Mar 212012
 

Hallo liebe Freunde,
vor ein paar Wochen habe ich in einem ersten Artikel die Vorteile hervorgehoben, die der Eigenbau des Reiserads bietet. Aufgrund meiner positiven Erfahrungen mit dem Eigenbau möchte ich in diesem Artikel einige grundlegende Hinweise und Tipps dazu aufführen.

Bevor wir uns auf die Materie stürzen, zuerst ein Wort der Entwarnung: Der Fahrradbau ist keine Wissenschaft! Er bedarf sicher gründlicher Planung und Vorbereitung. Aber hab’ bitte keine Angst vor etwaiger eigener Unterqualifizierung. Gute Vorbereitung, gesundes Zutrauen in die eigenen Fertigkeiten und ein wenig Hilfe seitens des Fahrradhändlers reichen aus um ein Fahrrad zusammen zu bauen. Ich war zu der Zeit, als ich mir mein Rad gebaut habe, noch Mathematikstudent an der Uni. Viel praxisfremder als ich hätte man gar nicht ausgebildet sein können. Trotzdem habe ich es geschafft. Moderne Räder lassen sich größtenteils mit ein paar Inbusschlüsseln und einem Schraubenzieher zusammensetzen. Für die technisch komplizierteren Aufgaben (Einspeichen der Rädern, Einbauen der Lager), für die Spezialwerkzeug nötig ist, kann man sich immer noch an seinen Händler wenden. Ich behaupte daher, dass jeder, der weiß, wie man einen Schraubendreher benutzt, auch ein Fahrrad zusammenbauen kann. Auch du!

Die Vorbereitungen:

Der erste Schritt eines jeden Projekts ist die Formulierung der Zielvorstellung. Bei einem Reiserad stellen sich zum Beispiel folgende Fragen: Was soll das Rad können? Welchen Ansprüchen muss das Rad genügen? Das heißt zum Beispiel: Wie schwer sind ich und mein Gepäck? Welche Strecken möchte ich fahren? Wohin? Wie lang? Asphalt oder Feldwege? Und nicht zuletzt: Was ist mein Budget?
Nach diesem erweiterbaren Fragenkatalog wird sich bald der passende Fahrradtyp herauskristallisieren.
Wozu macht man das Ganze? Ganz einfach: Indem du eine konkrete Vorstellung von dem hast, was das Fahrrad können muss, sparst du dir am Ende unnötige Fehlkäufe und dadurch wieder Geld.

Die Wahl des Fahrradhändlers.

Der Fahrradhändler ist Dreh- und Angelpunkt für jeden, der noch nicht so viele Erfahrungen mit dem Fahrradbau hat. Es lohnt sich also mehrere durchzuprobieren, um den Richtigen zu finden. Ich habe zu seiner Zeit bei acht Händlern vorbeigeschaut, bis ich den einen gefunden hatte, der mir meine Fragen zur Zufriedenheit beantworten konnte. Dies war, ich will es euch nicht vorenthalten, die Radspannerei in Berlin Kreuzberg. Es geht den Menschen dort in erster Linie um die Freude am Rad, und das Geld kommt erst an zweiter Stelle.

Fahrradhändler sind Menschen und müssen sich und oft eine Familie ernähren. Daher können sie bei den Dumpingpreisen der Internetanbieter nicht mithalten. Ihre Preise sind also höher als die im Internet. Das unschlagbare Argument zugunsten des Fahrradhändlers ist jedoch seine große Erfahrung auf dem Gebiet der Fahrradmechanik. So kann nur er die vielen speziellen Fragen beantworten, die bei dem Fahrradbau auftreten. Optimalerweise hat er sogar Erfahrungen in Sachen Fahrradtour und kann bei der Auswahl der entsprechenden Teile beraten.

Werkzeug und Fachliteratur:

Frei nach Schiller gilt: Die Axt im Haus ersetzt den Zimmermann. Deshalb: Zum Zusammenbau des Rads braucht man sowohl Werkzeug als auch etwas Fachwissen.

Zum Ersteren:
Es lohnt sich gutes Werkzeug zu kaufen. Dies schont die Bauteile und die Nerven. Um den Kauf von Werkzeug kommt man bei einer Fahrradreise ohnehin nicht umhin, da es mit auf’s Rad kommt. Daher bildet dieser Kauf nicht einmal eine Zusatzausgabe.
Zum Zweiten gibt es mittlerweile einiges an Fachliteratur auf dem Markt. Beim Lesen kann man sich ein erstes Fachwissen anlesen. Für alle weiteren Fragen sollte man sich dann an den Händler wenden. Der freut sich meistens sogar einmal ein Gespräch über sein Lieblingsthema (das Fahrrad!) auf etwas höherem Niveau als sonst führen zu können.

Die Wahl der Komponenten:

On Building a Bike

Bei der Wahl der Komponenten gibt es neben der richtigen Wahl der Größe usw. ein paar grundsätzliche Sachen zu beachten.

Grundsätzlich gilt bei einem Reiserad: Robustheit geht immer vor Leichtbau! Das Reiserad soll lange und treu dienen. Gewicht ist bei einem Reiserad nahezu völlig unerheblich, da man ohnehin mit oft über 25 kg Gepäck radelt. Da machen beim Gesamtgewicht 100g mehr oder weniger keinen Unterschied mehr. Sehr wohl jedoch auf langer Tour die fehlende Robustheit in manchen Teilen! Beim Leichtbau wird jedoch leider oft an genau dieser Robustheit gespart.
Man denke daran: jedes Teil, das kaputt gehen kann, wird irgendwann kaputt gehen. Je höher die Robustheit, sprich Qualität, desto später wird dies geschehen und desto länger währt die Freude am Rad.

Der neuester Stand der Technik.

Es ist ein zweischneidiges Blatt: So ist echter technischer Fortschritt grundsätzlich zu begrüßen. Er bringt höhere Qualität und z.T. weniger Gewicht. Jedoch sind technische Neuerungen oft sehr teuer.
Es greift jedoch ein zweiter Punkt, der meiner Meinung nach wesentlich wichtiger ist: Passende Ersatzteile technischer Neuerungen sind im Ausland oft schwer oder gar nicht zu beschaffen, da sich der Standard dort noch nicht durchgesetzt hat.

Man nehme sich deshalb vor den Verkaufsstrategien der Fahrradindustrie in Acht: Diese sind natürlich daran interessiert einem die Neuerungen, ob sinnvoll oder nicht, schmackhaft zu machen, da sich mit diesen am meisten Geld verdienen lässt. Um aus dem Dschungel der Angebote die richtigen Teile auszusuchen, helfen nur viel Überlegung, viel Zeit, und viele Gespräche mit Fachleuten.

Ich finde daher, dass es günstiger und sicherer ist, sein Geld in simple Mechanismen zu stecken. Heutzutage werden beispielsweise viele Räder mit Hydraulikbremssystemen verkauft. Diese sind wartungsarm und bieten gewisse technische Vorteile. Was macht man jedoch, wenn einem wegen einem blöden Manöver in Hinterindien plötzlich der Bremsschlauch reißt? Passende Ersatzteile findet man dort nicht. Grundlegende Mechanismen, wie in diesem Fall der gute alte mechanische Bremszug, erfüllen genau so ihre Pflicht, und können einfach im Ausland ersetzt werden.

Soviel zu der Wahl der Komponenten. Nachdem man sich auf die Teile selber hat festlegen können, fehlt nun nur noch ein letzter Schritt: Es ist ratsam vor dem endgültigen Kauf noch einmal alle Komponenten gründlich mit dem Händler durchzusprechen im Hinblick auf Kompatibilität und Alternativen.

Der Kauf der Komponenten:

Die Wahl ist getroffen, nun wollen die Komponenten gekauft werden. Um Geld zu sparen, lohnt es sich, alle Komponenten auf einem Mal bei einem Händler zu kaufen. Der Händler kauft die Teile für einen Bruchteil des Preises ein, für die er sie weiter verkauft. Aufgrund dieser Preisspanne wird man gut mit ihm über den Preis verhandeln können. Man kann außerdem in den Preis Services mit einschließen, z.B. den Einbau schwieriger Teile (Stichwort Tret- & Steuerlager, Räder einspeichen etc.). Dies spart weiter bares Geld.

Die Teile sind nach reichlich Überlegung besorgt, und liegen nun bereit? Dann kommen wir jetzt zum spannendsten Teil:

Der Zusammenbau.

On Building a Bike

Man nehme sich einige Tage Zeit. Das Rad wird höchstwahrscheinlich nicht in einem Tag stehen. Das Wochenende kann dazu geeignet sein, jedoch sind dann die meisten Radläden zu. Das ist blöd in dem Fall, falls einem zum Weiterschrauben genau dieses eine Teil fehlt, dass nur der Händler hat.
Zum Zusammenbau legt man sich zunächst wie beim Backen eines Kuchens alle Teile bereit. Dann beginnt man, Schritt für Schritt, das Rad vom Rahmen aus aufzubauen. Keine Angst vor Fehltritten! Die meisten Schritte sind wieder umkehrbar, und man wird, gerade am Anfang, viele Teile mehrfach ein- und wieder ausbauen müssen. Dies gehört zum Lernprozess und so lernt man sein Rad besser kennen. Vorsicht jedoch mit Schritten, die nicht mehr umkehrbar sind: Das Kürzen von Brems- und Schaltleitungen sollte erst ganz am Ende erfolgen.

Nach und nach wird das Rad nun sichtbar. Glaub’ mir: Das ist nach all der Vorbereitungszeit ein unglaublicher Prozess! Lass dich nicht entmutigen, alles wird gut! Bald steht das Fahrrad. Hat alles geklappt? Glückwunsch!

Stolz betrachtet man sein Rad, in das viel Planung und Schweiß geflossen ist. Jetzt müssen die Feineinstellungen erfolgen. Dann kann man losfahren, auf seinem selbstgebauten Reiserad.

On Building a Bike

So in etwa lief es bei mir. So oder so ähnlich könnte es auch bei Dir laufen. Meine große Lehre aus dem Bau war, dass ein Fahrrad nicht so kompliziert ist, dass man es nicht selber zusammenbauen kann. Deshalb: Wenn ich das kann, kannst du das auch. Versuch’s!

euer Johannes Bondzio

Dieser Artikel habe ich im rad-forum.de mit seinen Mitgliedern diskutiert. Für ihre hilfreichen Hinweise danke ich ihnen vielmals.

Haftungsausschluss:
Ich habe diese Angaben nach bestem Wissen und Gewissen gemacht. Es ist als Anregung gedacht. Ich muss jedoch im Rahmen der Gesetzgebung darauf hinweisen, dass kein Anspruch auf Vollständigkeit besteht, und ich für etwaige Schäden an Mensch oder Umwelt keine Haftung übernehmen kann. In Zweifelsfällen ist bitte immer der Fahrradhändler zu Rate zu ziehen. Ich bitte um Verständnis.

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