Dec 302011
 

Der Entschluss war gefallen: ich wollte weiter reisen. Vor der Abreise mussten jedoch noch einige Sachen erledigt werden. Es wollte mein Fahrrad gewartet werden. Die provisorischen Schrauben, die seit Rumänien treu ihren Dienst verrichteten, wollte ich ersetzen. Das Iranische Visum musste beantragt werden. Dies bedeutete: Bankbesuche. Des Weiteren musste die Ausrüstung für das kalte Wetter auf der Hochebene Anatoliens ergänzt werden. Das ist in einer 19 Millionen Metropole wie Istanbul garnicht so einfach! Viel Zeit geht alleine dafür drauf, dass man von A nach B fahren muss (Habe ich schon den Verkehr in Istanbul erwähnt?). Dann haben viele Geschäfte oft nicht das, was man braucht. Falls doch, dann sind die Sachen zu klein. Am Ende habe ich trotzdem das gefunden was ich brauchte.
Long story short: Es ging noch einmal eine Woche ins Land. Diese habe ich fotografisch genutzt. Die folgenden Bilder sind dabei entstanden. Sie hängen storytechnisch nicht zusammen. Sie sollen gewisse Eigenheiten der Stadt noch einmal dokumentieren.

DSC_4556

Is var! (Es gibt Arbeit!) Ein Zaun am Taksim-Platz wird ausgebessert.

Einfach mal Quatsch machen: Ein improvisiertes Tanzvideo von Will und mir 😉

DSC_4597

Eine Hommage an Henri Cartier-Bresson: Sein Foto 'Istanbul, Turkey, 1964' entstand an dieser Stelle.

DSC_4631

Gebetskerzenschein in der Kirche auf der Istiklal Caddesi.

DSC_4635

Abdul, mein Host und Freund.

Abdul und ich führten viele Gespräche über Spiritualität, Mystik (insbesondere Sufismus, die muslimische Mystik) sowie der immer wieder gestellten Frage nach Vereinbarkeit von Wissenschaft und Religion, bzw. Religion mit Wissenschaft.
Für vieles, was er mir erklärte, fehlte mir die spirituelle Vorbildung. Von dem, was ich verstanden habe, lässt sich sagen, dass Islam und Christentum trotz aller Gemeinsamkeiten sich in einem Punkt unterscheiden: als Muslim versteht man sich als Teil des ‘Ganzen’, des ‘Einen’. Während im Christentum Gott in Allem ist, ist im Islam Gott alles. Tier, Pflanze, Stein, dies ist alles lediglich eine Stofflichwerdung des ‘Einen’ und wird nach dem jeweiligen Ableben zu ‘Ihm’ zurückkehren. Für mich ein Schlüssel zum Verständnis des Gemeinschaftsgefühls in muslimischen Gemeinschaften. Denn was gibt es Schöneres als in seinen Mitmenschen Gott zu dienen?

DSC_4625

Zum Träumen: Istanbul, Stadt der Lichter.

Des Weiteren gewinne ich zunehmend die Überzeugung, dass Religion und Wissenschaft sich von ihrem Wesen her nicht wesentlich unterscheiden. Die Aussagen der Wissenschaft können von uns in ihrer Komplexität und Vielfalt nicht mehr begriffen werden. Wir müssen ihnen glauben.
Und so ist es denn auch so, dass es im Alltag für jede Behauptung eine Statistik gibt, ein Forschungsergebnis, das sie untermauert, und ein anderes, das es widerlegt. Insofern ist das Gefühl der Überlegenheit anderen Weltbilder gegenüber eine Illusion. Ist es nicht schön? Auch wir ‘Aufgeklärten’ sind fehlbar.
Die interessante Konsequenz für mich ist, dass wir alle eine Gemeinsamkeit haben: Fehlbar, unwissend wie wir sind, sind wir doch alle Menschen. Unsere grundlegenden Handlungsstrukturen in Sozialem / Kultur sind überall gleich. So gesehen bilden wir eine Gemeinschaft, die keinen Halt vor Landesgrenzen oder ähnlich abstrakten Konstruktionen macht.
Zugegeben, dies klingt trivial. Aber wie viel Triviales ist es nur schwer zu verinnerlichen.

DSC_4639

Istanbul, Stadt der Lichter II. Eine orientalische Lichterhelix.

Wie bereits im letzten Post vermerkt, lebt Abdul in dem Viertel Fatih. Dieses Viertel ist als ein konservatives, muslimisches Viertel bekannt.
Es ist ein guter Ort die schönen Seiten des Islam kennen zu lernen. Zwar bedecken sich viele Frauen die Haare. Sie lachen jedoch viel und sind viel auf der Straße zu sehen. Die Menschen sind freundlich und großzügig. Sie freuen sich, wenn man mit Ihnen spricht. Sobald man auf die Leute zugeht wird man fast immer auf einen Tee eingeladen. Schnell kommt man mit den Leuten ins Gespräch. Nach einiger Zeit hat man das Gefühl bereits ein Teil dieser respektvollen Gemeinschaft zu sein. Es besteht ein Gefühl der Einigkeit in diesem Viertel.
Meine letzten zwei Wochen verbrachte ich dort. Die letzten Bilder entstanden in dieser Zeit.

DSC_4665

Ein Kätzchen, das ganz allein auf der Straße saß, plustert sich auf gegen den kalten Herbstwind.

DSC_4671

Frauen mit Kind und Kopftuch gehen lachend auf der Straße.

DSC_4694

Türkische Metzger. Im Angebot gab es außer Schafskopf, -filet und -innereien auch Schafshoden. Guten Appetit!

DSC_4709

'Nar' (Granatäpfel) sind in der Türkei ein regionales Erzeugnis. Sie sind spottbillig und ihr rubinrotes Fruchtfleisch ist super lecker. Ihr Saft wird überall auf der Straße verkauft. So mancher Fleck auf meinen Klamotten kann bezeugen, dass ich ihnen nicht widerstehen konnte.

DSC_4714

Junge Freunde. Diese beiden Jungs verdienten sich ein wenig Geld als Schuhputzer. Als ich vorbei kam forderten sie mich förmlich auf, ein Foto von ihnen zu machen. Das ließ ich mir bei den beiden Goldjungs natürlich keine zweimal sagen.

DSC_4745

Herzstück und Namensgeber des Viertels ist die Fatih-Moschee Ein herrliches Gebäude, das vor einigen Jahrhunderten Fatih, der Eroberer Istanbuls, erbauen ließ.

Zwei Tage nach dem obigen Foto sollte ich endlich wieder ‘on the road’ sein. Ziel: Kappadokien und Ankara. Von dieser zehntägigen Tour handelt der nächste Post.

Alles Gute und einen guten Rutsch ins neue Jahr wünsche ich euch,
euer Johannes Bondzio

 Leave a Reply

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

(required)

(required)