Oct 052011
 

Einst “Kornkammer Europas”, dann Sowjetischer Satellitenstaat unter Ceausescu: Was ist Rumänien heute?

Für mich war es mein erstes Mal in Rumänien. Über dieses Land hört man ja eine Menge Vorurteile. Kurz nach Verlassen Berlins hatte ich bereits das zweifelhafte Vergnügen einen älteren Radler zu treffen, der mich warnte: “In Rumänien musst du aufpassen: Da wohnen nur Langfinger!”.
Schöne Aussichten. Auch in Ungarn wurde ich entsprechend vorkonditioniert: Man warnte mich vor den verrückten Autofahrern, dem Unzustand der Straßen, und dass dort alles voller krimineller Zigeuner sei.
Ich dachte mir bloß: Nichts wird so heiß gegessen wie es gekocht wird. Ich ließ mich nicht beirren und fuhr an einem windigen Sonntag über die Grenze.

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Gleich zu Anfang fiel mir auf, dass die EU mächtig Geld in die rumänische Infrastruktur pumpt. Überall wurden Straßen erneuert und ausgebaut. An einem Sonntag trauen sich dann auch Fahrradfahrer auf die Bahn.

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Der südliche Grenzbereich von Ungarn zu Rumänien ist landwirtschaftlich geprägt.

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Kulturschock Rumänien: Das, was bei der Ernte an Unverwertbarem übrig bleibt, wird schlichtweg verbrannt. Der Rauch verdunkelte z.T. die Sonne. Es war unheimlich. Erst viel später sollte ich begreifen, dass die Felder gezielt und mit viel Kunstfertigkeit abgefackelt werden. So düngt man und spart sich gleichzeitig die Pestizide gegen das Ungeziefer.

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Nach einer meiner längsten Etappe soweit (145km mit Gegenwind) erreichte ich am Abend meine erste Station: Timisoara. Ich hatte die Strecke schlichtweg unterschätzt. Ich war am Ende. Ich schwor mir dies nicht noch einmal zu wiederholen. Dieses Foto entstand am nächsten Tag.

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Die Diva: Lorena, eine Bekannte aus Nizza.

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Monica und Ceyda. Ebenfalls bekannt aus Nizza. Monica wohnt in Timisoara und beherbergte mich für zwei Nächte. Mit ihr gab es meine erste Einführung in die Transsilvanische Küche. Klößchen mit Maisbrei. Mais ist in Rumänien Grundnahrungsmittel.

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Kleines Klischeefoto. Keine Angst, nicht ganz Rumänien sieht so aus. Hier war bloß eine Baustelle, die mich aber mächtig aufgehalten hat.

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Mihai, mein erster CouchSurfing-Host. Mihai lebt mit seiner Mutter und seinem Hund Sin in einem Haus, das er gerade renoviert. Er war sehr nett und hatte eine charmante Freundin. Seine Mutter ist jedoch mit den ganzen Neuerungen seit der Revolution vor zwanzig Jahren merklich nicht mehr mitgekommen.

Am Tag der Abfahrt warnte mich Mihai noch vor allzu freundlichen Rumänen und Zigeunern. Die Abneigung gegen diese Bevölkerungsgruppe wird übrigens von allen offen kundgetan. Ich solle mich vor denen hüten. Und prompt geschah es. Noch vor dem Ortsausgang an einer Steigung stoppte mich ein Auto mit drei Typen drin. Einer von ihnen, muskulös und über und über tätowiert, stieg aus und fragte nach meiner Route. Er kam mir näher, lenkte mich geschickt ab und nahm dabei wohl das Handy aus meiner Tasche. Aufgefallen ist mir das dann erst zwei Stunden später. Und ich wunderte mich noch, weshalb ihr Auto plötzlich wendete. Da war der Johannes ganz schön naiv. Und ganz schön sauer, als er es feststellte.
Ein Glück traf er darauf die äußerst hilfsbereite Andrea, die mir Internet und Telefon zur Verfügung stellte.

Die Hilfsbereitschaft in Rumänien sollte ich auch im Folgenden noch zu schätzen lernen.

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Diese Kilometersteine findet man an jeder Hauptstraße in Rumänien. Sie sind verlässliche Wegweiser.

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Ein schön gelegenes Dorf auf dem Weg nach Deva.

Auf dieser Landstraße kam ich nach Deva:

Schön, nicht wahr? Danach stand der Entschluss fest lieber die etwas längere Strecke über’s Land zu fahren…

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Kurz vor Deva gibt es ein Kraftwerk direkt an der Hauptstraße. Diese beiden Jungs hier schienen die Straße bewachen zu wollen.

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Kabelsalat am Umspannwerk.

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Mein CouchSurfing-Host in Deva, Gabriel (kurz: Gabi).

Gabi ist PhD-Student und verdient sich sein karges Gehalt als Sportlehrer an einer Schule. Wieviel? Gerade mal 200€. Davon geht die Hälfte für Nahrung drauf, die andere Hälfte für die Miete. Deshalb hat er, wie die meisten Rumänen, mehrere Einkommensquellen. Er hat zum Beispiel von seiner Großmutter zwei Wohnungen geerbt, von denen er die Miete bezieht. Andere haben noch ein kleines Geschäft nebenbei oder vertreiben Produkte. Trotzdem schafft er es nur gerade so über die Runden zu kommen.
Sehr beeindruckt hat mich seine Art zu reisen: Er kauft sich günstig Flugtickets zu einem Ort und schaut dann erst wie er dort unterkommt. Couchsurfing bietet ihm dazu eine günstige Plattform. Aus Wenigem so viel zu machen war beispielhaft.

Gabi klagte mir sein Leid über das rumänische Bildungssystem. Es sei chronisch unterfinanziert, und die wichtigen Stellen würden nach wie vor mittels Vetternwirtschaft mit unqualifizierten Personen besetzt. Die Folge ist, dass auch zunächst hochmotivierte Lehrkräfte wie der Gabi irgendwann jegliche Eigeninitiative verlieren und nur noch das tun, was sie wirklich müssen.
Dies geht natürlich auch an den Kindern nicht spurlos vorbei. So wird es wohl noch ein paar Generationen dauern, bis dieser sowjetische Geist wieder aus den Köpfen verschwunden ist.

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Und dann war es passiert: meine erste Panne. Zum Spannen der Kette und befestigen des Hinterrads muss man diese Schrauben festziehen. Vom vielen Gerüttel war eine wohl müde geworden und brach beim leichten Berühren. Zum Glück passierte all das noch in der Wohnung Gabis, so dass wir uns bald auf die Ersatzteilsuche machen konnten.

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Mein geliebtes Rad: Kaputt!

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Nach einiger Suche wurden wir bei einem Fahrradmechaniker fündig. Die Schraube (die Dicke, rechts am Rahmen) war zu groß, sie ließ sich nicht ordentlich festziehen, aber es hielt für's Erste. Große Erleichterung machte sich breit.

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Es war bereits später Nachmittag, als das Rad repariert war. So blieb ich eine Nacht länger bei Gabi und wir besichtigten ein prächtiges Ungarisches Schloss in Hunedoara.

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Eine Innenansicht des Schlosses.

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Am nächsten Morgen ging es früh los gen Sebes. Der nahe gelegene Fluss tauchte alles in einen dichten Nebel, der sich als Tau auf meine Haare niederließ.

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Mystische Szenen im Nebel.

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Die Verkehrsschilder in Rumänien sind höchst inhomogen. Man hat den Eindruck, dass die Kommunen blanko-Schilder bekommen, die sie dann je nach Verwendungszweck ausmalen. Was sich der Künstler bei diesem Schild wohl gedacht hat? Achtung Nilpferde?

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Ein Schuljunge, dem ich auf der Straße begegnete.

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Party in Sebes. Mein nächster Host, Ciprian, nahm mich mit auf eine Berghütte, wo wir mit seinen Freunden einen schönen Abend verbrachten. Dies sind zwei seiner Kumpel.

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Je später es wurde, desto ausgelassener wurde die Stimmung. Es wurde getanzt, gesungen und gelacht.

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Sie hatte tolle Augen.

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Gegen Ende kochte uns mein Host einen herrlichen Gulasch über dem Holzfeuer.

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Der nächste Morgen. Diesen Anzug fanden wir in der Hütte. Ciprian spielte den Gangster.

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Jeder nahm jeden auf den Arm. So blieb dies auch nicht Ciprian erspart 🙂

Das Provisorium am Rad wurde jetzt am nächsten Morgen beim lokalen Fahrradhändler ersetzt durch eine stabilere Lösung. Damit konnte die Reise weiter gehen.
Ich brach auf Richtung dem Herzen Transsilvaniens. Sächsische Städte mit deutscher Minderheit, Irrsinns-Pässe über die Karpaten und letztlich die Wallachei warteten auf mich. Davon jedoch im nächsten Teil.

Schöne Grüße,
Johannes Bondzio

  2 Responses to “‘Piesă de Schimb’ – Auf Ersatzteilsuche in Rumänien”

  1. Tolle Fotos und Beschreibung! 🙂 Ich kann bemerken dass du in Rumanien Spass hattest. Vielleicht unser nachsten Party zusammen wird in Deutschland sein! Hat Cirpian alle Fotos die du gemacht hast? Wenn nicht, ich wurde sie gerne von dir bekommen! Vielen Dank un Grusse aus Rumaniein!

  2. Sehr schöner Reisebericht, und Fotos, die Erinnerungen wecken: Vor einem Jahr bin ich eine recht ähnliche Route durch Ungarn und Rumänien geradelt, hier mein Bericht: http://www.outdoorseiten.net/forum/showthread.php?46969

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