Mar 102012
 

Bei Einbruch der Dunkelheit kam ich in Shiraz an. Ich hatte die Nummer von der Marjan und dem Mehdi, die mich in Shiraz bei sich beherbergen würden. Marjan hatte mich bereits in Esfahan über Couchsurfing angeschrieben. Sie fährt gerne selber Fahrrad und habe die besten Erfahrungen mit Tourenradlern gehabt, die sie bei sich beherbergt habe. Ob ich nicht auch bei ihnen übernachten wolle. Natürlich wollte ich. Eine solche Einladung kann man wohl nur in diesem Land erhalten.

Sportlich gekleidet kam das Ehepaar an dem Abend, um mich mit dem Fahrrad abzuholen. Seit Ankara hatte ich keine Frau mehr Fahrrad fahren gesehen. Es sollte bei ihr nicht das letzte Mal sein, dass ich bei dieser Frau „Das ist das erste Mal, dass…“ sagen würde.

In Shiraz konnte ich endlich ein wenig entspannen. Marjan ist ein hervorragender Koch, und ich genoss die warme Dusche und die Ruhe, die in ihrem Apartment herrschte. Zwei Tage lang verließ ich praktisch nicht das Haus. Wenn doch, dann nur um irgendwo ruhig und schön einen Tee zu trinken.

Die „Big Ticket“ Touri-Attraktionen in Shiraz hatte ich mit Naqsh-e Rostam und Persepolis schon gesehen. Shiraz selber hat gar nicht so viel zu bieten. Die Sights, die ich gesehen habe, waren alle nur wenig interessant. Das mag vielleicht auch daran liegen, dass ich nach Esfahan und Yazd bzgl. Sightseeing einfach ein wenig verwöhnt und übersättigt war.

Bei der Besichtigung der Vakil-Moschee sah ich diesen jungen Mann. Er ist Ingenieurstudent der hiesigen Uni und hatte als Auftrag von seinem Prof bekommen ein Gebäude zu skizzieren.

Der schönste Ort Shiraz ist wohl das Grab Hafez's. Hafez ist der berühmteste Persische Dichter. Ströme von Menschen pilgern zu seinem Grab um diesem Nationalhelden an seinem Mausoleum zu huldigen. Seinen Gedichten wird wahrsagerische Kraft zugesprochen: Man nehme ein Buch mit seinen Gedichten, und schlage an seinem Grab eine Seite zufällig auf. Dieses Gedicht hat dann eine bestimmte Bedeutung für einen. Hatte leider kein Buch zur Hand.

Das Grab selber ist ein herrlich ruhiger Ort mit Bäumen und Wasser, an dem Musik spielt.

Nach gut 6500km auf der Reise gingen langsam die Nähte von meiner vielbeanspruchten Radelhose auf. Die konnte ich jetzt in aller Ruhe ausbessern.

Es gibt ein Nationalgericht in Iran, es heißt Kale Patsche. Es besteht aus gekochtem Schafskopf. Der Name heißt soviel wie Kopf und Fuß. In das Gericht kommt wirklich der gesamte Kopf: Zunge, Hirn, Augen, Haut. Einfach alles. Der Geruch ist nicht schlecht, aber eigenartig. Seit dem Beginn vom Iran hatten mir die Menschen davon vorgeschwärmt, wie gut es sei. Ich hatte immer dankend abgelehnt, im Gedanken daran, woraus es besteht. Hinzu kommt, dass man es gewöhnlich zum Frühstück isst. Auf nüchternen Magen.

Kale Patsche polarisiert: Mehdi ist ein großer Fan dieses Gerichts, die Marjan hasst es. Mit ihrer Sondergenehmigung gab es das Essen dann früh morgens um halb sieben, bevor es für Mehdi zur Arbeit ging.

Da hieß es im wahrsten Sinne: Augen zu und durch. Man darf nicht soviel darüber nachdenken. Dann stellt man fest: Tatsächlich, jeder Bissen schmeckt anders. Nicht schlecht, aber ich war froh, dass ich es runter hatte. Nur den Fetzen Haut habe ich liegen gelassen. Mutprobe bestanden!

Lichterketten werden oft zu den Farben der Iranischen Flagge kombiniert.

Marjan im Fenster eines Kaufhauses.

Ich blieb bei den beiden zwei Tage länger als geplant. Wohl ein Zeichen, wie gut es mir bei ihnen gefiel. Am letzten Tag unternahmen wir gemeinsam eine schöne Radtour zu einem nahe gelegenen Salzsee. Von dort aus trennten sich unsere Wege. Sie fuhren zurück in die Stadt, ich fuhr weiter Richtung Süden. Das Wetter war gut, aber leider sollte es sich nicht so halten.

Ein Werbeträger. Im Hintergrund sieht man bereits die dunklen Wolken, die am nächsten Tag Regen bringen sollten.

Ich campte an diesem Abend unterhalb des letzten Pass von 2000 Metern. Am nächsten Tag überquerte ich ihn, begleitet von immer heftiger werdenden Windstößen und kurzen Schauern. Als ich in Firuzabad ankam, radelte ich in strömendem Regen. Kombiniert mit dem Gegenwind macht das keinen Spaß. Ich fragte also bei einem Hof an, ob ich in der Nähe zelten könne. Das käme überhaupt nicht in Frage. Ich solle gefälligst bei dem Wetter hereinkommen.

Ich betrat ein geschmackvoll eingerichtetes Haus. Es wurde Tee gereicht. Die Frau, sie heißt Mira, sprach gutes Englisch. Nach einiger Zeit wurde ich vor den Fernseher gesetzt, und stolz wurde mir gezeigt, dass sie RTL per Satellit empfangen konnten. Dort lief gerade DSDS Staffel dreitausendvierundzwanzig. Um nicht unhöflich zu sein, stellte ich das Gequassel von Dieter Bohlen einfach leiser und las in meinem Buch.

Mira malt gerne und hat diese beiden Variationen auf die alten persischen Motive selber gemalt.

Die Hündin des Hofes hat vor einer Woche einigen Welpen das Leben geschenkt.

Am nächsten Morgen war der Regen verschwunden. Die Luft war klar und Sonne strahlte so gut sie nur konnte. Da konnte ich sehen, was mir tags zuvor durch den Regen verborgen blieb: Wie schön dieses Tal nämlich eigentlich war!

Bei meinen Dehnübungen nach einigen Kilometern am Straßenrand wurde ich von einem gut gelaunten Mann von der Straße rangewunken und zum Tee eingeladen. Es wurden sich gegenseitig Familienfotos gezeigt. Von der Großmutter und ihrer farbigen Tracht hinten hätte ich stundenlang Bilder machen können.

Bei Mohammed stellte sich heraus, dass der Pass, den ich den Tag zuvor überquert hatte, in der Nacht zugeschneit worden war. Da hatte ich mal wieder Glück gehabt!

Die Geologie hier im Süden Irans ist bemerkenswert. Alle Berge sehen so aus, als sei die Erdkruste aufgebrochen und zur Seite gekippt. Zwischen den Bäumen führten Nomaden ihre Ziegenherden.

Die Landschaft war herrlich abwechslungsreich.

Die Straße schlängelte sich durch enge Täler und über viele Hügel.

Die Iranische Regierung investiert offensichtlich viel Geld in den Straßenbau. Hier waren sechs Bagger gleichzeitig am Werk um einen Durchbruch durch einen Berghang zu schaffen.

Da war es soweit: Mein Tacho zeigte 7000 Kilometer seit Berlin an. Ausgerechnet am 27. Februar, genau sechs Monate nachdem ich von Berlin aus aufgebrochen war. Sechs Monate war ich schon auf Reise. Wahnsinn.

Der Persische Golf machte sich immer mehr bemerkbar. Die Tag waren warm und in den Nächten konnte ich ohne Überzelt schlafen. Am Morgen sah ich die Sonne vom Zelt aus aufgehen.

Dies ist eine typische Zisterne der Gegend. Man sieht sie überall. Seit Jahrhunderten beziehen die Menschen hier ihr Wasser aus ihnen.

An einem der Tage, es war kurz vor Lar, machte ich Rast am Straßenrand im Schatten einer Mauer. Diese Mauer war der Sichtschutz einer dahinterliegenden Gartenanlage. Ein Mann, der gerade herauskam, bot mir an, mir diesen Garten zu zeigen. Es war ein wirklich schöner Garten, mit Zitrus- und Orangenbäumen und Dattelpalmen. Im hinteren Teil gab es einen Ziegenstall und einen Mini-Zoo, wo es Bergziegen und sogar ein Emu gab.
In diesem Garten Eden lebte, ganze allein für sich, der Hassan. Hassan arbeitet in Schichtarbeit sechs Monate mit seinen Brüdern in ihrem Geschäft in Qatar. Danach kommt er für drei Monate hier in seine Heimatstadt zurück und genießt hier in seinem Paradies die schönen Seiten des Lebens.
Er baut sich hier sein eigenes Haus. Die sechs Monate in Qatar plant er es. In den drei Monaten hier baut er es. Schritt für Schritt. Zwei Wohnzimmer (eines modern, eines traditionell) und das Bad sind schon fertig. Der nächste Teil soll die Küche sein.
Hassan war ein herrlich entspannter Typ, der seinen Weg gefunden hatte. Das merkt man sofort. Die Menschen mochten ihn, und fast immer waren Bekannte und Freunde bei ihm um zu rauchen oder einfach Hallo zu sagen.

Hassan fragte mich, ob ich nicht bleiben wolle. Ich hatte Zeit. Ich sagte zu. Ich sollte es nicht bereuen. Hassan und ich verstanden uns super.

Von meinem interessanten Aufenthalt bei ihm und der weiteren Fahrt zum Golf soll der nächste Post handeln.

Alles Gute bis dahin,
euer Johannes Bondzio

  One Response to “Die Fahrt von Shiraz zum Garten Eden”

  1. Lieber Johannes –
    hörte heut morgen am Telefon, daß Du auf der Fähre nach Dubai warst. Hoffe die Überfahrt ging glatt. Hab es weiter gut und … weißt scho: Paß auf Dich auf! Pfiat di … LG Ulrike

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