf Tschechisch).

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Erster Pflichstopp war Terezin, zur Deutsch: Theresienstadt.

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Es ist ziemlich ironisch, eine Tür mit einem solchen Schild in einem KZ offen stehen zu lassen.

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Zurück zum Thema: Einzelhaft.

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Hier in diesem Raum aßen, schliefen und lebten wohl über 60 Gefangene. Der Raum war urspünglich für 4 Soldaten ausgelegt. In den Jahren '45-'48 wurde Theresienstadt übrigens als Internierungslager für deutschstämmige Tschechen zwecks Strafverfolgung bzw. Abschiebung genutzt. Die Zustände sollen sich gegenüber der Zeit davor nicht wesentlich gebessert haben.

Geht man durch das Lager, fühlt es sich irgendwie leer an. Es mangelt an Anschauung. Das spärliche Möbiliär hätte irgendwer dort hineinstellen und danach behaupten können: “Das waren die Nazis, schaut euch an, was sie getan haben.”
Die eindrücklicheren Spuren deutscher Besetzung trifft man dafür auf der Straße: Nahezu alle älteren Tschechen (60-70+ Jahre) sprechen ein vor-züg-lich-es Deutsch.
Einerseits freut mich dies natürlich. Es erleichtert die Kommunikation erheblich. Andererseits schäme ich mich dessen was Deutsche Hybris diesen Menschen angetan hat. Die Tatsache, dass diese Menschen zudem mir gegenüber sehr herzlich sind, macht die Sache nicht besser.

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Aber das Leben ist nicht nur trist.

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Das Schloss zu Melnik. Dessen Nachschub mit Wein ist auf längere Zeit gesichert.

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Die aufgehende Sonne, früh morgens im Feld.

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Ein taubeladenes Spinnennetz in der Morgensonne. Hätte nicht gedacht, dass das Foto etwas wird.

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Einer dieser vielen Vaclavs und Havels. Frühere tschechische Könige und Heilige. In so etwa jedem Dorf findet sich eine Statue von ihnen. Hier: auf dem Marktplatz von Kostelec.

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Zweiter Pflichtstopp war die Knochenkirche von Kutna Hora. Mehr Infos unter: http://en.wikipedia.org/wiki/Sedlec_Ossuary .

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Die Knochen, mit denen die Kirche geschmückt ist stammen von vielen tausenden Pesttoten und Gefallenen der Hussitenkriege im Mittelalter.

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Die Kirche ist ein einziges, eindrucksvoll umgesetztes 'Memento Mori'.

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Der Kronleuchter links besteht aus nahezu allen Knochen des menschlichen Körpers.

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Böhmische Dörfer sind beschaulich.

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Die beiden Jungs auf dem Bild wollten mich zuerst in die falsche Richtung schicken. Erst die Mädchen schickten mich auf den richtigen Weg.

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Ich hatte aber auch ein unverschämtes Glück mit dem Wetter!

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Erntezeit = schöne Zeit.

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Dieser Hof lag abseits versteckt in einem Tal. Die Hühner gackerten und der Hund schlief an der Kette. Man beachte die großen Stapel Feuerholz. Mehr Idylle geht kaum.

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Selbstporträt mit Schmetterling.

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Und da traf ich die Beiden: Libuse und Zdenek. Wir wollten eine Burg besichtigen, diese hatte aber schon geschlossen. Wir verstanden uns auf Anhieb und ich wurde zu ihnen nach Hause eingeladen. Es gab gutes Essen, tschechisches Bier und selbstgebrannten Palinka.

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The morning after. Ich konnte noch nicht ganz geradeaus schauen, aber die beiden waren schon wieder fit. Da gab es erstmal ein kräftiges Frühstück.

Libuse (Liba) und Zdenek waren ein frisch verliebtes Rentnerpärchen aus Tisnov, die gerade mit 64 Jahren die Welt neu für sich entdeckten. Sie sprühten vor Lebensfreude und freuten sich sehr das Wenige was sie hatten mit mir zu teilen. Hiermit nochmal ein herzliches Dankeschön an dieser Stelle an die beiden.

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Über Brno (Brünn) zog ein riesiges Hitzegewitter auf, dem ich nur knapp entkam. Es war schade, die Stadt überstürzt verlassen zu müssen, denn sie ist wirklich sehenswert und hat eine bewegte Vergangenheit.

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Lustige Hinweisschilder nahe der Grenze zur Slowakei. Da hat es wohl schonmal geknallt.

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Und dann begann der Wahnsinn: Die Infrastruktur ist in der Slowakei nachwievor weit schwächer ausgebaut als in Tschechien. Und so zwängte ich mich mit 40-Tonnen LKWs über eine schmale Landstraße über die Ausläufer der Karpaten. Ich muss einen Riesenschutzengel gehabt haben.

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Der LKWs und ihrer Abgase überdrüssig bog ich in die nächste Seitenstraße ein. Hier eine typische Dorfszene, die ich daraufhin erblickte.

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Wer einen ersten Eindruck des Nichts haben möchte, probiere es im Süden der Slowakei. Bestellte und unbestellte Felder, so weit das Auge reicht.

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Im Süden der Slowakei lebt zudem eine große Ungarische 'Minderheit'. Da die sehr junge Slowakei versucht sich eine nationale Identität aufzubauen sind Spannungen mit den Ungarn vorprogrammiert. Man versucht sein Bestes beide Seiten zu integrieren. U.a. mit zweisprachigen Schildern und Werbungen.

Weiter ging es dann schnurstracks zur Grenze Ungarns. Davon jedoch im nächsten Post.

Schöne Grüße,
Johannes Bondzio

  3 Responses to “Böhmische Dörfer, Mährische Gastfreundschaft und Slowakischer LKW-Wahnsinn”

  1. Johannes! Die Fotos sind echt schön, was für ein wunderschönes Wetter Du da hattest….Freu mich schon auf mehr. Wünsch Dir noch weiterhin, wie die Chinesen es sagen: Yilu Shunfeng – Auf der ganzen Strecke den Wind im Rücken. 🙂

  2. Hallo Johannes,

    Hans hat uns nun die Links zu Deinen Reiseerlebnissen geschickt und wir freuen uns, von daheim (gerade aus Berlin zurück) folgen zu können. Danke für die schönen Bilder! Dein Projekt hat uns sehr beeindruckt und wir können nur sagen, daß wir – nach dieser netten Abschiedsparty – durchaus ab und zu ein bißchen mitstrampeln, na sagen wir lieber: denken und hoffen, daß es Dir gut geht! Und wir freuen uns auf die nächsten Bilder und Berichte.

    Guita und Jörg Lamecker

  3. Hi Johannes,

    habe schon vor längerer Zeit deine Beiträge gelesen, aber erst jetzt die Kommentarfunktion gefunden. Du bist in deinem Bericht schon weiter als ich dir (wie du ja schon nicht ganz unkritisch angemerkt hast, leite ich das immer von meiner Selbsteinschätzung ab) so direkt zugetraut habe.

    Ich nehme an, du bist bereits bei deinen Bekannten und Freunden in Ungarn angekommen – da wir zumindest hier in Deutschland so langsam in die wetterkritische Phase kommen, schicke ich mich mal an, dich noch weiter nach Osten zu treiben und wünsche dir, dass das Wetter im großen auch weiterhin so gut bleibt, wie du es auf deinen Fotos suggerierst.

    Ich warte indes auf weitere Beiträge (und Erinnerungsmails).
    Beste Grüße an den Tour-de-(demi)-Monde-ler.
    Max

    P.S. Das required-Mail-Feld habe ich mal leer gelassen.

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