Jun 142012
 
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Da die Zugtickets von Goa nach Mumbai ausverkauft waren, fuhr ich als die letzten Kilometer rauf mit dem Fahrrad. Nach dem Abschiedsfoto der lieben Hotelbetreuerin fuhr ich los. Das Fahren durch die Palmenwälder Goas war richtig schön. Die Strecke war flach, die Temperaturen im Schatten moderat, und die Straßen hier in der Gegend sind richtig gut asphaltiert. In Panjim aß ich bei einem guten Restaurant zu Mittag, das Julia und Sina bei unserem ersten Besuch bereits entdeckt hatten. Ab da fuhr ich weiter über den National Highway nach Norden.
Der Verkehr auf dem Highway war für Indische Verhältnisse recht ruhig. Die Strecke führte über viele Hügel und moderate Steigungen. Die Nacht verbrachte ich in einem Palmenhain. Meine Klamotten und mich konnte ich in einem kleinen, brackigen Fluß waschen. Beim Abendbrot beobachtete ich dutzende Flughunde, die in der Abenddämmerung zum Beutefang ausflogen. Das war Indien von seiner schönen Seite.

Ein gezwungenes Lächeln früh morgens im Palmenhain.

Am nächsten Tag kam ich bald an eine Stelle, an der vom Highway eine kleine Straße Richtung Küste abbiegt. Im Gedanken an die tolle Fahrt entlang der Küste Goas war ich froh wieder auf kleinere Straßen an der Küste auszuweichen. So stellte ich mir das jedenfalls vor.
Schon nach dem ersten steilen Abstieg in ein Flußtal wurde mir bewusst, dass dies ein Fehler gewesen war. Hatte sich der Highway noch so ziemlich auf einer Hochebene befunden, befand ich mich ab jetzt mitten in den Ausläufern des Küstengebirges zum Meer hin. Damit ging es auf und ab und immer wieder auf und ab. Umkehren mochte ich jedoch nicht. In der Hoffnung, doch noch ein flaches Stück mehr Richtung Küste zu finden, fuhr ich weiter. Es wurde aber nicht besser, eher schlimmer. Ständig ging es hundert Meter steil hinauf, und dann wieder herunter. Eintönig, anstrengend und auf Dauer zermürbend. Die Mofas und Motorräder um mich herum plagte das offenbar nicht. Als Radler kam man jedoch aus dem Schwitzen nicht mehr raus.

Eine Mangoplantage.

Gegen Mittag kam ich ziemlich fertig in ein kleines Lokal. Ich war sehr hungrig, und die Bedienung irgendwie schwer von Begriff. Ich aß eine Menge um die nötige Energie für den Nachmittag zu haben. Ganz beruhigen über die Fahrt bisher konnte ich mich nicht.
Die anschließende Fahrt aus dem Tal heraus, in dem das Dorf lag, war anstrengender als alle anderen zuvor. Ob das wohl an dem vollen Magen lag? Oben jedenfalls war ich so sauer auf mich und dieses unverschämte Geländeprofil, dass ich mich am Straßenrand auf ein paar Steine setzen musste. Dort erlitt ich zum ersten Mal auf meiner Reise so etwas wie einen nervlichen Zusammenbruch: Die Kontrolle über mich und meine Gefühle ging mir in den zehn Minuten, die es dauerte, völlig abhanden. Ich heulte Rotz und Wasser, und schrie meinen Frust über dieses Land und alles was mir nicht an ihm gefiel hier an der Küste heraus. Nur langsam wollte es mir dämmern, dass ich mir es so ausgesucht und ich mich nicht zu beschweren hatte. So, indem ich mir immer wieder diese Worte wiederholte, fuhr es sich anschließend wesentlich ruhiger, auch wenn die Hügel nicht weniger erbarmungslos wurden.
Am dritten Tag erreichte ich Ratnagiri, einer kleinen Küstenstadt so ziemlich auf der Mitte zwischen Goa und Mumbai. Es war daher Halbzeit und sowieso Zeit für einen Ruhetag.

Fischerboote im Meeresarm vor Ratnagiri.

Nach einer Nacht campen am Strand stellte sich heraus, dass der erste Mai wie in Deutschland ein Feiertag im Bundesstaat Mararashtra ist. Damit waren sämtliche Zimmer in der Stadt belegt. Keine Chance eines zu ergattern. Bei bestimmt zehn verschiedenen Guesthouses habe ich angefragt. Dabei wollte ich im Grunde nur meine vollgeschwitzten Sachen waschen. Aber auch nur das war bei keinem möglich.
Irgendwann ging ich einem weiteren Hinweis nach, wo es noch ein freies Zimmer geben könnte. Ohne mehr auf ein Zimmer zu bestehen fragte ich beim nächsten Haus bloß, ob ich bei ihnen meine Sachen waschen könne. Zu meiner Überraschung erlaubte der Mann es mir, und machte überhaupt einen sehr freundlichen, wenn auch etwas verdutzten Eindruck. Als er mich durch das Haus nach hinten zur Waschecke führte bemerkte ich erschreckt, dass es sich bei diesem Haus gar nicht um ein Hotel handelte, sondern um ein richtiges Wohnhaus. Ich hatte mich offenbar in der Adresse geirrt. Meine Überraschung teilte ich dem Hausbewohner mit, der mir lächelnd zu verstehen gab, dass das schon in Ordnung sei. Ob ich noch etwas zum Waschen brauche? Nein, dazu hatte ich alles da.
Als meine Sachen gewaschen, und im Hof zum Trocknen aufgehängt waren, lud mich der freundliche Mann zu einem Tee im Wohnzimmer ein. Es entfaltete sich ein überraschend gutes Gespräch zwischen uns beiden, denn der gute Mann sprach gutes Englisch. Wir begannen nach den Formalitäten, woher man komme und gehe, über die Länder zu sprechen, sowie den Ideen, die Fremde mit ihnen verknüpfen. Über Indien wollte mir zunächst gar nichts einfallen, da mir die merkwürdige Art zu eigen ist, sämtliche Vorurteile und Bilder über ein Land zu vergessen, sobald ich es betrete. Das Bild von Deutschland war meinem Indischen Freund jedoch sehr klar. Es hieß: Adolf Hitler. Keine Autos? Ja auch, aber vor allem Hitler. Und so kamen wir zu Ideen, deren Motivation und ihre Tragweite. Gerade im Länderpaar Indien – Deutschland gibt es mit Mahatma Gandhi und Hitler zwei Verkörperungen von Ideen, die gegensätzlicher kaum sein könnten. Lag Hitlers Ideologie begründet in Hass und Verblendung, führte Gandhis Weg über Aufrichtigkeit und Liebe. Wir kamen zum Schluss, dass Ideen begründet in Frieden und Liebe diejenigen mit langfristig mehr Tragweite sind. Ideologien, die auf Hass und Wut basieren können langfristig keine Menschen inspirieren, da Wut und Hass ein Ziel benötigen, sich Umstände jedoch ändern. Mir kamen meine Erlebnisse der letzten Monate in den Sinn. Momente der Hilfsbereitschaft, der Erfahrungen, der Freiheit, die ich meinem Freund mitteilte.
So wurde aus dem anfänglichen Wäschewaschen eine tiefe Unterhaltung, die mich noch den ganzen Tag beschäftigen sollte.
Nachdem ich tags zuvor noch einmal alles heraus geschrien hatte, war mein Kopf auf wunderbare Weise klar. Nachmittags saß ich am Strand, als ich die Gedanken des Vormittags in meinem Tagebuch festhielt. Nachdem ich diese Thesen niedergeschrieben hatte, kam mir der Gedanke nach den persönlichen Konsequenzen, die ich hieraus für mich ziehen werden müsste. Ich schrieb eine ganze Menge. Das ist meine Art meine Gedanken zu sortieren. Am Ende standen für mich einige Konsequenzen fest. Aufrichtigkeit, Hilfsbereitschaft, Gegenliebe waren für mich nicht mehr leere Worthülsen. Sie waren mir auf dieser Reise reichlich vergönnt gewesen und sollen von nun an mein Handeln bestimmen, um, im Glauben an die Tragweite meiner individuellen Handlung, einen kleinen Beitrag zu einer besseren Welt zu leisten. Ausgelutschte Worthülsen? Ja, solange man nicht weiß, wie für einen eine bessere Welt auszusehen hat, und man die Handlungsweisen nicht kennt, die einen dahin bringen. Für mich stand jedoch von da an fest, dass eine bessere Welt diejenige ist, wo Menschen aufrichtig mit einander umgehen. Helfen, da man sich damit selbst hilft, aber auch einmal „kein Bock“ sagen dürfen. Aufrichtigkeit eben. Dies möge von nun an mein Handeln bestimmen.

Bescheidenheit überkommt einen angesichts der Größe der Welt.

Beseelt von diesen Gedanken, und dem Wissen meinem Sinn des Lebens ein Stück näher gekommen zu sein, fuhr ich Tags darauf weiter. Diesmal jedoch über den kurzen Zubringer wieder auf den National Highway. Die Küste hatte ich gefressen. Es fuhr sich auch gleich viel leichter.

Die Kinder der Raststätte für den Mittag.

Sie liebten es von mir hochgehoben zu werden.

Kurz vor dem Abendstopp wurde ich von einem sehr freundlichen jungen Melonenverkäufer zu ein Stück Melone auf der Straße eingeladen. Die Melone holte er unter einem Fliegennetz hervor, schnitt ein Stück heraus, und bestreute es mit Salz, bevor er es mir reichte. Bei der Melone kam die Frage, wo ich die Nacht verbringe und ob ich nicht die Nacht bei ihnen schlafen wolle. Überrumpelt, aber nicht überrascht, willigte ich ein.

Der Melonenverkäufer, er hieß Ramesh, stellte sich als PhD-Student der Geschichte heraus.

Er studierte an der University of Mumbai, und verdiente für seine Eltern etwas Geld als Melonenverkäufer. Er war sehr nett und gesprächig, und seine Mutter war goldig. Man gab mir eine Reismahlzeit, und der Mutter freute es sehr, dass es mir so gut schmeckte. Ständig steckte sie ihren Kopf durch den Türrahmen um zu sehen ob es mir auch gut gehe. Geschlafen wurde dann aber nicht in dem Haus. Das war dafür zu klein. Selbst auf dem Fußboden hätte ich keinen Platz gehabt. Draußen vor dem Haus gab es eine Gottesstatue an der Straße. Davor wurden kurzerhand zwei Matten ausgerollt, auf der wir dann schliefen. Ein Leben auf der Straße, ich hatte mich schon fast daran gewöhnt.

Ramesh' kleiner Cousin.

Eine Gasflasche im Lokal wo ich frühstückte.

An diesem Tag sollte noch ein für mich denkwürdiges Ereignis stattfinden. Am Vormittag, in einer Steigung, knackte ich die zehntausend Kilometer-Marke dieser Tour. So wie ich auf sie zuradelte, kam es mir nicht so wichtig vor. Es sei nur eine Zahl, erzählte ich mir. Aber im Moment, wo dann da tatsächlich eine fünfzahlige Zahl auf dem Tacho steht, jubelt man schon. Man lernt auch alles raus zu lassen.

Das Beweisfoto.

Das Siegerfoto, mit nur scheinbar coolem Johannes.

Der letzte große Anstieg der Tour.

Der Brunnen war ausgelaufen.

Jetzt aber zu Mumbai. Delhi mag die Hauptstadt Indiens sein, alle sind sich jedoch einig, dass Mumbai dessen Herz ist. In aller Hinsicht: kulturell, wirtschaftlich und sozial. In dieser Stadt, dessen Stadtgebiet zum großen Teil dem Meer abgetrotzt wurde, leben knapp zwanzig Millionen Menschen. Fünfundfünzig Prozent von ihnen, sprich gut zehn Millionen hausen in Slums, und können so zum Beispiel ihre Arbeit zu Fuß erreichen. Die Stadt beherbergt den größten Slum Asiens mit allein einer Million Menschen nur in diesem Stadtteil. All diese Menschen führen einen täglichen Kampf um ihre Versorgung sicher zu stellen. In diesem Gedränge findet jeder seinen Weg, und so gilt das Gesetz der Straße mehr als das auf dem Papier. Die organisierte Kriminalität scheint nach wie vor ein großes Geschäft zu sein. Korruption blüht. Aufgrund der großen Bevölkerungsdichte sind die Straßen fast immer vom Verkehr verstopft. Luft- und Umweltverschmutzung sind ein alltägliches Problem. Wer einen Eindruck über die Vielfalt dieser Stadt aus erster Hand lesen möchte, dem empfehle ich das Buch ‘Shantaram’ von G.D. Roberts.
Um mir den Verkehr zu ersparen fuhr ich mit dem Zug nach Mumbai rein. Um so überraschter war ich, als ich CST, den Hauptbahnhof Mumbais, mit dem Rad verließ und morgens um Neun auf ruhige, fast leere Straßen traf. Ich hatte vergessen, dass es Sonntag war, und an einem Sonntagmorgen kommt sogar eine Megacity wie Mumbai in bestimmten Gebieten zu Ruhe. Überhaupt war ich sofort angetan von dieser Stadt. Hier gab es Kolonialgeschichte zu anfassen. Es wäre, als wenn man einen klassischen Teil Londons nach Indien verfrachtet hätte, und den Zahn der Zeit daran hätte nagen lassen. Der CST glich einer Englischen Kathedrale. Sie waren fantastisch anzusehen, all diese Bauten im Europäischen Stil, z.T. überwuchert von Ranken und authentisch alt.

Ein Wasserverkäufer.

In einem Fremdenführer hatte ich nachgelesen, dass die Gegend um Colaba die am touristisch erschlossenste ist. Dort gäbe es auch die günstigeren Hostels, obwohl Mumbai hier zu den teuersten Städten Indiens gehört.
Einem ersten Hinweis folgend, checkte an dem Morgen in ein recht teures ein, da alle günstigen Zimmer vergeben waren. Auf dem Weg dort hin hatte ich bereits verschiedene Male freundlichen Blickkontakt mit einem Typen gehabt. Er trug ein grünes Kopftuch und sah so gar nicht wie ein Inder aus.
Beim Einchecken fragte ich den Rezeptionisten, ob ich mein Fahrrad irgendwo hier unterstellen könne. Das sei nicht möglich sagte er mir. Auch der Hinweis, dass es auf den Straßen für mein Rad nicht sicher sei, stieß auf taube Ohren. So blieb mir nichts anderes übrig, als das Rad erst einmal den Tag draußen an ein stabiles Eisengestell zu schließen.
Als die Sachen oben im Hotel waren, ging ich wieder raus auf die Straße. Sofort traf ich wieder den Typen mit dem grünen Kopftuch. Diesmal sprachen wir uns an. Er hieß Michael, und er sah vom Gesicht her eher wie ein Südeuropäer als ein Inder aus. Er kam aber aus Goa, und was er genau in Mumbai machte, konnte ich nicht herausfinden. Er liebe jedoch ‘drinking and smoking’. Ziemlich schnell stellte es sich heraus, dass er ein bekannter Name hier auf den Straßen war, der viele Connections hatte. Ich vermutete daher, dass er durch das Zusammenbringen von Touristen mit Geld und Indern über kleine Provisionen sein Auskommen machte. Sein Vertrauen erweckendes nicht-indisches Aussehen half ihm dabei sicher sehr.

Ein Straßenverkäufer verkauft Gummibänder auf dem Bordstein.

Michael und ich wir begegneten uns noch einige Male diesen Tag, während ich mich ein bisschen dort am südlichsten Zipfel Mumbais umsah. Als erstes führte er mich in ein wesentlich günstigeres Hotel, wo ich nur die Hälfte des Preises meines jetzigen Hotels zu zahlen hatte. Mit einer Voranzahlung reservierte ich mir einen Raum für die nächsten Nächte und war mit etwa acht Euro für ein hellhöriges Einzelkabuff sehr gut dabei. Regelmäßig ging ich runter um zu checken, ob mein Fahrrad noch an Ort und Stelle stand. Wie bitter wäre es gewesen, wenn das Rad jetzt in der letzten Woche gestohlen worden wäre. Michael riet mir das Rad irgendwie mit rein zu nehmen, denn auf den Straßen Mumbais sei es nicht safe. Als ich nachmittags noch einmal runterging stand plötzlich der Besitzer des Ladens, vor dem das Rad stand, vor mir, der mir klipp und klar sagte, dass, wenn ich es nicht woanders hinstelle, er die Polizei rufen würde. Da es keine andere sichere Stelle in der Gegend gab, fuhr ich es eine Weile durch die Gegend, nahm es in der Abenddämmerung mit die Treppen hinauf, und schloss es dreist an das Gitter gegenüber der Tür meines Hotels an. Keiner sagte etwas, und dann war ich wieder verschwunden. Auch abends sagte mir keiner mehr etwas, und damit war die Lösung wohl akzeptiert. So überstand mein Rad die erste Nacht.

Diese Krähe stand wie ich vor einem Meer aus Energie in dieser Stadt.

Die Tage in Mumbai vergingen langsam, aber ich genoss es. Diese Stadt steht für den kulminierten Wahnsinn Indiens im guten und schlechten Sinn, und ich hatte das Gefühl mitten drin zu sein. Ein riesiges Karussell aus Farben, Geräuschen und Gerüchen. Eines Tages wollte ich beispielsweise einen Fahrradkarton zum Rücktransport meines Fahrrads im Flugzeug besorgen. Im Internet hatte ich mir ein paar Adressen herausgeschaut. Die Läden lagen etwa vier Kilometer Luftlinie von mir entfernt. Nur mit Stadtplan und Kompass gewappnet fuhr ich zuversichtlich los in die Richtung. Schon bald jedoch verlor ich mich total in dem Straßenwirrwarr und, viel schlimmer, dem zähen Brei aus Menschen, Tieren, Autos, und Ständen, in dem ein paar Polizisten mit Atemmasken hoffnungslos versuchen einen halbwegs geregelten Fluss herzustellen. An Radeln war nicht zu denken, und auch zu Fuß stellte sich mein Rad als einen richtigen Klotz am Bein heraus. Mayhem on the streets, aber total. Kurz blitzte in mir der Gedanke, dass dies nur die Straße sei, und ich nicht ahnen könnte, was noch alles hinter diesen alten Fassaden vor sich ginge.

Straßengrün.

Ich war fasziniert von der Stadt. Sie bildete ein gelungener Schlusspunkt dieser verrückten Reise und deshalb wollte ich sie irgendwie fotografisch festhalten. Nur wie? Wie porträtiert man so etwas großes, undefiniertes, verrücktes wie Mumbai? Ich wusste es nicht, schnappte mir jedoch meine Kamera und ging einfach mal hinaus auf die Straße. Nach einiger Zeit und Schnappschüssen, die mir nicht gefielen, fiel mir auf, wie viele Tiere es außer den Menschen noch hier auf den Straßen gab. Neben dem Porträtieren von Menschen erweiterte ich jetzt also mein Subjekt: Das Tier in der Megacity. Der Megacity Mumbai, wohlgemerkt.
Die obigen und folgenden Bilder sind bei meinen zwei Ausflügen entstanden, wobei die Bilder der ersten Reihe meist unbrauchbar waren aufgrund einer Verschmutzung meiner Linse, die ich aber zu spät bemerkt hatte.

Indogermanische Symbolik.

Die Straßenlaterne schaut wie eine Madonna aus den staubigen Planen hervor.

Die grünen Straßen Mumbais.

Jungs an der Uferpromenade.

Frau im abfahrbereiten Bus.

Kutschenpferd mit wundgescheuerten Knien vom Liegen auf dem Asphalt.

Im Fischerviertel Colabas.

Man beachtete mich fast nicht.

Der Fang war bereits am Morgen eingeholt worden. Am Nachmittag spielen die Fischer Karten.

Ein Hund auf der Straße, aber kein Straßenhund.

Bingo auf offener Straße. Die da so schreit verkündet die Nummern.

Kinder der Fischerfamilien.

Ein stolzer Junge, der seine Scheu überwand, damit ich von ihm ein Foto mache.

Hühner.

Cricket wird immer noch überall gespielt. Auch wenn der Ball immer wieder ins Hafenbecken plumpst.

Ein echter Straßenhund.

Charme der Unschuld.

Ein weißes Kätzchen spielt mit Pappe.

Am Tag vor meiner Abreise kamen Julia und Sina mit dem Ex-Freund Ben der Julia in Mumbai an. Ich traf die drei vor dem Gate to India und führte sie zu meinem Hotel, wo ich bereits zwei Zimmer für die beiden reserviert hatte. Als die drei sich von der langen Zugreise hierher ein wenig erholt hatten, gingen wir raus und ich zeigte ihnen ein wenig die Gegend. An der Uferpromenade trafen wir uns mit Michael und – ganz Michael – gingen wir danach einige Bier trinken. Es wurde noch ein lustiger Abend.

Michael spricht kein Französisch, und Ben kein Englisch. Trotzdem unterhielten sie sich.

Da funkte es wieder.

Heiß war es nach wie vor, auch mit kühlem Bier.

Die drei waren kurz nach ihrer Ankunft von einem Scout Bollywoods angesprochen worden, und würden am nächsten Tag eine Statistenrolle in einem Bollywoodfilm übernehmen. Sie mussten also früh raus. So hatte ich den letzten Tag für mich, und konnte in aller Ruhe meine Sachen vorbereiten. Ich ging noch einmal etwas mit Michael essen, der mir in den paar Tagen auf verrückter Weise zu einem loyalen und guten Freund geworden war. Er führte mich zum sehr guten Chhatrapati Shivaji Maharaj Vastu Sangrahalaya Museum. Ja, die Namen sind hier alle so lang.

In dem Museum waren zahllose Perlen Indischer Hochkultur versammelt. Ich war überrascht so viele schöne Dinge hier zu finden.

Dann packte ich meine Sachen, band den Fahrradkarton an meinen Lenker und fuhr mit dem Rad zum Hauptbahnhof CST, um von dort aus mit der Metro zum Flughafen zu fahren.
So jedenfalls lautete der Plan. Am Bahnhof wurde ich darauf hingewiesen, dass ich es mit dem Rad und dem Karton unmöglich in den Zug schaffen würde. Es sei schon schwierig genug überhaupt so einen Stehplatz im Zug zu bekommen. Mit so etwas Sperrigem wie meinem Gefährt sei daran gar nicht zu denken.
Tja, da stand ich mal wieder und musste meine Pläne ändern. Es blieb mir wohl nichts anderes übrig als mit dem Fahrrad die dreißig Kilometer durch die Stadt zum Flughafen zu radeln. Meinen Stadtplan hatte ich dummerweise den Mädels vermacht, mit dem konnte ich mich also nicht mehr orientieren. Ich würde mich also durchfragen müssen. Zum Glück war ich eine Stunde früher als geplant losgefahren.

Es dämmerte bereits, und schon bald wurde es dunkel.

Es sollte mein letztes Abenteuer dieser Tour hier in Indien werden. Zweieinhalb Stunden lang fuhr ich über Hauptverkehrsstraßen und Autobahnen immer gen Norden. Die Straßen waren verstopft vom vielen Autoverkehr, an dem ich jedoch mich problemlos mit dem Rad vorbeischlängeln konnte. Außerdem konnte ich im Stau immer wieder anhalten und Rikshafahrer nach dem Weg fragen. Der Weg war zum Glück letztlich nicht so kompliziert. Es war jedoch trotzdem eine beeindruckende Fahrt, da ich hautnah an vielen Slums vorbei kam. Manche dieser Hütten, die oft nur aus ein paar Ästen und einer Plastikfolie bestanden, waren sogar bis auf den Seitenstreifen der Autobahn gebaut worden. Nur eine Schicht Plastik trennte die Bewohner dort vom Lärm und Gestank der Autobahn. Unvorstellbar? Nur aus unserer Sicht.
Der Flughafen Mumbais glich einer Festung aufgrund der immer wieder stattfindenden Anschläge in dieser Stadt. Bevor man ihn betreten kann passiert man mehrere Sicherheitskontrollen des Militärs. Und so baute ich mein Rad unter den Augen der Wachhabenden aus einander und packte es in den Karton. Keine zwei Stunden später saß ich im Flieger und flog in zehn Stunden Flugzeit die Strecke zurück, für die ich auf dem Rad acht Monate gebraucht hatte.

Von der abschließenden Tour durch meine alte Heimat nach Hause handelt der nächste Post.
Bis dahin alles Gute,
euer Johannes Bondzio

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