Jul 152012
 
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Im Anflug auf Amsterdam flogen wir über ausgedehnte Felder aus Grün und viele silbrige Gewässern. Ein Anblick, der viele Insassen, auch mich, erstaunte. So viel Wasser und Grün waren wir, aus Indien kommend, schlichtweg nicht mehr gewöhnt. Meine Sitznachbarin, eine Inderin, fand es wunderschön.
Mein Gepäck, inklusive Fahrrad, hatte ein weiteres Mal die Flugreise unbeschadet überstanden. Ich suchte mir eine ruhige Ecke in der Gepäckausgabe, und hatte es nach gut anderthalb Stunden wieder aufgebaut. An mir gingen viele Niederländer vorüber, die gebräunt und gut gelaunt aus dem Urlaub wieder kamen. Mit einem Augenzwinkern fragte man mich, ob ich der neue Fahrradmechaniker des Flughafens wäre.
Als mein Fahrrad wieder stand, wusch ich mich, fragte zwei Flughafenangestellte nach dem besten Weg in die Innenstadt Amsterdams, und trat aus dem Flughafen raus. Das Wetter war niederländisch frisch – kalte, klare Luft umwehte mich. Die Wärme Indiens war vorbei. Ich zog mir eine Jacke über und fuhr los.

Das Rad in der Innenstadt Amsterdams.

In Amsterdam beherbergte mich die Hanne, die ich über das Internetportal warmshowers.org kennen gelernt hatte. Sie ist ein lebensfreudiges Mädel, das auch schon einmal ein ganzes Jahr durch Südostasien geradelt ist. Es tat gut, in dieser neuen, alten Welt zunächst sich mit jemandem austauschen zu können, die den ganzen Prozess des Radelns und des Ankommens schon einmal durchgemacht hatte.
Sie wusste deshalb auch, dass das Wichtigste nach so einer langen Reise am Tag der Ankunft erst mal das Akklimatisieren ist. Sie hatte an dem Tag ein Treffen mit Freunden, zu dem sie mich auch mit einlud. Im Flugzeug hatte ich auf den engen Sitzen nicht wirklich gut schlafen können. Sie hatte deshalb vollstes Verständnis dafür, dass ich mich zunächst einmal einfach nur ausruhen wollte.

In der Innenstadt.

Wie sich herausstellte, ist die Hanne eine gute Freundin der Schwester von Guus dem Radler, den ich im Süden des Irans begegnet war. Die Small-World-Theory wurde so noch einmal aus erster Hand erlebt. Spontan verabredeten wir uns also abends zu einem gemeinsamen Essen in einem der vielen hippen Lokale der niederländischen Hauptstadt. Es war sehr schön, all die freundlichen Leute um sich zu haben und seit langem mal wieder so richtig Niederländisch sprechen zu können. Ich staunte nicht schlecht, wie lange es hier in den nördlichen Breiten abends hell ist. Auch vollzog sich die Dämmerung viel langsamer, als ich es aus Indien noch gewohnt war.

Eine der vielen grünen Grachten der Stadt.

Tags darauf musste Hanne arbeiten. Ich fuhr auf Anraten der Hanne in die Stadt um mir die „World Press Photo“ Ausstellung anzuschauen. Auf ihr werden die besten Pressefotos jedes Jahres ausgestellt. Ich kam etwas zu früh, und hatte noch etwas Zeit mir die Innenstadt anzuschauen. Die Ausstellung befand sich in der „Nieuwe Kerk“ (Neue Kirche), mitten im berühmt-berüchtigten Rotlichtdistrikt Amsterdams, der „Walletjes“. Ich hatte ihn noch nie zuvor gesehen, und ich muss eingestehen, dass nach all den Monaten in muslimischen und hinduistischen Ländern diese offensive Zurschaustellung von soviel käuflicher Nacktheit mir ein mulmiges Gefühl im Magen aber auch ein verwundertes Lächeln ins Gesicht trieb.

In der Ausstellung.

Gegen zwei Uhr nachmittags öffnete die Ausstellung. Das Interesse war groß, die Schlange lang. Die Fotos deckten die großen Medienthemen des letzten Jahres ab: Fukushima, den „Arabische Frühling“, große Sportereignisse sowie auch einige soziale Themen. Die Bilder waren großartig. Einem wird bewusst, wenn man diese Bilder sieht, dass es einen Unterschied zwischen zufälligen Schnappschüssen und Konzeptfotografie gibt. Die Bilder verbanden ganz klar Bildelemente zu Aussagen und waren zudem noch unter z.T. schwierigsten Umständen entstanden, wie etwa die Bürgerkriegsbilder des Arabischen Frühlings aus Libyen.
Trotzdem verließ ich die Ausstellung schockiert. Grund waren vier Fotografien, die vom Iran handelten. Es waren die einzigen vier Fotos über den Iran in der gesamten Ausstellung. Sie dokumentieren die öffentliche Erhängung einer Gruppe von Vergewaltigern, die eine Hochzeit im Iran überfallen hatten. Laut Anklage hatten sie die anwesenden Männer gefesselt und die Frauen vergewaltigt. Eine grausige Tat. Auf den Bildern waren nun die hängenden Männer mit ihren abgeknickten Hälsen zu sehen, sowie eine sensationsgierig drein blickende Menge. Eine Gegendarstellung fehlte.
Die Aussage der Fotoserie, die in den Köpfen derer zurückbleiben würde, die noch nie im Iran gewesen waren, war die, dass sich im Iran Menschen zum Vergewaltigen organisieren, und sie den vorzeitlichen Akt der Hinrichtung ekstatisch feiern. Ein barbarisches Bild. Ich will den Informationsgehalt der Bilder nicht in Abrede stellen. Das überlieferte Bild ließ sich jedoch in keiner Weise mit dem Bild der Güte und Großzügigkeit in Deckung bringen, das ich von den Menschen im Iran gewonnen hatte. In der Ausstellung musste ich mich zunächst schockiert einmal niedersetzen. Anfängliche Fassungslosigkeit wich schwer zu unterdrückende Entrüstung, wich wachsender Enttäuschung. Es war dies ein Paradebeispiel verzerrter Berichterstattung und westlicher Propaganda. Ernüchtert verließ ich die Ausstellung.
Mit meiner Erfahrung wand ich mich später erst an Hanne, die meine Einwände verstand, aber ganz richtig mit einem Schulterzucken bedachte. Da man, erst recht wenn man nie im Ausland war, nie wissen kann, wo einem die Medien „nicht ganz die Wahrheit sagen“, muss man lernen, etablierte Medien mit Vorsicht zu genießen. In solchen Momenten zeigte sich mir welchen Wert es hatte, mit meiner Reise einmal über den Tellerrand zu blicken.

Am nächsten Morgen ging es für mich mit dem Rad weiter. Hanne war schon wieder zur Arbeit, als ich die Tür ihres Apartments hinter mir ins Schloss zog. Ich musste nach Norden, zum Afsluitdijk. Also musste ich einmal quer durch Amsterdam. Der Weg dadurch zu finden war gar nicht so einfach! Denn nicht nur wird das nördliche Amsterdam von vielen Wasserstraßen und Kanälen durchzogen, auch gestaltet sich die Verkehrsführung viel komplizierter, erst recht für jemanden ohne Stadtplan. Überall sind Fahrradampeln, Fahrradwegkreuzungen, Einbahnstraßen, Fahrverbote, und nicht jede Brücke über die Gewässer war auch für Fahrräder freigegeben. Hinzu kamen noch ein paar Baustellen, und die Verwirrung war komplett. Da fand ich navigieren in Indien doch einfacher, da einem qua Verkehrsregelbefolgung dort freie Hand gelassen wird.
Mit der Hilfe von Anwohnern hatte ich es jedoch irgendwann doch geschafft. Einer von ihnen war auch Reisender, der nun bald wieder aufbrechen wollte (er wusste nur noch nicht ob per Segelschiff oder per Fahrrad). Nachdem der letzte große Kanal hinter mir lag, schloss sich abrupt das flache Grün und die vielen Gewässer des „Waterlands“ (Wasserland) an. Um eine möglichst schöne Strecke zu haben, fuhr ich am Markermeer entlang. Direkt über den Deich. Die Fahrradwege waren, wie überall in den Niederlanden, von hervorragender Qualität.
Die Sonne schien, der Wind blies mir leicht von der Seite, es war ein sehr schöner erster Radeltag. Ich fuhr vorbei an den schönen Städtchen von Marken und Volendam, wo ich mir zu Mittag eine typisch niederländische Mahlzeit holte: „Patatje mét“ (Pommes mit Majo). Es stellte sich heraus, dass es nicht die beste Radlernahrung ist, denn sie liegt im Anschluss ziemlich schwer im Magen.
Weiter nördlich ab Enkhuizen hing eine Wolkendecke wie unbeweglich am Himmel. Gegen Abend ergaben sich aus ihr immer mehr Regentropfen, so dass ich noch bis um sechs Uhr radelte, um mir dann im Regen einen Zeltplatz zu suchen.
So schön Noord-Holland auch ist, so schlecht ist es zum Wildcampen. Aufgrund des vielen Ackerbaus gibt es fast nirgends Wallhecken oder Wäldchen, wo man unbeobachtet sein Zelt hätte aufschlagen können. Bei einem Bauern fragen wollte ich auch nicht, da ich schon ziemlich müde war, und Leute erfahrungsgemäß einem lieber einen Gefallen tun, wenn man nicht ganz so abgekämpft drein schaut. So gab ich mich an dem Abend mit einem kleinen Wäldchen neben einer Autobahn zufrieden, das ich irgendwann als einzige Möglichkeit unbehelligt zu Zelten erblickte.
Früh am nächsten Morgen war meine Stimmung nicht gerade auf dem Hochpunkt: Die erste Nacht wieder draußen im Zelt ist nach dem Luxus des weichen Betts und der warmen Dusche des Tages zuvor (Luxus, an den man sich sehr schnell wieder gewöhnt), immer die schwierigste. Auch gab sich das Wetter nach wie vor sehr niederländisch nass. So hatte mein Rad die ganze Nacht draußen im Regen gestanden, und ich musste mein Zelt nass zusammen packen. So etwas möchte man nach Möglichkeit vermeiden. Aber ich hatte mich nicht zu beschweren: Ich hätte auch bei einem der vielen Bauern der Gegend anfragen können.
Gerade als ich all meine Sachen auf mein Rad gepackt hatte, öffnete mir der Himmel noch einmal so richtig seine Schleusen, als wolle er mir etwas mitteilen. Mürrisch schob ich mein Rad aus dem Gebüsch, und nahm die Strecke vom Vortag wieder auf.
Ich begegnete etlichen Schülern, die natürlich mit dem Fahrrad zur Schule fuhren. Sie trugen keinerlei Regenkleidung, und ihre Haare hingen ihnen klatschnass an den geröteten Wangen herunter. Langsam tretend fuhren sie in Grüppchen, den Regen stoisch ertragend, ihre tägliche Strecke herunter. Ich sah ein: wenn die das können, werde ich den Regen auch vertragen. Sie nahm ich mir dann zum Vorbild.
Der Wind hatte mittlerweile auf Nord gedreht. Das war schon jetzt nicht angenehm, hier auf dem Festland. Auf dem Afsluitdijk sollte dies jedoch jedoch zum quasi-GAU (größtes anzunehmende Ungemach) ausarten, da einem da der Wind ungebremst entgegenwehen kann. Immer schön schräg von vorne peitschte er mir die kalten Regentropfen ins Gesicht. Schönstes niederländisches Wetter, dreißig Kilometer lang. Einfach nasskalt. Man lernt sich ganz dicht unter dem Deich zu halten. Unterwegs begegnete ich einem Italiener auf dem Rad, der aus Berufsgründen nach Leeuwarden gezogen war. Er radelte viel als Hobby, aber auch er hatte keine guten Worte für dieses Wetter übrig. Am anderen Ende des Deichs traf ich einen älteren niederländischen Reiseradler. Seine knallroten Taschen waren blitzblank geputzt, aber seine Sprache war unzusammenhängend. In der Kälte erklärte er mir, dass er gerade den ganzen „Pieterspad“ (einen Pilgerweg quer durch die Niederlande) geradelt hatte, und dabei nur schlechtes Wetter gehabt hatte. Ob dies der Grund für seine Sprache gewesen war?
Von nun an bog ich ab Richtung Südosten nach Sneek, der Heimat meiner frühen Kindheit. Man muss es mal wieder den Niederländern überlassen: Ihr Radfahrnetz ist vorbildlich. Mittels ihrer Wegweiser und des Knotenpunktsystems, wird man elegant über ganz unscheinbare und wunderschöne Radwege geführt, die in exzellentem Zustand sind. Von nun an hatte ich auch den Wind wieder etwas im Rücken, und der Regen hörte langsam auf. Das war sehr angenehm.
In Sneek aß ich erst einmal gut zu Essen in einem der vielen asiatischen Restaurants dort. Drei ältere Damen und ich waren die einzigen Gäste des Restaurants, und so kam ich während des Essens nicht umhin ihrem Gerede am Nachbartisch auf Friesisch zu zu hören. Als Kind hatte ich die Sprache dieser Gegend einmal fließend beherrscht, aber nach einem Umzug in ein anderes Gebiet fast schlagartig verlernt. Jetzt war ich stolz noch das meiste des Gesprächs verstehen zu können, und musste mir ständig ein Lächeln verkneifen, das verraten hätte, dass ich zuhörte.

Vd Meulen Plattboden. Herrliche Schiffe.

Mit gefülltem Magen fuhr ich zu meinem eigentlichen Ziel in der Stadt: Der Werft Joh. vd Meulen. Sie ist eine alte Werft, in der seit über einem Jahrhundert alte niederländische Plattboden gebaut wurden. In den achtziger Jahren hatte mein Vater mehr als Hobby viel auf dieser Werft gearbeitet, und so waren wir als Kinder oft und viel auf dieser Werft gewesen. Meine frühesten Kindheitserinnerungen stammen von hier. Ich hatte ihn immer als sehr schönen Ort in Erinnerung, da er mich mit seinem Geruch von Sägespänen, Wasser und (damals) Teer sehr an Freizeit erinnerte. Ich war sehr froh zu spüren, dass sich an der Werft selber nicht viel getan hatte. Drumherum hatte sich zwar ein Geschäftsgebiet hochgezogen, die Werft an sich lag jedoch noch weitestgehend so da, wie ich sie in Erinnerung hatte.

Arbeitskleidung.

Vierzehn Jahre war es her, dass ich sie das letzte Mal betreten hatte. Damals war ich ein kleiner Junge gewesen. Bei ihrem Wiedersehen steckte mir ein Kloß im Hals.

Alles roch nach Holz.

In der Werft traf ich auch gleich Henk vd Meulen, der die Werft von seinem Vater Johannes geerbt hatte, und nun weiter führte. Er hatte mich nicht gleich erkannt natürlich, denn er kannte mich natürlich nur als kleiner Junge. Als aber klar war, wer und wessen Sohn da vor ihm stand, ließ er sein Arbeit spontan ruhen, führte mich herum und stellte mich den anderen Mitarbeitern vor. Sie ließen sich es nicht nehmen, mir in leuchtendsten Farben zu schildern, wie toll mein Vater früher der Werft geholfen hatte, in dem er ihr in Zeiten zurückgehender Auftragslage den deutschen Chartermarkt eröffnet hatte. Es war dies eine bewegende Begegnung, nach all den Jahren. Insgesamt kann ich immer noch nicht genau beschreiben weshalb. Schwer jedoch konnte ich vor den anderen die Tränen der Rührung unterdrücken. Als man mich für einen Moment in einem Bootsschuppen mit einem Schiff alleine ließ, das mein Vater damals gebaut hatte, ließ ich alles heraus. Zu groß war die Freude des Wiedersehens, zu stark die Erinnerungen von früher, zu sehr vermisste ich auch immer noch meinen Vater nach seinem Tod vor einigen Jahren.

In der Werft.

Detail.

Eine alte Klappbrücke aus Eisen.

Den Nachmittag und Abend verbracht ich in der sehenswerten Innenstadt Sneeks. Das wechselhafte Wetter Frieslands gewährte spektakuläre Lichtverhältnisse, und ein Regenbogen zierte die Waterpoort, dem Wahrzeichen Sneeks.

Die Waterpoort.

Ganz wie selbstverständlich ließ mich Henk für die Nacht bei seiner Familie übernachten. Es war ein anstrengender Tag gewesen. Dankbar sagte ich zu.
Am nächsten Morgen war die Werftfamilie schon früh auf den Beinen. Als der Letzte setzte ich mich an den Frühstückstisch, wo es lecker Kaffee mit dem weichen, niederländischem Brot gab.

Abschiedsfoto mit dem Werftmeister Henk.

Von Sneek aus fuhr ich zunächst in den nicht weit entfernten gelegenen ersten Wohnort meiner Familie in den Niederlanden. Das Wetter war strahlend schön, und ich fuhr durch satte, grüne Wiesen, auf denen Rotbuntvieh und die schwarz glänzenden Friesenpferde standen. Bussarde hockten auf Zaunpfählen. Nach einigen Kilometern erreichte ich den Ort. In Hinblick auf die Radreise hatte dieses Dorf eine gewisse Bedeutung, denn dort hatte ich Radfahren gelernt.

Auf diesem Weg hatte ich als kleiner Junge Radfahren gelernt.

Von hier fuhr ich quer rauf bis Kollum, dem Ort, wo ich die meisten Jahre meiner Kindheit in den Niederlanden verbracht hatte. Mittags machte ich Rast in dem kleinen Ort Burgum, wo ein Mann von an die siebzig Jahre sich mit mir von seiner Gartenarbeit bei einem Jugendheim hinsetzte. Während ich aß, rauchte er eine Zigarette und erzählte mir, weshalb er es vorziehe in seinem Alter noch freiwillig zu arbeiten, anstatt sich auf seiner kleinen Rente auszuruhen. Er mochte es einfach, unter den Leuten zu sein. Er war sein ganzes Leben lang den Bauern der Gegend als Gehilfe nützlich gewesen, also war er froh, auch jetzt Menschen von Nutzen sein zu können. Wo ich da so draußen saß, schaute plötzlich ein Kopf aus der Tür – ob ich denn einen Kaffee wolle? Da sage bitte nochmal einer, dass die Niederländer nicht gastlich seien!

Friesland, der Himmel für Kühe.

Bis Kollum war es von dort aus nicht mehr weit. Einige Kilometer vor dem Dorf fing ich an, Ecken meiner Kindheit wieder zu erkennen. Bald schon fielen mir zu jeder Ecke des Dorfs Geschichten ein, die ich dort erlebt hatte. Hatte ich auch meine Jugend in Deutschland verbracht, die war definitiv die Heimat meiner Kindheit.

Wiedersehen mit alten Freunden.

In Kollum beherbergten mich ehemalige Nachbarn, mit denen meine Familie immer noch ein inniges Verhältnis pflegt. Die Freude des Wiedersehens war groß. Da der Termin meiner Ankunft zu Hause bei meinen Eltern auf den zwanzigsten festgelegt war, würde ich drei Tag in dem Ort bleiben. Genügend Zeit alte Freunde wieder zu sehen und eine kleine Radtour zu machen, um zu schauen ob auch in der Gegend noch alles beim Rechten ist. Es waren drei schöne Tage, die ich wirklich genossen habe.
Am dritten Tag kam mich Simon, ein alter, guter Freund aus meiner Gymnasialzeit mich von dem Ort aus abholen. Er hatte sich früh morgens in einen Zug gesetzt, und war mir entgegen gefahren. Ich holte ihn vom Bahnhof ab, und nach einem Kaffee bei meinen Freunden fuhren wir los, um die letzten Kilometer heim zu reißen.

Abfahrbereit für die letzten Kilometer.

Simon staunte nicht schlecht über die gute Qualität der Radwege in den Niederlanden. Gerade in Groningen gibt es Straßen, wo die Radler einen genau so breiten Teil der Straße beanspruchen dürfen wie die Autofahrer. Man hat hier verstanden, dass das Fahrradfahren Spaß machen muss, um die Menschen zum Radfahren zu bewegen. Die positiven Auswirkungen einer radelnden Bevölkerung sind schon jetzt zu sehen. Die Menschen sind fitter, die Straßen sicherer, die Städte sauberer und die Gesundheitskassen in Zukunft entlasteter als ihren Entsprechungen in Deutschland, das in vielem den Niederländern mal wieder hinterher hinkt.
Östlich von Groningen schloss sich das Groninger Land an. Ein Land weiter Horizonte und vereinzelt stehende, alte Gutshöfe, die zu dem Land gehören. Menschen wohnen hier nicht mehr viele. Gegen Abend planten wir irgendwo im deutsch-niederländischen Grenzgebiet zu zelten.

Industrie vor Delfzijl.

In der Hafenstadt Delfzijl wurden ein letztes Mal die Wasservorräte aufgestockt, bevor wir uns ein ruhiges Örtchen unterm Deich aussuchten. Beobachtet wurden wir nur von einer Herde Schafe, die auf dem Deich grasten.
Es war ein toller, letzter Radeltag gewesen, erst recht in Begleitung von meinem alten Freund. Wir hatten uns viel zu erzählen. Unsere Themen ergänzen sich immer ganz hervorragend. Den Tag ließen wir mit einem überreichlichen Essen und einem Bier bei einem Sonnenuntergang auf dem Deich ausklingen. Könnte es schöner sein?
Gegen Zehn Uhr abends kam der Pächter des Landstücks vorbei, wo wir campten. Er wollte die Zäune und Tore überprüfen. Als er uns sah war er ganz locker, und meinte, dass wir nicht die ersten seien, die hier übernachteten. Wenn wir ruhig seien und keinen Müll hinterließen, sei es für ihn kein Problem. Nun entsprach das sowieso unserem Plan, und so fuhr er schon bald wieder davon.
Schlussendlich war er da, der letzte Tag. Das Wetter war ein bisschen grau, und der Wind wollte uns auch nicht so richtig nach Deutschland wehen. Die Kilometer zur Grenze verliefen schleppend, und ab Deutschland begrüßte uns erst einmal ein holpriger Radweg.
Im Grenzort Bunde machten wir erst einmal Pause, um uns bei einem Kaffee und einem lang ersehnten Stück deutschen Kuchen etwas zu erholen. Zeitgleich mit uns beiden kam ein gut dreißigjähriger Typ ebenfalls mit dem Fahrrad an. Er hatte einen Försterhut auf, und etwa zwanzig Kugelschreiber in seiner Brusttasche. Schon bei der Bestellung seines Kaffees war uns beiden klar, dass bei ihm etwas nicht ganz normal war. Ihm kamen immer wieder neue Einfälle und Assoziationen, die das ganze Prozedere des Kaffeebestellens sehr in die Länge zogen. Als er seinen Kaffee hatte, setzte er sich zu uns. Es entfaltete sich ein witziges Gespräch, bei dem ich feststellte, dass er nicht einfach verrückt war, sondern spontan assoziierte. Er sprang von einem Wort zum anderen, verband dabei Gedanken und Erinnerungen seinerseits, was die ganze Sache für andere nicht leicht zu verstehen machte. Mehrfach behauptete er, dass er „das älteste Wesen der Welt“ sei. Eine Schraube saß definitiv locker, dumm war er jedoch nicht: Das bewiesen immer wieder Referenzen zu Büchern, die er gelesen hatte. Mit seiner Telefonnummer und einer kleinen Zeichnung in der Tasche verließen wir ihn, und machten uns an die letzten paar Kilometer nach Timmel.
In Simons Elternhaus machten wir eine letzte Rast bei Brötchen und Kuchen. Die Tatsache, dass wir beide vor Schweiß stark rochen, schien die Familie nicht weiter zu stören. Den leckeren Ostfriesentee ließ ich mir gut schmecken. Von dort an begleiteten mich meine Geschwister auf dem Fahrrad die letzten paar Kilometer zum Wohnort meiner Eltern. Sie wieder zu sehen war sehr schön. Passend dazu kam auch jetzt die Sonne heraus. An der Brücke zum Dorfeingang standen bereits die ersten, um mich zu begrüßen. Zu Hause hatte meine Mutter einen kleinen Empfang vorbereitet. Einige Menschen und Freunde waren extra für mich gekommen, um mich zu begrüßen. Das hat mich sehr gefreut. Dafür noch einmal vielen Dank.

Wieder in der Reihe mit den Geschwistern.

Es sollte noch ein schöner Nachmittag werden, an dem ich vor lauter Begrüßen, Erzählen und Zuhören nicht einmal dazu kam, mich zu duschen. Mir ist dieser Tag als unvergesslich in Erinnerung. Und damit war ich zurück, zurück im Schoß der Familie.

Ein freudiger Empfang.

Umringt von Mutter und Freunden.

Abschiedsfoto mit dem Radelpartner.

Das Projekt „What is a Surface“ hat damit einen vorläufigen Abschluss gefunden. Ich danke allen Lesern für ihr Interesse und hoffe, dass das Lesen Spaß gemacht hat. Vielleicht habe ich den einen oder anderen dafür motivieren können, auch einmal durch eine Reise die Vorhänge herkömmlichen Denkens beiseite zu schieben. Fest steht für mich jedoch bereits jetzt, dass es nicht die letzte Reise dieser Art sein wird.
Was in Zukunft mit dieser Webseite geschehen wird, ist noch nicht ganz klar. Grob plane ich, sie in eine größere Plattform mit einzubinden, um ihr Konzept nicht zu verwässern. Es werden Erfahrungsberichte zu der genutzten Ausrüstung, sowie einige Radreiseberichte von kleineren Touren folgen. Der Name der nächsten Webseite wird bekannt gegeben, wenn sie bereit steht.

Es verbleibt mit schönen Grüßen,
euer Johannes Bondzio

  3 Responses to “Heimreise”

  1. Lieber Johannes,

    Ich habe Deine Berichte und Fotos sehr genossen, meine liebe kleine Frau ist immer nur sporadisch zum Zuschauen gekommen. Und wenn ich zurückschaue, dann finde ich immer wieder etwas, das ich überlesen habe oder vergessen. Deshalb bitten wir beide Dich, doch alles noch möglichst lange im Internet stehen zu lassen – es sei denn, es wird ein Buch daraus… – und wenn wir das nächste Mal in Berlin sind, wäre es toll, wenn wir Dich auch wiedersehen könnten. (Oder – wo bist Du jetzt überhaupt?)

    Herzliche Grüße
    Guita und Jörg Lamecker (Eltern von Hans)

  2. Hallo Johannes,
    mit viel Vergnügen habe ich Deinen Tourbericht gelesen. Besonders imponiert hat mich deine Querung von Anatolien im Winter (brrrrr) und deine Blogs über Indien. Respekt.
    Gruss von
    Thomas

  3. Hallo Johannes,

    sehr schöne Bilderreihe.
    Besonders die Klappbrücke gefällt mir und da ich im Bereich Statik Aufgaben für einen Professor erstelle, wollte ich fragen, ob ich dieses Bild für eine Aufgabe und Power Point Präsentation nutzen darf.
    Ich würde mich freuen, wenn du mir per E-Mail antworten würdest

    Beste Grüße,

    Hendrik

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