Apr 282012
 

Der erste Tag Radeln in Indien war heiß. Der Verkehr der Stadt war dicht und laut, so dass vor Konzentration und Anstrengung mir schon bald der Schweiß in Strömen vom Körper lief. Ich schlängelte über eine Stunde durch den Verkehr, bis ich an die Stadtgrenzen kam. Jedenfalls die, die auf den Plänen eingezeichnet waren. In Wirklichkeit erstreckt sich der Ballungsraum Chennai nämlich noch viel weiter in das Inland, und der Übergang zu ländlichen Gegenden erfolgt nur sehr fließend.

Herrliche Bäume am Straßenrand.

Immerhin bedeutete das, dass meine Trinkwasserversorgung an dem Tag erst einmal gesichert war. Dies war eine meiner größten Sorgen gewesen: Wie versorge ich mich mit Wasser und Nahrung ‘dort draußen’? Ich wusste ja nicht, wie Indien auf dem Lande aussieht. In der Tat scheint hier jede noch so kleine Siedlung einen kleinen Laden zu haben, wo man Wasser bekommt. Zu Essen bekommt man in allen größeren Dörfern. Die Grundversorgung war also schon mal kein Problem.

Bauer mit Kuh im Feld.

Die erste Zeltplatzsuche der Fahrt an diesem Abend war nicht ganz so einfach: Die Siedlungen standen dicht an dicht, und auf den Feldern waren überall Menschen. Keine Chance irgendwo ungesehen ein Zelt aufzuschlagen. Ich fuhr und fuhr, und es wollte einfach keine geeignete Stelle erscheinen. Bis ich zuletzt, auf der anderen Seite der Bahntrasse neben der Straße, ein leeres Feld sah. Ich kundschaftete es aus, sah, dass es geeignet ist, und kroch schon bald in mein Zelt.
Im Zelt fing ich sofort wie bescheuert an zu schwitzen. Es waren immer noch, auch jetzt im Dunkeln, um die dreißig Grad Celsius. In dem Zelt fehlt einem die leichte Abendbrise, und die Hitze staut sich unter dem Außenzelt. Da ich nicht wusste, ob mich hier jemand in der Nacht entdecken wird, bevorzugte ich es bei geschlossenem Zelt zu schlafen. Es sollte eine widerliche Nacht werden.
Aus Unüberlegtheit hatte ich mein Zelt keine dreißig Meter von der Bahntrasse entfernt aufgestellt. Dies hatte ich im Iran zuvor auch schon öfter gemacht. Dort fuhren in der Nacht vielleicht zwei, drei Züge vorbei, so dass man im Grunde ganz in Ruhe schlafen kann. Hier in Indien jedoch rollen die Züge die ganze Nacht über. Jedes mal, wenn so eine stampfende Diesellok vorbeikam, war es, als ob sie quer durch mein Zelt fuhr. Das erste Mal schaute ich tatsächlich nach, um mich zu vergewissern, ob die Gleise wirklich noch an der Stelle waren wie vorher. Absurd, ich weiß, aber ich hielt nach der kurzen Zeit hier in Indien vieles für möglich.
Wegen der Hitze schlief ich schlecht. Mein Körper wollte einfach nicht aufhören zu schwitzen. Alles war glitschig und feucht. Das gipfelte darin, dass ich gegen ein Uhr nachts von Wassertropfen aufgeweckt wurde, die mir auf die Stirn fielen. Das Zelt war nicht etwa undicht, nein: Mein Schweiß war an das Außenzelt kondensiert, sammelte sich dort, und tropfte nun wieder auf mich herab. Regen im Zelt. Widerwärtig. Fluchend deckte ich im Mondschein das Außenzelt vom Innenzelt ab, nicht ohne dass weitere Tropfen sich auf meinen Schlafplatz verteilten, und schlug es zur Seite. Jetzt war alles nass.
So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Am nächsten Morgen war ich übermüdet, und alles andere als erholt. Wenn das so weiterginge, dachte ich mir, während ich zwei dürftige Bananen zum Frühstück verdrückte, wird das in der Tat eine sehr kurze Indientour. Meine Sachen waren klatschnass. Wegpacken konnte ich die so nicht. Ich breitete sie in den ersten Strahlen der Morgensonne aus, und schon nach einer halben Stunde waren sie weitestgehend getrocknet. So stark ist die Sonne hier in diesen Breiten.
Wie das immer so ist, ist der Tag nicht so schlimm, wie es zunächst am Morgen scheint. Nach etwa einer Stunde Radeln kam ich an einen Truckstop vorbei – Indische Version: Ein staubiger Parkplatz mit einer schäbigen Hütte aus Bambus und Plastikplanen, wo es Tee gibt, und ein großes Wasserbecken, zum Waschen von Mensch und Maschine.

An dem Becken standen auch schon ein paar Trucker, und machten ihre Morgentoilette.

Das war meine Rettung. Man zeigte mir, wie man sich wäscht: Anstelle einer Dusche, schüttet man sich hier mit einem kleinen Eimerchen das Wasser über den Kopf. Endlich wurde ich sauber. Wenigstens für die nächsten zehn Minuten. Das Waschen hat mir selten soviel Spaß gemacht.
Die Trucker und ich verstanden einander mit keinem Wort, natürlich. Man spricht hier Tamil. Trotzdem luden sie mich danach zu Tee und einem gekühlten Wasser ein. Gerade das Wasser habe ich bei der staubigen Hitze sehr genossen. Eine feine Sache das.

In der nächsten größeren Stadt, Tirupati, musste ich nachkaufen, was ich in Chennai vergessen hatte: Klopapier. Ich bin zwar mittlerweile daran gewöhnt, die kleinen Wassereimerchen auf dem Klo zu benutzen, aber auf der Straße braucht man trotzdem dieses kleine bisschen Extra an Flexibilität, das einem Klopapier bietet. Für die Inder ist es ein westliches Novum (war es in Europa übrigens hundert Jahre vorher auch, bevor die großen Klopapierhersteller die fixe Idee hatten, aus dem medizinischen Hygieneprodukt einen Alltagsartikel zu machen). Man findet es deshalb hier auch nur in großen Supermärkten und den Touristenhochburgen.
Nördlich von Tirupati fängt ein Nationalpark an, durch den sich eine Landstraße windet. Die Straßenränder waren jetzt mit dichtem Gebüsch verstellt, und große Affenfamilien bevölkerten den Straßenrand. Dies war wieder also kein Platz zum Zelten. So kam ich abends in ein kleines Dörfchen, kaufte mir Wasser für die Nacht, und fragte nebenbei den netten Budenbesitzer, ob es hier einen Ort zum Zelten gebe. Doch, den gebe es: Der Hindu-Tempel gegenüber. Tatsächlich gab es dort einen etwa sechs Meter hohen Tempel, verziert mit vielen bunten Figuren, direkt neben der Straße.
Die Vorstellung, in einem solchen Tempel zu übernachten, fand ich am Anfang doch etwas befremdlich. Ich hatte schon in muslimischen Ländern bei Moscheen angefragt, und selbst dort, wo Gastfreundschaft so groß geschrieben wird, habe ich nie in einer übernachten können. Der Swami selber, also quasi der Priester der Hindus, war auch gar nicht da zu dem Zeitpunkt, so dass wir ihn auch nicht fragen konnten. Ich bat die Gemeinschaft darum um einen anderen Ort. Man wies mir ein leerstehendes Haus an. Das war schon wesentlich besser. Man war etwas abgeschirmt vom Lärm der Straße, und hatte ein echtes Dach über dem Kopf. Neugierig beobachteten mich die Kinder beim Zeltaufbau. Als ich fertig war, führten mich zwei Männer ein wenig durch das Dorf. Am Anfang waren sie sehr freundlich, aber plötzlich fragten sie mich, ob ich ihnen keinen Whiskey spendieren könne. Sie seien sehr arm, und könnten sich das nicht leisten. Das war eine unangenehme Situation. Eigentlich wollte ich nicht, da ich Alkohol selber nicht viel abgewinnen kann, und ich nicht einsah, für ein paar Meter Führung und vor allem ohne vorherige Vereinbarung ihnen etwas derartiges auszugeben. Andererseits konnte ich nicht einschätzen, wie das Verweigern dieses ‘Gefallens’ die Stimmung in dieser kleinen Dorfgemeinschaft beeinflussen würde. Es war bereits dunkel, und ich war auf die Wohlgesinnung der Dorfgemeinschaft angewiesen. Deshalb ließ ich mich breitschlagen. Es war ein Tausch: Schnaps gegen Sicherheit.
Bei der Rückkehr wurde ich zum Swami zitiert, der mittlerweile zurückgekehrt war. Er bestand darauf, dass ich bei ihm im Tempel übernachte. Es würde auch Essen geben. An sich eine coole Sache, das Schlafen in so einem Tempel. Bloß befand sich dieser Tempel halt genau an der Straße, über die viele Laster fuhren. Um die Sache schlimmer zu machen, befand sich direkt am Tempel ein Verkehrshügel zur Geschwindigkeitskontrolle, an dem die Laster jedes mal bremsen, drüberpoltern, und anfahren mussten. Das machte einen großen Lärm. Der Swami ließ sich aber nicht von seiner Idee abbringen. Er schläft jede Nacht dort draußen, und war daran natürlich gewöhnt. So blieb mir nichts anderes übrig, als mein Zelt samt Fahrrad zurück zum Tempel zu verfrachten, wo ich es neben einer Gottesstatue in einem Käfig aufbauen konnte.
Später gab man mir zu essen. Es gab kalten Reis mit Soße. Man isst hier mit den Händen. Das musste ich erst noch lernen. Als ich dazu die linke Hand verwenden wollte, klopfte man mir entsetzt darauf. Die Linke ist hier, wie auch im Iran, die unreine Hand. Zum Essen ist sie streng verboten.
Die Nacht war erwartungsgemäß wieder kurz. Ich hatte mir zwar Gehörschutz besorgt, aber der half bei den quietschenden Bremsen und grollenden Motoren der anfahrenden Laster nicht viel. Aber der menschliche Geist ist zu vielem fähig: Irgendwie schlief ich dann doch ein.

Mein Zelt neben der Gottesstatue.

Am Morgen ein Luxus: Kaltes Wasser zum Waschen des Körpers. Herrlich, denn schon kurz nach Sonnenaufgang wurde es schon wieder warm. Nach der Toilette machte ich mich abfahrbereit, während der Swami in den Tempel zum Beten ging. Als er hineinging, wies er mich an zu warten. In dem Glauben, dass er mir noch auf Wiedersehen sagen wollte, wartete ich. Als er nach einer Viertelstunde wieder aus dem Tempel heraus kam, hielt er einen Spendenquittungsblock in den Händen. Ich hätte gegessen und geschlafen, jetzt möge ich bitte auch zahlen. Wieder eine unvereinbarte Zahlung. So langsam hatte ich aber die Nase voll. Aber sie ließen nicht locker. Ich hatte noch nicht gelernt, vehement Nein zu sagen. Dem alten Swami mit seiner sanften Art hätte ich es auch unmöglich entgegen feuern können. Grummelnd schob ich ihnen einen Schein zu. Dafür wollte ich jetzt aber wenigstens ein paar Fotos. Bitte, bitte, die könne ich haben. Ich kam mir verarscht vor.

Der Swami vor seinem Tempel. Da auf der zusammengerollten Matte links schlief er.

Mittags machte ich Pause in einem kleinen Ort namens Rajampet. Dort sprach mich ein junger Student an. Er bot mir an sein nahe gelegenes College der Ingenieurswissenschaften zu besichtigen. Das klang nach einer guten Gelegenheit ein wenig Zeit tot zu schlagen, und ich sprang bei ihm hinten auf das Motorrad drauf.
Am Eingang des College wurden meine Daten genau notiert, mein Tascheninhalt genau kontrolliert, bevor der Wachmann mich mit einem ‘No photos!’ durchließ. Drinnen entfaltete sich das entspannte Treiben eines Hochschulcampus. Wir nahmen die Kurve links und liefen in den Schatten des Pharmaziekomplexes. Dort fanden gerade die Abschlussprüfungen statt. Dies hinderte jedoch keinen daran, laut sprechend durch die hallenden, von indirektem Sonnenlicht erhellten Gänge zu gehen. Die Türen zu den Prüfungsräumen standen sogar weit offen. An Lärm scheint sich in diesem Land einfach niemand zu stören. Lärm ist das Geräusch der Anderen, und die Anderen könnten auch du sein, oder so ähnlich.
Die Kunde von dem großen Weißen mit Hut (mir) machte schnell die Runde. Kurz nach meinem Eintreffen wurde ich von einem jungen Assistenzprofessor begrüßt. Der war zunächst etwas misstrauisch, und wollte wissen, was ich hier mache. Nachdem ich ihm erklärt hatte wer ich bin, lockerte er sichtlich auf. Der Punkt, dass ich auf Reise bin, nur um ihr Land zu sehen, gefiel ihm jedoch gar nicht. ‘Here in India, we work and work, and there is no time for a break’ kommentierte er mein Unternehmen. Ich schätze, da hatte er wohl recht.
Für mein Weiterkommen wünschte man mir alles Gute und gab mir zum Abschied eine Flasche gekühlten Wassers. Einer der Studenten bat mich, meine Hand sehen zu dürfen. Nach einem kurzen, intensiven Blick auf meine Handinnenfläche lächelte er, und sagte: ‘Oh that is good! You will always find food!’
Na immerhin, meinen Handlinien zufolge werde ich also nicht den Hungertod sterben. Das ist doch schon einmal etwas. Interessant, was für Studien man hier neben seinem Studium noch so alles verfolgt.

Ich kam an einem Tempelkomplex vorbei, wo ein Wasserbüffel aus einer Plastiktüte Reis aß.

Ein freundlicher Verkäufer vom Essensstand.

Auf der weiteren Fahrt vermisste ich die vielgepriesene Vielfältigkeit Indiens. Ich hatte schon versucht, kleinere Straßen zu nehmen, in der Hoffnung durch ein paar schöne Landschaften zu kommen. Was sich da jedoch vor meinen Lenker erstreckte, waren staubige Äcker, trockene Gräben, und in der Hitze schimmernde Dornenbüsche.

Ruhe in der Mittagshitze.

Alles Land war zur Ernährung der Milliardenbevölkerung urbar gemacht worden. Von Abwechslung konnte man nur soweit sprechen, als dass hier mal Reis, dort mal Mais, und auf dem nächsten Feld mal Weizen angebaut wurde. Schleichende Enttäuschung machte sich mit jedem Tritt breiter, während ich ständig schwer atmend in einem Klecks Schatten meine Wasserflasche nachfüllte. Ich habe es mal nachgezählt. Locker acht Liter Wasser habe ich an jedem Tag verbraucht. Man schwitzt so viel, dass man nur ein, zwei Mal pro Tag austreten muss. Einmal morgens, einmal abends. Der Körper brummt regelrecht, um der Hitze Herr zu werden.

Eingängige Parolen am Fabrikgelände.

Gegen Abend überholte mich ein Motorrad mit drei Jugendlichen drauf, von denen zwei ganz ordentlich Englisch konnten. Das ist hier in Indien durchaus nicht (mehr?) selbstverständlich. Sie waren sehr freundlich, und freuten sich offensichtlich mich zu sehen. Kurz darauf kamen wir in ihr Heimatdorf. Dort gab es einen Essensstand, bei dem wir halt machten. Beim Essen von ein paar frittierten Zwiebelbällchen überdachte ich die Lage, und fragte an, ob es hier einen (diesmal bitte kostenlosen) Platz zum Zelten gebe. Die Schar der Neugierigen um mich herum wuchs und wuchs. Doch den Platz gebe es, erklärte mir Ranesh, mein treuer Übersetzer von da an. Dort im Tempel.
Ha, das kannte ich schon. Darauf falle ich nicht noch einmal herein, dachte ich. Nicht willens, noch einmal unfreiwillig einen Spendenbeleg unterschreiben zu müssen, fragte ich, ob es auch möglich sei daneben zu zelten. Die Menge, mittlerweile bestimmt fünfzig Menschen, stand dicht um mein Fahrrad und schaute und schaute. Ein paar Wagemutige betätigten die Klingel. Doch, das ginge auch, erklärte Ranesh.
So wechselten wir rüber zum Tempel, wie eine kleine Prozession. Ich voran, mit meinem Fahrrad und Ranesh neben mir, und das halbe Dorf in einer Traube hinterher.
Neben dem Tempel war ein kleines Kiesfeld, gut geeignet für ein Zelt. Wir standen da, und es dämmerte. Mit der universellen Geste für Essen fragte mich eine alte Frau, ob ich schon gegessen hätte. Nein, das hätte ich nicht, und wenn sie etwas hätten, wäre ich gerne bereit dafür zu zahlen, antwortete ich. Man zog sich zur Beratung zurück, und kurz darauf kam Ranesh wieder und sagte: ‘We take care of it.’ ‘How much?’ fragte ich. ‘No pay, you are our guest.’ Ich fragte nach, mehrmals, denn ich wollte nun wirklich niemandem eine Bürde sein. Sie waren sich jedoch sicher. Ich dachte mir: na also, es geht also auch anders in Indien.
Jetzt möge ich aber bitte mein Zelt aufbauen. Da hatten sie recht, denn es dämmerte schon stark, und ich packte es aus. Im Kreisrund standen sie um mich herum, während ich die erste Zeltstange in einander steckte. Sobald sie das Prinzip verstanden hatten griffen sie schon zur zweiten, während ich noch mit der ersten zugange war. Ich ließ sie gewähren. Was konnte schon schief gehen.
Als ich die Stangen durch die Ösen des Zeltes führte, gingen mir ein paar Kinder zur Hand. Mit Rufen und ein paar schallenden Ohrfeigen wurden sie von den Älteren vertrieben, die daraufhin das Privileg sichtlich genossen mir helfen zu können.
Wenn die zweite Zeltstange fertig eingeführt ist, wird aus dem unförmigen Stück Stoff meines Zeltes plötzlich ein richtiges Haus. Stimmen überraschter Bewunderung summten überall um mich herum, während ich die Zeltheringe in den Boden drillte. ‘Dschärmanie, Dschärmanie’ raunte es.
Nun wollte ein jeder das Zelt sehen. Ich öffnete also einen Eingang, und erklärte den Zweck. Hier Innenzelt gegen Mücken, da Außenzelt gegen Regen, und hier schlafe ich. Das Raunen ging weiter. Ich schloss das Zelt wieder, wegen der Mücken, musste es aber bald wieder öffnen, da ein Dorfälterer, der zu spät gekommen war, es auch noch gerne sehen wollte. Es war wirklich unfreiwillig urkomisch, diesen Menschen etwas Unbekanntes zu zeigen, was für einen selbst mehr als alltäglich geworden war.
So stand ich eine ganze Weile da, inmitten der Menge. Ich unterhielt mich mit Ranesh, wurde zu Tee und Limo eingeladen, und letztlich zurück zu dem Essensstand geführt, der der Familie gehört, die mich für diesen Abend verköstigen sollte. Der junge Familienvater mit seiner schönen Frau im Sari empfingen mich sehr freundlich, und deckten ein Mahl auf, das für drei gereicht hätte.

Es gab Reis mit verschiedenen würzig bis scharfen Soßen, Chappati, frittierte Zwiebeln vom Stand, Buttermilch und zum Nachtisch süße Melone und noch mehr Weintrauben, wenn ich denn gewollt hätte.

Ich aß allein, unter den wohlwollenden Blicken der Menschen um mich herum. Es war das beste Essen, das ich bisher in Indien gegessen hatte, und vielleicht das beste Essen überhaupt seit den Essensgelagen bei Marjan in Shiraz, Iran. Ich aß und aß und musste unter den sanften, aber bestimmten Aufforderungen der Umsitzenden immer weiter essen.
Pappsatt und weitere Versuche der Essenseinflößung hilflos abwehrend, bedankte ich mich herzlich für das Essen. Diskret näherte ich mich dem Familienvater, und versuchte ihm eine fünfzig Rupee Note zu geben, etwa der Preis einer guten Mahlzeit hier in einem Restaurant. Der jedoch wehrte den Versuch vehement ab: ‘No, no! No money! It is like a friend!’ Ich wollte keine Szene draus machen. Die Herzensgüte und Großzügigkeit dieser finanziell armen Menschen rührte mich zutiefst.

Man studierte interessiert meine Karte von Indien.

Nach mir aß die Familie vor dem Fernseher, in dem gerade wieder ein Cricket-Match lief.

Für mich wurde es Zeit sich zum Zelt zu verabschieden. Ich bedankte mich noch einmal vielmals, und wurde von nun nur noch Ranesh und ein paar seiner Freunde zurück zum Zelt begleitet. Als ich das Außenzelt hinter mir schloss, wünschte man mir eine gute Nacht. Das war der erste Augenblick Ruhe des ganzen Abends.
Später, nach dem Zähneputzen, setzte ich mich auf eine Steinstufe draußen, und lauschte den Abend: Die friedvolle Atmosphäre des Dorfes. Von einer Seite her erklang noch immer das Cricketspiel im Fernseher, von einer anderen die Unterhaltung zweier Frauen, draußen vor der Tür. Der junge, kahlgeschorene Swami des Dorfes lag still auf einer Stufe vor seinem Tempel. Vor den Häusern legten sich die Menschen auf dünnen Strohmatten schlafen und die Grillen zirpten unsichtbar in der Nacht. Es war ein Gefühl von Harmonie und Frieden, ein Gefühl der Liebe, das mich dort umgab und mitnahm. Ein Abend in Indien, ein Moment des Friedens nach all der Hektik des Tages. Allein im Dunkeln saß ich da, und genoss es. Genoss es in vollen Zügen.
Mitten in der Nacht wurde ich geweckt von einer weiblichen Stimme, die laut und für alle hörbar ihrem Mann Vorwürfe machte. Dieser konnte sie erst nach einer Weile beschwichtigen, und schon bevor es soweit war, schlief ich wieder ein.
Am nächsten Morgen waren die Menschen früh mit den ersten Sonnenstrahlen wieder auf den Beinen. Ranesh und ich hatten uns zum Schwimmen in einem nahe gelegenen Kanal verabredet. Er und ein Freund holten mich ab, und es ging über ein wackliges Brett und einem steilen Hang hinab zu etwas, was die Ausgrabung einer Baustelle hätte sein können. Es war jedoch tief genug, und ein ständiger Nachschub an Frischwasser floß an der einen Seite ein.
Das Wasser war warm und das Schwimmen erfrischend. Die Morgensonne trocknete unsere Leiber. Mit nasser Badehose kamen wir zurück ins Dorf. Dort wartete schon ein Frühstück auf mich. Dieses Mal war es eine andere Familie. Wieder gab es Reis mit leckeren Soßen. Wieder sahen mir zwanzig Augenpaare beim Essen zu. Ich ließ mich nicht bekümmern und es schmeckte mir gut.
Der Abschied am Morgen war herzlich. Viermal insgesamt gab mir der junge Ranesh die Hand, bevor ich mich weiter aufmachte. Ganz trunken war ich noch von dieser magischen Erfahrung der Güte. Wann immer ihr mal einen verlorenen Fremden auf der Straße begegnet: Ladet ihn doch einmal zu euch ein, und gebt ihm zu Essen. Er wird euch nichts tun, und das Gefühl seiner Dankbarkeit wird sicher auch euer Herz wärmen.

So trennt sich Spreu von Weizen.

Mein Gefühl der Freude hielt nicht lange an. Dies hatte jedoch andere Gründe: Zum ersten Mal auf neuntausend Kilometern plagten mich düstere Gedanken. Es stellte sich die Frage nach der Reisemotivation. Ich war nun in Indien. Das war gut. Ich hatte es geschafft. Aber was wollte ich hier? Vieles hier war wie auf den Fotos. Fotografisch würde ich also nicht viel beisteuern können. Das Land war so gesehen abgegrast. Ich hatte bereits mehr als genug Kilometer im Sattel seit Berlin. War es jetzt nicht einfach falscher Ehrgeiz, in dieser staubigen Hitze noch mehr machen zu wollen? Seine Gesundheit in diesem Verkehr und dieser Hitze zu riskieren? Und überhaupt, mich plagte plötzlich etwas, was ich zuvor noch nie gekannt hatte, und bei mir zuvor ehrlich gesagt auch nicht für möglich gehalten hätte: Das Heimweh. Plötzlich. Einfach so. Aus dem Nichts. Das schmerzvolle Verlangen nach altbekannten Dingen wie ein sauberes Bett, der Familie, Deutsches Essen, seinen Büchern, Musik und Freunden. Gepaart mit dem Leid-Sein des ständig Lächeln-Müssens, des ständig Freundlich-Sein-Müssens, der an den Kräften zehrenden Misskommunikation aufgrund von Sprachbarrieren. Nie zuvor, auf den gesamten neuntausend Kilometern, war mir der Gedanke gekommen, der nun vor mir prangte: ‘Was hast du nicht gesehen, was du noch sehen wolltest? Warum fährst du nicht heim?“

Kleider trocknen auf der Sandbank eines Flusses.

Mit jeder Umdrehung der quietschenden Pedale wiederholten sich diese Sätze in meinem Kopf wie ein Mantra. Mit jedem Tritt ging die Kurbel etwas schwerer. Die düstere Stimmung, die in mir heraufzog, saugte förmlich alle Kraft aus mir.

Die Wolken des Abends schienen meine Stimmung widerspiegeln zu wollen.

Es war der fünfte Tag auf dem Rad in Indien. In einem Moment der Klarheit sagte ich mir, dass es Zeit war einen Ruhetag einzulegen. Die nächstgrößere Stadt war Gooty. Irgendwo im Dickicht machte ich Halt für die Nacht und radelte am nächsten Tag die letzten Kilometer in die Stadt.
Wie immer verfolgten mich in der Stadt hunderte Augenpaare. Es machte mir schon fast nichts mehr aus. Ich stellte mich an den Straßenrand, und wurde schon bevor ich aus dem Sattel gestiegen war, von einem jungen Inder angesprochen. Woher ich käme und wie ich hieße. Die zwei Standardfragen. Ich wolle Strom, antwortete ich schnippisch. Er blieb freundlich und wies mich zu dem nächsten Lokal, wo man mir tatsächlich Strom gab. Ich setzte mich hin mit meinem Laptop, und ließ die Prozedur über mich ergehen. Über zwanzig neugierige Inder um mich herum. Die gleichen Fragen, die gleichen Antworten, jedesmal. Ich kannte sie schon auswendig, und hatte vorgefertigte Antworten in meinem Kopf schon parat, bevor die Fragen überhaupt gestellt waren.
Man gab mir einen Stuhl, und so saß ich da. Mitten in Indien, in einer Spielhöhle, umringt von immer noch fünf Jugendlichen, die jede meiner Handlungen mit großem Interesse verfolgten. Es war mir egal. Ich war kaputt von den Tagen zuvor, und ich war froh, mich entspannender Blogarbeit widmen zu können.
Nach einer Weile ließ das Interesse der Herrschaften an mir nach, und ich hatte meine Ruhe. Soweit man das Geschrei von einem Dutzend Kinder um ein paar Computern herum als Ruhe bezeichnen kann. In Indien kann man das.
Gegen Mittag gab es einen planmäßigen zweistündigen Stromausfall. Ich nutzte die Gelegenheit, und fragte nach einem guten Ort etwas zu essen. Das ‘New Annapurna Hotel’ sei zu empfehlen. Es war tatsächlich gut. Ich saß etwas länger dort, und dachte lange über meine Route nach. Ich musste sie einfach etwas interessanter gestalten, sonst würde ich mental regelrecht vor die Hunde gehen.

Der Blick aus dem New Annapurna Hotel.

Satt vom guten Essen und mit neuer Route im Kopf, wollte ich auf dem Rückweg mein Fahrrad wieder an der Spielhöhle abstellen, als mich zwei Herren von der Veranda eines Hauses her heranwunken. Wer ich denn sei und woher ich käme. Die Frage hatte ich heute schon öfter gehört. Ich verkniff mir den Kommentar. Sie waren sehr freundlich und gaben mir gekühltes Wasser zu trinken. Ich witterte die Chance meine Arbeit in noch ruhigerer Atmosphäre schreiben zu können, und fragte, ob ich ihren Strom nutzen könne. Bei der Konversation half mir ein kleiner, smarter, elfjähriger Junge mein Anliegen zu übersetzen.
Klar, das sei kein Problem, ich solle nur rüber kommen. Wenn ich wollte, könne ich sogar dort übernachten, alles kein Problem. Wie sich herausstellte, waren die beiden Makler, und verdienten gutes Geld. Wir unterhielten uns noch eine Weile, dann gingen die beiden zum Essen und ich konnte mich meiner Arbeit wieder widmen. Kinder lugten neugierig von der Straße herein, aber ich ignorierte sie gekonnt. Die zwei Kinder des Hausbesitzers spielten um mich herum. Sie waren sechs und sieben Jahre alt, ein Mädchen und ein Junge mit kurzen Haaren. Das Mädchen hatte eines der ehrlichsten Kinderlachen, das ich je gesehen habe.

Irgendwann ergab ich mich ihrem Charme, ließ die Arbeit beiseite und spielte mit ihnen.

Abends hatte sich die Neuigkeit von dem weißen Fremden natürlich schon längst durch die kleine Stadt gesprochen. Viele Bekannte meiner beiden Gastgeber kamen vorbei, nur um mich zu besichtigen.
Zusammen saßen wir draußen. Die Männer hatten insgeheim einen großen Spaß daran, sich gegenseitig die großen Geldbündel in ihren Taschen vorzuzählen. Sie fragten mich auch nach ‘Deutschen Dollars’, und ob ich nicht welche hätte. Es war der größte Gefallen den ich ihnen hätte tun können, und da sie meine Gastgeber waren, gewährte ich ihn ihnen. Der Zwanzigeuroschein, den ich herumgehen ließ, wurde wie eine Reliquie ehrfurchtsvoll von Mann zu Mann gereicht. Er wurde befühlt, beschnuppert, Gegen das Licht gehalten, und von allen Seiten betrachtet. Ganz trunken waren sie von der Fremdwährung. Geld ist ihr Gott. Wieviel es denn bitte wert sei? Wieviel man in Deutschland verdiene? All diese Fragen. Ich beantwortete sie geduldig, denn ich spürte, dass mir nun nichts mehr hier passieren konnte.

Die sechsjährige Tochter mit ihren großen Augen.

Zur Essenszeit bestellte man mir ein Biriyani, eine Art Reiseeintopf, eine Spezialität der Region. Sehr scharf und sehr lecker. Wieder durfte ich mein Portmonee nicht berühren. Dann wünschte man mir gute Nacht, und man ließ mich mit einem Gehilfen im Untergeschoß der Wohnung allein. Der Gehilfe der Gastgeber zündete mir eine Moskitospirale an, und legte sich dann auch schlafen. Es war neun Uhr Abends. Es würde am nächsten Morgen früh weiter gehen.
Das scharfe Essen in meinem Magen hielt mich noch lange wach. Ich hatte zu viel gegessen, und war froh Strom zu haben. Ich las in meinem eBook auf meinem Laptop, und dachte zurück an den schönen Ruhetag voller Menschlicher Güte, den ich erfahren hatte. In Dankbarkeit schlief ich ein.
Am nächsten Morgen wachte ich auf, und hatte ein neues Ziel: Die Ruinen von Hampi. Sie lagen etwa zwei Tagesreisen von Gooty entfernt, und waren eine der Hauptattraktionen des historischen Indiens.
Ausgeruht, und mit einem erreichbaren Ziel vor Augen radelte es sich wieder wesentlich leichter. Beschwingt bestieg ich mein Fahrrad, dankte meinen Gastgebern herzlich, und fuhr mit kräftigen Tritten los.

Auf dem Weg dorthin kam ich vorbei an einer Hochzeit, wo ein kleines Mädchen mit einem jungen Mann verheiratet wurde. Man muss in diesem Land seinen Urteilssinn wirklich daheim lassen. Wie selbstverständlich wurde ich gebeten Fotos zu machen. Die Älteren scheuchten die Kinder beiseite, damit ich ‘freien Blick’ hätte. Zwecklos ihnen zu erklären, dass ich nichts gegen Kinder auf Hochzeitsfotos habe.

Sie waren gerade dabei, die rituelle Waschung durchzuführen.

Für die Gäste der Hochzeit war das Ehepaar in Spe plötzlich uninteressant, und alle betrachteten mein Fahrrad.

Dies ist eine Menschenansammlung ganz normaler Größe, die sich immer um mich und mein Fahrrad bildet, sobald ich anhalte.

Einer der Hochzeitsgäste.

Noch einer der Hochzeitgäste.

Wenn auch das Mädchen sehr jung war, wünsche ich dem Ehepaar alles Gute und eine glückliche Zukunft.

Der Sonnenaufgang am nächsten Morgen.

Je näher ich Hampi kam, desto mehr transformierte sich die Landschaft zu einer interessanten Mischung aus Reisfeldern, kleinen Straßen und Granitfelsen. Balsam für die Seele eines Radlers.

Die Kühe hier haben mächtige Hörner, und ziehen ihre Karren in stoischer Ruhe.

Das Cricket-Team in einem Dorf. Natürlich musste auch ich ein paar Mal schlagen. Und noch ein paar mal. Und dann noch ein paar Mal. Und dann noch mal, einfach weil es so schön war.

Die Cricket-Profis selber am Ball. Man beachte den Jungen im Baum im Hintergrund.

An diesem Tag sollte ich die fantastischen Ruinen von Hampi erreichen, und ein bisschen Indiana Jones spielen. Von den schönen Tagen in Hampi und den Entscheidungen danach handelt der nächste Post.

Euer Johannes Bondzio

 Leave a Reply

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

(required)

(required)