May 232012
 
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‘Bleibe drei Tage, und du willst nie wieder fort.’ So sagt man über Goa, diesem paradiesischen Streifen an der Westküste Indiens. Die Strecke dorthin war nicht ohne gewesen (siehe meinen letzten Post), aber nun endlich kam ich an. Kurz nach der Grenze nach Goa fällt die Indische Hochebene plötzlich um knapp sechshundert Meter auf Meeresniveau, und man fährt an Feuchtwiesen und Meeresarmen vorbei mit nur einem Ziel: dem Strand.

Willkommen in Goa.

Der Verkehr unten in der Tiefebene war noch einmal laut und mörderisch, bevor ich in die kleine Straße zum Ort Benaulim einbog, wo ich Halt machen würde. Laut einem Fremdenführer seien dort die wenigsten Partygänger und die meiste Ruhe zu erwarten. Es gab einige günstige Übernachtungsmöglichkeiten, und gleich bei der Ersten schlug ich zu, bei einem Zimmerpreis von umgerechnet 4,50€ pro Nacht und Zimmer. Hätte ich einen Reisepartner gehabt, hätten wir für das Doppelzimmer den gleichen Preis bezahlt, sprich für jeden noch einmal die Hälfte.

Die Palmen vor dem Hostel.

Mitte März ist die Hauptsaison in Goa zu Ende, und jetzt, Ende April, waren eine Indische Familie und ich die einzigen Gäste in dem großen Hostel ‘Rosario’s Inn’. Langersehnte Ruhe pur.
Die Verwalterin des Hostels war eine gutmütige Großmutter, die den Tag damit verbrachte ihre Blumen zu gießen und mit ihrer Familie zu quatschen. Ob sie meinen Pass und eine Voranzahlung schonmal haben wolle? ‘Later’ antwortete sie nur. Hatte man so etwas in Indien schon einmal erlebt? Ich nicht. Willkommen in Goa.

Die gute Frau beim Blumengießen.

Ich quartierte mich oben im zweiten Stock ein, schmiss meine Sachen auf’s Bett, und nahm erstmal eine Dusche, bei der ich den ganzen Dreck der Straße von mir herunter schrubbte. Herrlich, die Freuden des Lebens können so einfach sein. Erfrischt setzte ich mich auf den Balkon, und aß etwas. Lasst das Leben beginnen.
Die nächsten drei Tage verbrachte ich in etwa in diesem Rhythmus, der so entspannt gehalten wurde wie möglich: Morgens wurde gefrühstückt (es gab Vollkornbrot), Mittags geruht, Computer gespielt (ein schon lange nicht mehr gepflegtes Hobby), und gegen Abend ging es an den Strand.
Die Strände Goas gehören zu Recht zu den schönsten der Welt. Man kommt an einen etwa hundert Meter breiten Sandstreifen, dessen Sand so fein und weiß ist, dass er wie Puderschnee unter den bloßen Füßen knirscht. Palmen säumen seinen Rand. Einige Indische Familien genießen die warme Abendluft, während man in den Wellen des salzigen Arabischen Meers die Reflektionen der rot untergehenden Sonne bewundert. Zum Spaß ließ ich mich einfach in den Wellen umhertreiben, herumwirbeln und an Land spülen. Das Wasser hatte Körpertemperatur. Ich liebte es. Entspannung pur.

Silhouetten im Abendlicht.

So ging das drei Tage lang, und gerade in dem Augenblick, wo so etwas wie Langeweile auftreten wollte, huschte vor mir auf dem Balkon eine schlanke, hübsche Französin vorbei und fragte, ob das Zimmer neben mir noch frei sei.
Julia, die Französin war in Begleitung von der Sina, einer genau so hübschen Deutschen aus dem Raum Würzburg. Die beiden hatten gerade gemeinsam einen Freiwilligendienst in einem Waisenhaus in Bangalore geleistet. Der war nun beendet und sie zogen nun einige Zeit durch das große Indien, um den Rest etwas besser kennen zu lernen.

Sina und Julia mit ihren ersten Sonnenbränden.

Ab da war an Langeweile nicht mehr zu denken. Die beiden waren sehr aufgeweckt und gesprächig. Es gab auch viel zu erzählen. Meine entspannte Attitüde passte perfekt zu ihrer Energie und Unternehmungslust. Wir verstanden uns blendend. Unser Ziel war das selbe: Entspannung und Genuss. Von da an waren wir zu dritt.
Ich führte sie ein wenig in die Gegend ein, und meine Ankündigung, dass die Strände zu den schönsten gehörten, die ich je gesehen hätte, ließ ihnen einen kurzen Freudenschrei entfahren, sich gegenseitig ihre Hände ergreifen und sich strahlend in die Augen schauen. Die beiden waren in den drei Monaten intensiver und schöner Zeit beste Freundinnen geworden, das sah man sofort.
Das Leben ging also weiter seinen Gang, nur wurde das Ganze jetzt durch die Beiden versüßt. Verrückte Zufälle gibt es.

Sonnenuntergang die Zweite

Am Tag nach ihrer Ankunft fragten mich die beiden beim gemeinsamen Frühstück, ob ich nicht Lust hätte mit ihnen die alten Städte Goas, Alt-Goa und Panjim zu besichtigen. Klar, wieso nicht? Die beiden packten also ihre Handtaschen mit dem Nötigsten, ich griff mir meine Kamera, und los ging es zur Bushaltestelle. Für knapp dreißig Cent fuhren wir anderthalb Stunden in einem kleinen, lauten Bus durch Palmenhaine, vorbei an Kanälen und durch scharfe Kurven. Jeder Busfahrer hat seinen eigenen Lieblingsheiligen und -gott, und der hängt dann irgendwo in der Nähe des Fahrers als Bild oder Statue, umrahmt von Blumenkränzen und blinkenden Lämpchen. Wegen der portugiesischen Kolonialgeschichte gibt es einige Christen in Goa, so dass auch einige Marienbilder und Kruzifixe darunter waren. Ein Busfahrer war ein lustiger Typ, und spielte außer indischen Songs auch Hits der Neunziger, wie ‘La Macarena’. Wir drei lachten uns tot und tanzten wackelnd dazu auf den Sitzen.
In Alt-Goa steht die größte Kirche Asiens, ein weißer Bau aus Stein und Holz mit zwei stumpfen Türmen. Gleich gegenüber steht die Basilika des ‘Bom Jesus’, des Guten Jesus. Klassizistische Architektur hier inmitten Asiens. Das ist schon eine skurrile Ansicht. In der Basilika stand eine Figur des gekreuzigten Jesu, über und über mit Blut überströmt. Selbst in diesem Punkt ist Indien ehrlich. Dieser Jesus hatte offenbar gelitten. Ihm sah man dies an. Einmal mehr überrumpelte mich Indien, und zwang mich zum Lachen. Aber seht selbst:

Ehrlichkeit im Detail - Bom Jesus.

Häuser im Kolonialstil.

Ein Eisverkäufer.

In Panjim, der Hauptstadt Goas, aßen wir zu Mittag, und schlenderten eine Weile am Ufer eines Meeresarms umher. Überall herrschte eine entspannte Atmosphäre.

Sina und Julia am Ufer.

Back on top nach fünf Tagen Ruhe. Don't you mess with us again, India!

Während des Nachmittags fuhren wir in Ruhe wieder zurück zum Hostel, und bei Anbruch der Dunkelheit kamen wir an. Selten habe ich einen so entspannten Ausflug unternommen.

Julias Rücken, Detail.

Zwei weitere Tage vergingen. Zunehmend verlor ich das Zeitgefühl. Einzig der Flug von Mumbai aus war ein fixer Termin. Alles andere wurde irrelevant. Um auch ‘das mit dem Flug’ loszuwerden ging ich an dem Tag zu einem Büro vor Ort, das unter anderem Buchungen der Zugtickets vornahm. Auf Nachfrage hin stellte sich jedoch heraus, dass für den gewünschten Zeitraum, um den fünften Mai herum, keine Zugtickets nach Mumbai mehr zur Verfügung standen. Indien hatte gerade Sommerferien, und alle Züge waren ausgebucht. Man empfahl mir zu dieser Zeit meine Tickets mindestens drei Wochen im Voraus zu buchen.
So landete Johannes abrupt wieder im Hier und Jetzt. Ein Glück war ich mit dem Fahrrad unterwegs, und hatte bereits eine Woche vorher angefragt. Der Plan, das Fahrrad bis Mumbai ruhen zu lassen wurde kurzerhand über den Haufen geworfen, und eine Route auf meiner Karte ausgearbeitet. Man soll immer dann aufhören, wenn es am schönsten ist. Der Abschied wurde abends am Strand mit ein paar Kingfishern gefeiert, und am nächsten Tag war ich wieder auf der Straße.

Zum Abschied ein Foto von der netten Verwalterin.

Von den letzten sechshundert Kilometern hinein nach Mumbai handelt der nächste Post. Bis dahin alles Gute,
euer Johannes Bondzio

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