Mar 302012
 

Hallo! Dieser Beitrag ist ein wenig länger geworden. Warum machst du dir nicht noch kurz einen Tee, bevor du ihn dir durchliest?

Abends spät im Dunkeln entließ mich der Grenzbeamte am Fähranleger in Sharjah, der Hafenstadt neben Dubai. Ich betrat die Vereinigten Arabischen Emirate.
Die Welt, die ich hier sah, war so andersartig als die, in der ich die letzten zwei Monate verbracht hatte, dass es mir unwillkürlich ein ungläubiges Lachen ins Gesicht trieb. Was für ein Kontrast!
Wo im Iran lautstarke Peykans in den Straßen ihren Weg bahnten, glitten hier glänzende Limousinen und klimatisierte Geländewagen mit leisem Zischen des Turbos an mir vorbei. Wo im Iran das Stadtbild von Lehm- und Ziegelhütten bestimmt war, blitzten hier die Reflektionen der Straßenlaternen in den Fenstern der Türme aus Glas und Stahl.

So muss es sich anfühlen, eine Zeitreise zu unternehmen. Ich war im zweiundzwanzigsten Jahrhundert angekommen. Szenen aus dem Film „Das fünfte Element“ kamen mir in den Sinn, wo fliegende Autos über- und untereinander in der Luft an futuristischen Türmen vorbeifliegen. Grasflächen in perfektem Grün säumten den Straßenrand, die Halme noch feucht von der Sprinkleranlage. Gepflegte Palmen wehten im Abendwind und Frauen ohne Kopftuch spazierten allein oder in Begleitung von Männern in Shorts an der Promenade entlang. Ein Grüppchen junger Touristen trank Bier auf der Kaimauer. Alle verschwendeten offensichtlich keinen Gedanken daran, dass dies 200 Kilometer weiter nördlich undenkbar gewesen wäre.

Die Skyline von Sharjah. Nur ein paar vor sich hin rottende Lengehs erinnern an das Leben, wie es hier noch vor 20 Jahren geführt worden ist.

Von Sharjah aus waren es ca. 30 km bis ins Zentrum von Dubai, wo mein Couchsurfing-Host, der Inder Chetan, wohnte. Auf der Fahrt bekam ich einen Vorgeschmack dessen, was sich in den nächsten Tagen noch bestätigen sollte: Die Infrastruktur dieses Landes ist ausschließlich auf Autofahrer ausgelegt. Dies macht Sinn in einem Land, in dem es sechs Monate im Jahr draußen zu heiß für jede körperliche Betätigung ist. So existieren Bürgersteige nur sporadisch, und wenn, sind sie ständig von Ein- und Ausfahrten unterbrochen oder einfach nicht fertig gestellt. Wo es geht, sind Straßen als Autobahn ausgelegt.
Ich verbrachte eine haarsträubende halbe Stunde auf einem solchen Highway im Dunkeln, als meine Nebenstrecke plötzlich ohne Alternative in einen Highway mündete, während mehrtonnige Boliden mit Vollgas an mir vorbeirauschten. Es war eine Fahrt auf purem Adrenalin. Sie fuhren mit Vollgas, ich fuhr mit Vollgas. Auf seine merkwürdige Art machte es mir Spaß, alles, was man hatte in die Pedale zu werfen, um möglichst schnell zu sein. Gipfel dieser Fahrt war der Tunnel, der unter dem Dubai Creek vorbei führt. Die Geräuschkulisse des zurückgeworfenen Schalls war ohrenbetäubend laut. So muss sich das Ende der Welt anhören.
Glücklicherweise war Chetan noch wach, als ich nach fast zwei Stunden Fahrt gegen Mitternacht seine Wohnung im Downtown von Dubai gefunden hatte. Er und seine Frau Ina mussten am nächsten Morgen früh arbeiten gehen, und gingen deshalb normalerweise früh ins Bett. Auch ich legte mich hin, konnte jedoch nicht einschlafen. Viele Gedanken um die neuen Eindrücke schwirrten mir noch durch den Kopf. Nur langsam ließ die Aufregung nach. Endlich, mit Blick auf die rot blinkenden Lichter der Hochhäuser vor dem Fenster, übermannte mich der Schlaf.

In Dubai hatte ich ein paar Dinge zu erledigen. Ich musste zur Post und mir ein paar Ersatzteile bei Wolfis Bike Shop besorgen. Der Deutsche Wolfi hat hier in Dubai einen gut sortierten Fahrradladen aufgemacht. Es war die erste „richtige“ Station für Ersatzteile für mich seit Ankara. Dafür ist alles aber auch ein bisschen teurer. Ist ja auch schließlich Dubai.
Den Wolfi habe ich tatsächlich persönlich in seinem Laden getroffen. Ein energetischer, sportlicher Typ. Sein Laden brummt. Es sind bestimmt 8-10 Angestellte dort gewesen. 2-3 Europäer beraten, und eine Truppe Philippiner verrichtet die Reparaturarbeiten.
Ich stand eine Weile still in seinem Laden und wunderte mich, dass man in diesem Land, das so radelunfreundlich ist (tagsüber ist es zu heiß, der Wüstensand zerschmirgelt jedes Rad auf Dauer und die Straßen sind voller dicker Autos), man mit diesem Geschäft Geld machen kann. Doch er promotet seine Idee gut, und hat damit offensichtlich Erfolg.

Slowed Down Construction Area. Dubai gleicht in weiten Teilen noch immer einer großen Baustelle. Die Krise hat die VAE hart getroffen, und begonnene Bauprojekte können nun, wenn überhaupt, nur langsam fertig gestellt werden.

Abends war endlich Zeit, meine beiden CS-Hosts ein wenig näher kennen zu lernen. Wir haben zusammen etwas gekocht. Beim Einkauf der Zutaten stellte ich fest, dass Lebensmittel selber gar nicht so teuer sind wie befürchtet. Ihr Preisniveau entspricht etwa dem Deutschlands plus geschätzte 20 Prozent.
Am zweiten Tag wollte ich Dubai zu Fuß ein wenig erkunden, nachdem ich nach meinen Erfahrungen von den Tagen zuvor das Rad lieber stehen ließ. Es verschlug mich dabei zur Dubai Mall, der größten überdachten Einkaufsmeile der Welt. Die Beschreibung ‘Konsumtempel’ wird diesem Bau nicht mehr gerecht. Es ist vielmehr eine Erlebniswelt, die dem Besucher ein ‘Wow’ entlocken soll. Man soll stocken vor Ehrfurcht vor den technischen Extravaganzen, die hier zur Schau gestellt sind.

Im Zentrum der Mall gibt es ein riesiges Aquarium, das man schön von Außen betrachten kann. Um einmal auf der anderen Seite der Absperrung zu stehen, darf man ein saftiges Eintrittsgeld zahlen.

Noch in keinem Land der Welt habe ich so viele verschiedene Lebensweisen sich überkreuzen und vermischen sehen. Auf den Straßen kann man alle Sprachen der Welt hören. Das reinste Babylon.

Wasser bedeutet Reichtum hier in der Wüste. Mit seiner Zurschaustellung wird also nicht gespart. Der riesige Wasserfall in der Mall.

Man kann den ganzen Tag in der Mall verbringen, und dann hat man noch nicht einmal die Shops gesehen. Mittags ging ich wieder Heim, um mir den Kopf frei zu bekommen. Beim Einkaufen des Mittagsessens erlebte ich eine Überraschung:

Wegen der ganzen Expats hier gibt es sogar Pumpernickel! Schwarzbrot mit Käse, nach 4000 km weißer Fladen, ist ein Genuss.

Die Mall war doch anstrengender als gedacht. Ich blieb den ganzen Nachmittag daheim. Keine Lust mich zu bewegen. Ich schrieb ein bisschen Blog und war happy wie ein Kind, wieder uneingeschränkt Zugang zu Facebook und Konsorten zu haben. Nur die Seite von Couchsurfing war aus irgendwelchen Gründen hier gesperrt. Verstanden habe ich das nicht.

Abends liefen wir zu dritt zu der Fontäne vor dem höchsten Gebäude der Welt, dem Burj Khalifa. Dort werden alle zwanzig Minuten Wasserchoreografien mit Lichtshow veranstaltet. Auch sie sind wahrlich spektakulär.

Alle warten auf die Fontäne. Die drei rechts schauen zum Turm hoch. Der hat aus der Nähe gar nicht erst in den Bildrahmen gepasst, deshalb habe ich es gleich bleiben lassen.

Meine beiden Hosts: Chetan und Ina.

Der dritte Tag war der Tag des Abschieds von Dubai. Dummerweise kam ich später los als geplant. Ein Fehler, der sich noch rächen sollte.
In der Hitze und dem Verkehr fühlte ich mich nämlich schon bald unwohl. Zehn Tage praktisch ohne Radeln waren nicht spurlos an mir vorbeigegangen. Auch die Hitze forderte ihren Zoll. Gegen elf Uhr zeigte das Thermometer schon 35°C im Schatten an. Die Sonne brannte gnadenlos, die Luft war staubig und schwül. Um elf Uhr dreissig, mit nur 26 km auf dem Tacho, nahm ich Zuflucht zu dem Schatten, den ein abgekuppelter LKW-Anhänger bot. Ich legte mich unter den Wagen, und nahm gerne den Sand in Kauf, der mir der Wind am Boden ins Gesicht peitschte, nur um dieser Sonne zu entgehen.
Nachmittags fuhr ich weiter. Die Fahrt führte über den Seitenstreifen der Autobahn durch eine Landschaft aus Sanddünen.

Das heißt, solange jener nicht durch Sandverwehungen blockiert worden war.

Es war absurd: Zwei Monate zuvor war ich mit der Emily und dem Ben bei Minustemperaturen durch Schneeverwehungen geradelt. Jetzt führte ich den gleichen Kampf hier in einer Wüstenlandschaft, nur mit entgegengesetzten Vorzeichen.

Zur Omanischen Grenze hin veränderte sich die Landschaft zu einer Felswüste. Felsen waren mir lieber, denn diese verwehen sich nicht, und setzen sich nicht in meine Kugellager fest. Hügel tauchten auf, und man fuhr an einem trockenen Wadi entlang. Zwei Checkpoints markierten die Stellen, wo man vorübergehend schon einmal Omanisches Territorium betrat, bevor ich am Morgen des zweiten Tages die endgültige Grenze zum Sultanat Oman erreichte.
Das Visum war schnell ausgestellt. Zum Glück funktionierte der Geldautomat dort. Das Visum für dreißig Tage kostete zwanzig Omani Rial, umgerechnet in etwa vierzig Euro. Ich hätte auch ein Visum für nur 10 Tage erhalten können, das hätte nur fünf Rial gekostet. Aber ich musste ja noch das Visum für Indien in Muskat beantragen, und da ich nicht wusste, wie lange das dauert, nahm ich sicherheitshalber die 30 Tage.

Mein treuer Weggefährte in diesen Breiten.

Oman ist so etwas wie das Norwegen der Arabischen Halbinsel. Der herrschende Sultan Qaboos hatte die pfiffige Idee, dass auch ein gut entwickeltes Land soviel Geld abwirft, dass er immer noch in Luxus leben kann. Und so fließt ein Großteil der Erträge aus dem Ölgeschäft in die heimische Infrastruktur. Straßen sind noch besser ausgebaut als in den Emiraten. Häuser sind blitzsauber und strahlen weiß oder cremefarben in der Mittagssonne, überragt nur von dem knubbligen Minarett der örtlichen Moschee. Männer mit Omanischer Kopfbedeckung, gekleidet in blütenweißen Hemden, die bis zu den Knöcheln reichen, fahren klimatisierte Limousinen durch die Gegend und ziehen würzige Parfümnoten hinter sich her.
Und zwischen den Omanis verrichten hunderttausende Pakistaner, Inder, Philippiner, Malaisier und Bangladeshis die harte Arbeit, für die sich die Omanis selber zu Schade sind.

So bog ich, sobald ich den Golf von Oman erreicht hatte, rechts ab Richtung Südosten, Richtung Muskat, entlang einer Autobahn, an der parallel auf beiden Seiten jeweils noch eine wenig befahrene Landstraße lief. Sie war quasi ein zweispuriger Fahrradweg über 350 Kilometer. Das ist schon ein sehr komfortabler Luxus nach den Monaten des Wahnsinns auf den Straßen Irans und der Emirate.

Der Küstenstreifen von Sohar bis Muscat gleicht einem großen, langgezogenen Dorf. Auf Satellitenbildern, die die Nachtbeleuchtung darstellen, kann man das sehr eindrucksvoll sehen. Ich fuhr eine Weile durch diese Mischung aus Häusern, Moscheen, Dattelplantagen und Straßen, und gegen Abend sah ich diese Biker Gang, die sich für mich aufreihte wie die Gang von Locke aus dem Film „City of God“:

Eine Afrikanisch-Arabische Mischung,...

... die laut auf Arabisch Quatsch machte. Ich verstand natürlich kein Wort.

Gut gelaunt bog ich wenig weiter in eine Seitenstraße ab, um mir, so war der Plan, am Strand einen Platz zum Campen zu suchen. Der Strand erwies sich jedoch als weiter entfernt als geplant. So nahm ich mit dem Gebüsch vorlieb, das eine Baustelle einer neuen Straße säumte.

Es sollte eine denkwürdige Nacht werden. Ganz verstanden, was da eigentlich passiert ist, habe ich bis heute nicht, und werde ich auch wohl nie verstehen.
Doch von vorne: In der Abenddämmerung hatte ich mein Zelt aufgeschlagen, und zu der Zeit, wo ich gegessen hatte, war es bereits dunkel. Im Zelt bestimmt das Tageslicht den Biorhythmus, und so war ich schon bald sehr müde und legte mich schlafen. Das muss um halb acht gewesen sein.
Um viertel nach acht wurde ich rüde aufgeweckt von einem Geländewagen, der mit lauter Musik keine zehn Meter an mir vorbei fuhr. Seine hellen Scheinwerfer erleuchteten die Büsche, verhinderten jedoch, dass ich erkennen konnte wer das war. Aus dem Beifahrerfenster leuchtete eine Person die Büsche mit einer großen Taschenlampe ab. Auch mich leuchteten sie kurz an.
Offensichtlich suchten sie etwas, oder jemanden. Etwa mich?

Auf der Fahrt über die Feldwege hin zu meiner Campstelle war ich noch mehreren Personen begegnet. Auch auf der Straßen hatte ich mich mit ein paar Menschen unterhalten. Als Radler falle ich hier sowieso auf wie ein rosa Elefant.
Suchten sie etwa wirklich mich? Es hätte sich gelohnt. Ich bin ein weiches Ziel: ich besitze keine Waffen außer meinem Taschenmesser, von dem ich noch nicht einmal wüsste, wie ich es im Ernstfall einsetzen soll. So gesehen bin ich hilflos. Vieles schoss mir durch den Kopf, der schlagartig wach war.
Zum Glück blockierten ein paar Büsche die Sicht vom Wagen auf mein Zelt, und so fuhr der Wagen weiter, ohne mich gesehen zu haben.
Es hätte die Polizei sein können, die auf der Suche nach irgendwelchen Schmugglern ist. Aber weshalb sollte sie bei der Suche dann so ein lautes Getöse machen? Nein, das war keine Polizei gewesen. Immer klarer wurde mir: Das war jemand auf der Suche nach mir.
In meinem Zelt liegend lauschte ich dem Motorengeräusch der Wagen nach, wie es sich langsam entfernte. Nach einer Viertelstunde, als ich das Ganze schon als harmloser Streich von Jugendlichen abgetan hatte, schlummerte ich langsam wieder ein. Da wurde ich schlagartig wieder aus dem Schlaf gerissen: Dieses Mal waren es Schüsse, und Kugeln pfiffen über mein Zelt hinweg. Sie machten ein leise knatterndes Geräusch, als die Kugeln mit Tropfen oder Mücken in der Luft kollidierten.
Da war der Spaß vorbei. Es bestand akute Lebensgefahr für mich. Das waren echte Kugeln aus einer echten Pistole. Falls eine solche mich treffen sollte, wäre ich erledigt gewesen. Ich war mehrere Kilometer entfernt von jeder Siedlung, und die Wege lagen im Dunkeln. Ich war gefangen, in meinem eigenen Zelt. Nirgends konnte ich hin. Wäre ich aufgestanden, um in Deckung zu laufen, wäre die Wahrscheinlichkeit höher gewesen von einer Kugel getroffen zu werden. So konnte ich nur liegen bleiben und hoffen, dass nicht ein unseliges Geschoss den Weg in mein Zelt findet. Still und mit pumpendem Herzen hörte ich zu, wie diese Idioten ihr Magazin ein paar hundert Meter von mir entfernt leerten.
Waren es die Gleichen, die auch schon mit dem Auto an mir vorbeigefahren waren? Ich wusste es nicht, konnte es nicht sehen, vermutete es aber fast. Vielleicht waren dies die Schüsse eines Enttäuschten, der in buchstäblich blinder Wut sich an dem nicht gefundenen Opfer rächen will.
So oder so: Ich hatte Glück. Das Magazin war leer, und das Auto fuhr irgendwann davon. Noch ein zweites Mal hielt es an, und noch ein paar Schüsse wurden gefeuert, aber dieses Mal nicht in meine Richtung.
Dann war der Spuk vorbei.
So ein Schreck! Als ich mich ein wenig beruhigt hatte, erinnerte ich mich an die Nacht an der Türkisch-Bulgarischen Grenze, wo ich in völliger Abgeschiedenheit das Treffen mit dem Bären hatte. Auch kamen mir die Worte des Ungarischen Mannes in den Sinn, der mir andeutete, dass ich zwar zwei Meter groß sei, es aber nur einer Kugel bedürfe, um mich nieder zu strecken.
Ich hatte Glück gehabt, wieder einmal, und war unversehrt davon gekommen. Doch es sollte mir eine Lehre sein, mein Glück nicht über zu strapazieren.

Nach einer solchen Nacht am nächsten Morgen das Sonnenlicht zu erblicken hat erlösenden Charakter. Aber auch wenn die Nacht zuvor schlecht gewesen war, hilft es nichts sich langen Überlegungen hinzugeben. Man muss weiterfahren, und das tat ich.

Um bei den heißen Temperaturen kühles Trinkwasser in den Flaschen zu haben, gibt es einen simplen Trick: Die Trinkflasche wird in eine nasse Socke gesteckt. Im Fahrtwind verdunstet das Wasser der Socke und dies kühlt das Trinkwasser in der Flasche.

Die Mittagspausen wurden immer länger. Ab 11-12 Uhr ist es zu heiß zum Fahren, und erst ab 4 Uhr Nachmittags kühlt es sich langsam wieder ab. Als Ort für die Pausen sind Moscheen am besten geeignet, da sie oft einen Schatten spendenden Baum haben, kostenlos Trinkwasser bereitstellen und man den Schweiß und Dreck an den Waschbecken loswerden kann. Wenn ich nicht schon immer gegessen hätte, wäre bestimmt auch noch das eine oder andere Mittagsmahl bei einer Familie dabei herausgesprungen.

Die Sicht von unter so einem Baum her.

Nach meinen Erfahrungen der letzten Nacht campte ich nun direkt neben einem Dorf an einem Strand. Noch viele Menschen liefen Nachts in einiger Entfernung an meinem Zelt entlang. Aber so, gesehen von allen, fühlte ich mich sicher.

Der Sonnenaufgang am nächsten Morgen.

Die Fahrt ging weiter, durch das lange Dorf. Ich fuhr so weit es ging am Meer entlang. An einer Kreuzung gab es ein paar Händler, die Büschel grüner Pflanzen verkauften.

Ein Grünzeughändler. Wozu die Pflanzen gut sein sollen habe ich nicht herausbekommen können.

Die Menschen kauften die Pflanzen jedoch gleich büschelweise.

Im Strudel der Jahreszeiten: Herbstfarben im März bei Temperaturen wie bei uns sonst nur im Hochsommer.

Trotz aller Hitze: Der Oman blüht!

Die Einfahrt nach Muskat, der Hauptstadt des Omans verlief anders als geplant. Muskat selber ist nämlich bloß ein kleiner Ort, umgeben von einer Bergkette, wo nur einige Ministerien und der Sultanspalast Platz haben. Die anderen Orte, die die eigentliche Hauptstadt ausmachen, umgeben Muskat. So kann man noch 20 Kilometer von Muskat entfernt sein, de Facto sich jedoch schon mitten im Großstadtverkehr befinden. Das war beim Orientieren in der Stadt erst ganz schön verwirrend.

Mein Host nahe Muskat, der John. Er ist ein Australischer Expat, 'who doesn't mind a social drink'.

Am ersten Tag in der Hauptstadt begab ich mich zu der Indischen Botschaft, um das Visum zu beantragen. Wie sich jedoch herausstellte, kann man das Visum nur bei einer Agentur an der anderen Seite der Stadt beantragen.
Um anderen diesen Umweg zu ersparen ist hier die Adresse:

BLS International Services LLC
Unit 202, Second Floor, Trade Center building No.12, Way No. 4204, Ruwi, Muscat, Oman

Die Agentur ist voller Angehöriger der Familien Indischer Gastarbeiter, die für ihre Familienmitglieder Pässe beantragen. Da genießt man als Tourist, der nur ein läppisches Touri-Visum will, einen gewissen Sonderstatus. Nach nur einer Stunde war ich aus dem Laden wieder raus. Ich könne in einer Woche das Visum abholen.

Auf dem Weg zurück zur Bushaltestelle traf ich per Zufall zwei deutsche Radler, die Veronika und den Matthias. Die beiden befinden sich gerade auf der Rückreise von ihrer dreieinhalbjährigen Radtour über 35.000 km quer durch Asien. Sie hatten in Pakistan kein Visum für den Iran bekommen. Deshalb sind sie auf die Arabische Halbinsel geflogen und würden in einer Woche von Dubai aus nach Georgien fliegen. Da also auch sie ein paar Tage Zeit übrig hatten, einigten wir uns zusammen bis zur Stadt Sur zu fahren.
Ich teilte die überraschende Wendung meiner Reisepläne meinen Hosts mit, und am Mittag des nächsten Tages trafen wir drei Radler uns und fuhren los.

Laternen putzen auf dem Platz vorm Sultanspalast in Muskat. Im Hintergrund kann man die Mauern und Türme sehen, die hier viele Felsen zieren.

Der erste Tag war recht kurz, da wir von einem radreisebegeisterten Omani angesprochen wurden, einkaufen mussten und noch etwas essen wollten. Die Straße aus der Stadt heraus an der Küste entlang war sehr steil und unsere Karten ungenau. So schafften wir nur wenige Kilometer, und schlugen unsere Zelte in einem Nebenarm eines Wadis auf. Die Campstelle wählten wir mit Bedacht. Man soll eigentlich nicht in Wadis zelten, auf Grund der Gefahr eines möglichen Sturzbachs. Wegen der bergigen Gegend blieb uns jedoch gar keine andere Wahl. Wir wählten die Stelle im Inneren einer Kurve, so dass ein möglicher Wasserlauf an uns vorbeigeflossen wäre.

Camping und Abendessenszubereitung im Dunkeln.

Am nächsten Morgen waren wir noch nicht weit gekommen, als sich Probleme mit dem Pedal von Matthias einstellten. Eine Reparatur aus Sibirien gab langsam den Geist auf, und das Pedal wackelte lose in seiner Befestigung. Noch manches Mal mussten wir die Tage anhalten, um das Problem nachzubessern. Am Ende ging es jedoch.

Fahrradreparatur auf der Piste. Die beiden kannten sich aus und blieben ganz cool.

Abseits der Hauptstraßen findet man herrlich verlassene Pisten.

Zurück auf der Hauptstraße quert man so manches breite Wadi über eine Brücke.

Nahe Bimmah, gleich neben der Küste, gibt es eine große, tiefe Doline. Sie ist am Boden mit Wasser gefüllt. Angeblich soll es sogar einen unterirdischen Zugang zum Meer geben. Es ist eine der Touri-Attraktionen dieser Gegend, und viele Reisegruppen in ihren Geländewagenkolonnen machen hier halt.
Es gab auch eine deutsche Reisegruppe, bestehend aus meist Rentnern von 60-70 Jahren. Wir hatten unsere Räder ganz in der Nähe abgestellt, als ein älterer Herr von ihnen uns ansprach. Ob das nicht sehr strapaziös sei? Was er damit meine? Na, das Radeln in der Mittagshitze sei ja sicher kein Spaß. Sicher nicht, antworteten wir, aber mittags macht man ja auch Pause. Wir unterhielten uns noch eine Weile mit ihm. Er war ganz freundlich, aber doch erstaunt über unsere für ihn neue Reiseart. Der Gipfel für ihn war, als wir feststellten, dass wir von dem Geld, das seine 12-tägige all-inclusive Reise kostet, fast ein Jahr lang reisen könnten. Das war ihm dann doch zu viel, und er zog davon. Veronika und ich schauten uns an und mussten lachen.

In dem klaren Wasser der Doline kann man wunderbar schwimmen.

Diversion ahead! Überreste einer Baustelle.

Es ging immer der Straße nach Sur entlang.

Bei einer Gelegenheit trafen wir diese beiden Älteren, die ihren Nachmittag im Schatten einer Moschee am Hafen verbrachten.

Übrigens: Sogar kleine Jungs tragen diese traditionellen Hemden.

Fischerboote im Hafen.

Am Abend gelangten wir zum Wadi Shab, einer der spektakulärsten Orte, an die mich diese Reise bisher führte. Das Wadi hatte sich eine tiefe Schlucht in den Fels gefurcht, an dessen Seiten Datteln angebaut wurden. Einmal mehr fühlte man sich wie in einen Film versetzt. Long John Silver hätte jeden Moment hinter einer solchen Palme hervorspringen können.

Der Eingang des Wadi Shab.

Im tiefen Tal wurde es schon früh dunkel. Beim Geräusch quakender Frösche suchten wir uns einen schönen Ort in der Nähe einer der vielen Pools, so dass wir am nächsten Morgen aus dem Zelt heraus schwimmen konnten.

Veronika bereitet das Frühstück zu.

Eine Kiesbank im Wadi.

Wir lagen gut in der Zeit und waren total begeistert von der Schönheit des Wadis. Wir sind also erst einmal geblieben. Ich bin praktisch den ganzen Tag geschwommen und von den Felsen gesprungen. Im klaren Wasser nuckelten kleine Fische an meiner Haut herum. Sie waren auf der Suche nach toten Hautschuppen. Es hat ein bisschen gekitzelt.
Die andern beiden ruhten sich viel im Schatten aus. Erst spät nachmittags verließen wir das Wadi, nur um gleich darauf in das benachbarte Wadi Tiwi einzukehren, das ähnlich schön ist. Das Wadi Tiwi war jedoch in einer Hinsicht weniger für Radler geeignet:

Die Wege über die Hänge in das Wadi rein waren viel zu steil!

Das Schieben der bepackten Räder war sehr anstrengend. Die Gegend war auch kaum geeignet zum Campen. Entweder waren die Hänge zu steil, oder große Felsblöcke blockierten die ebenen Stellen. Gleiches galt für das Flussbett selber. Erst spät fanden wir eine Kiesbank, auf der man ein Zelt aufstellen konnte.
Unmittelbar neben uns war das Haus einiger Pakistanis, die sich hier um das Bewässerungssystem kümmerten. Sie hatten gerade ein Schaf geschächtet, das am Abend über einem Feuer gebraten wurde und brachten uns süßen Chai zum Frühstück.

Nach dem Frühstück haben wir nochmal schön gebadet im klaren Wasser des Wadis.

Der Matthias im Licht.

Der Pool gleich vor der Zelttür.

Vom Wadi aus ging es über die letzten 40 Kilometer nach Sur, einer kleinen ruhigen Hafenstadt. Es empfing uns der Nick, ein Brite, der hier Englisch unterrichtet. Laut ihm sei es die einfachste Methode, fremde Länder zu sehen und gutes Geld zu verdienen. Die Nachfrage jedenfalls sei enorm.
Wir hatten einen schönen Abend bei einem Bier und Wasserpfeife und tauschten unsere Erfahrungen über das Radeln im Allgemeinen und Oman im Speziellen aus.
Im Laufe des Abends erzählte Nick uns, dass es sehr einfach sei hier im Oman zu trampen, da die Omanis sehr hilfsbereit seien. So entschlossen wir drei uns am nächsten Tag, anstelle mit dem Bus zu fahren, einfach wieder nach Muskat zu trampen.
Und in der Tat: Matthias hatte am Straßenrand gerade erst seinen Arm herausgestreckt, da hielt auch schon ein Pickup an. Hier trennten sich die Wege von Matthias, Veronika und mir. Alle würden wir mit den Rädern nicht in ein Auto passen. Ich fuhr mit dem ersten Pickup mit, sah jedoch noch im Rückspiegel, wie schon ein zweites Auto anhielt, um die beiden anderen mit zu nehmen. Gleich das zweite Auto, das für mich anhielt, fuhr durch bis Muskat, und setzte mich quasi direkt vor meiner Haustür ab. Alle Widerrede, er könne mich auch früher absetzen, half nichts – so hilfsbereit sind sie eben, hier im Oman.

Ich verbrachte ein paar letzte ruhige Tage hier bei John und Jen, den Australiern. Das Visum lag bereit da (Sechs Monate Indien, Yes!), ich buchte meinen Flug, und bereitete mich mental auf den Kulturschock vor, der Indien sein würde.

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