Johannes

Sep 022013
 

Hallo alle,
ich hoffe, es geht euch gut. Aus gegebenen Anlass möchte ich euch in diesem Artikel eine Möglichkeit zur Verschlüsselung eures Emailverkehrs namens PGP näher bringen. Ich möchte euch erklären, wobei es sich dabei handelt, warum Verschlüsselung eurer Kommunikation wichtig ist, wie es von der Idee her funktioniert, und wie ihr es bei euch installieren könnt.

Was bedeutet es, eine Email zu verschlüsseln?

Fangen wir von vorne an. Eine Email im herkömmlichen Sinn ist eine Textdatei, an die noch weitere Daten (Bilder, Videos, Musik etc.) angehängt werden können. Sie wird über ein Netzwerk aus Knotenpunkten, das Internet, verschickt. Unverschlüsselt verschickt ähnelt sie einer bemalten Postkarte, die über mehrere Stationen an ihren Empfänger gelangt, und deren Inhalt ein jeder lesen kann, der sie die Hände bekommt (z.B. der Postbote, der Zollbeamte, sowie der Hausmeister, der die Post annimmt).
Manchmal möchte man sich jedoch mit seinem Kommunikationspartner über Themen unterhalten, die nicht jeder wissen soll. Insbesonders nicht der geschwätzige Hausmeister. Schriebe man die privaten Details in die unverschlüsselte Email bzw. auf die Postkarte, könnte diese Details wieder ein jeder lesen, der den Datenverkehr bzw. Briefverkehr einsehen kann. Um das Problem zu umgehen steckt man im Fall der Postkarte diese einfach in einen Umschlag.

Um das Gleiche für deine Email zu bewerkstelligen brauchst du eine Verschlüsselung, eine Codierung der Emailnachricht. Sie funktioniert wie der Briefumschlag für die Postkarte. Der elektronische “Briefumschlag” besteht, einfach formuliert, aus einem Schlüssel, d.h. einem Code, welcher nur Sender und Empfänger bekannt sind. So kann der Sender die Nachricht mit dem Schlüssel codieren, so dass die Nachricht nach außen hin unlesbar ist. Nur der Empfänger kann die Nachricht mit Hilfe seines Schlüssels wieder dechiffrieren, so dass wieder lesbarer Text entsteht. Sicher können Fachkundige bzw. Postmitarbeiter weiterhin deine Emails lesen. Sie können aber aus dem codierten Text nicht auf den Inhalt der Nachricht rückschließen, da er wie ein Buchstabensalat aussieht. Nur du und dein Partner wissen, über welche Sachen ihr euch unterhalten habt. Die Verschlüsselung hat funktioniert!

Warum ist es wichtig, meinen Emailverkehr zu verschlüsseln?

Die meisten von uns haben ein Privatleben. In dem Privatleben muss man sich manchmal unter vier Augen über Dinge unterhalten, die keiner sonst wissen soll. Die Möglichkeit dies im Geheimen zu tun sichert uns u.A. die Freiheit, uns abseits von Normen und Zwängen zu verwirklichen. Bildlich gesprochen ist Privatsphäre die Gardine, die wir uns vor das Schlafzimmerfenster ziehen können, damit wir uns im Bett in Ruhe entspannen können.

Jetzt stellen wir uns einmal kurz vor, dein Chef könnte mitlesen, worüber du dich mit wem unterhältst. Das wäre, alsob er Tag und Nacht vor deinem Schlafzimmer ohne Gardinen stünde, und dir beim Filmegucken bzw. allem sonst beobachten würde. Er wüsste über alles in deinem Privatleben Bescheid, z.B welche Art von Filmen du gerne schaust, mit wem du gerne im Bett liegst, zu welcher Uhrzeit du aufstehst. Du stündest buchstäblich in Unterhosen vor ihm. Er könnte beim kleinsten “Fehlverhalten” deinerseits dieses Wissen gegen dich einsetzen. Er könnte z.B. dich erpressen oder dich feuern, und du könntest kaum etwas dagegen tun, da er mehr über dich weiß, als du über ihn. Siehst du, wie Information über Menschen immer auch Macht über Menschen bedeutet?

Damit du nicht vor deinem Chef bzw. deinem Hausmeister bzw. deinem Staat in Unterhosen dastehst, sondern dich mit ihnen auf Augenhöhe unterhalten kannst, steht dir das Mittel der Verschlüsselung deiner Kommunikation offen. Es ist der Briefumschlag für deine Postkarte, bzw. die Gardine, die du vor dein Schlafzimmer ziehen kannst. Mit ihr kannst du deinem Chef mit dem beruhigten Gewissen entgegentreten, dass er nicht alles über dich weiß, und du dir deine Bedürfnisse erfüllen kannst.

Gut, gut, ich habe die Bedeutung der Verschlüsselung begriffen. Aber welche Möglichkeiten stehen mir dazu offen?

Seit bereits einiger Zeit gibt es Verschlüsselungsmethoden für jeden, der seine Email über einen sog. “Emailclient”, wie Mozilla Thunderbird oder Apple Mail verschickt. Die bekanntesten hiervon sind vielleicht PGP, S/MIME und TLS. Ich möchte hier etwas näher auf PGP eingehen.

Was ist PGP?

Das Kürzel PGP steht für “Pretty Good Privacy” (deutsch: ziemlich gute Privatsphäre). Es handelt sich dabei um ein Computerprogramm, dass zur Verschlüsselung (“Codierung”) und Authentifizierung bei Datenverkehr (z.B. Email) dient. Die Idee des Programms ist es, dass die beiden Nutzer, die sich schreiben wollen, nicht nur einen Schlüssel, sondern gleich ein Schlüssel-Schloss-Paar zur Codierung haben. Das Schloss ist dabei öffentlich, und wird zwischen den Kommunikationspartnern ausgetauscht. Der Schlüssel bleibt geheim beim jeweiligen Nutzer. Wenn man sich eine Nachricht schreibt, schließt man die Nachricht mittels des öffentlich bekannten Schlosses des Partners ab, und nur der Empfänger kann sie mit seinem passenden Schlüssel wieder aufschließen.

Ok, und wie installiere ich PGP?

Die Installation PGPs ist bequem und benötigt etwa 15 Minuten. Danach findet der Emailverkehr über den Emailclient im Grunde wie gewohnt statt. Man kann nach wie vor auch unverschlüsselte Nachrichten verschicken, es steht einem nur jetzt außerdem die Möglichkeit zur verschüsselten Kommunikation offen.
Die Art der benötigten Pakete unterscheidet sich, je nachdem welchen Emailclient (Thunderbird, Apple Mail) du verwendest.

Falls du Thunderbird verwendest, klicke bitte hier.
Verwendest du Android, klicke bitte hier.
Nutzt du Apple, klicke bitte hier.

Falls du Outlook verwendest, erwäge doch bitte auf das großartige Mailprogramm Thunderbird umzusteigen, da mir z.Z. keine offene PGP-Umsetzung für MS Outlook bekannt ist.

Hat die Installation geklappt? Glückwunsch! Bitte nimm’ dir noch zwei Minuten Zeit, dir ein Widerrufszertifikat zu erstellen, für den Fall, dass der geheime Schlüssel doch in die falschen Hände geraten sollte, und lade deinen öffentlichen Schlüssel auf einen Schlüsselserver hoch, damit ein jeder dich bei Bedarf verschlüsselt kontaktieren kann.

Ich wünsche euch viel Spaß beim jetzt sichereren Kommunizieren. Teilt bitte diese Information mit möglichst vielen Anderen, denn je mehr Menschen Verschlüsselung verwenden, desto einfacher wird die verschlüsselte Kommunikation für euch. Habt außerdem bitte Verständnis, dass ich für Schäden aus der Verwendung der auf dieser Seite verlinkten Software keine Haftung übernehmen kann.

Schöne Grüße,
Johannes

Aug 132013
 

Hallo Leute! Habt ihr es schon gehört? Wir werden überwacht!

Auf der Anti-Überwachungsdemo, Hamburg, 27.7.2013

Über die Seite netzpolitik.org bin ich in letzter Zeit häufiger über den Videoblog Tilo Jungs gestolpert. Tilo Jung betreibt einen youtube-Channel, wo er Beiträge zu seinem Format “Jung & Naiv” postet. Die Idee des Formats ist so bestechend wie einfach: Der junge Tilo stellt naiv Fragen an bekannte Personen aus Politik und Gesellschaft, und will dabei die Dinge genau wissen. Der Clou ist bei der Geschichte, dass sich die befragten Personen wegen der unkonventionellen Art des Interviews sich nicht mehr an ihre festgedroschenen Parolen halten können, sondern nochmal haarfein darlegen müssen, wie sie zu ihren Überzeugungen gekommen sind. Hierbei geraten auch scheinbar fest gesattelte Personen gerne mal aus dem Gleichgewicht.

Im Rahmen dieses Formats gab es im Juli diesen Jahres anlässlich des NSA-Überwachungsskandals drei sehenswerte Beiträge mit Jacob Appelbaum, einer der führenden Persönlichkeiten, die sich für digitale Freiheit und Persönlichkeitsrechte stark machen. Es sind drei halbe Stunden stark kompaktierter Informationen, die vielleicht etwas Hintergrundwissen zu Überwachung und Freiheit verlangen. Dann jedoch sind sie äußerst schön anzuschauen. Viel Spaß dabei!

Teil I:

Teil II:

Teil III:

Jul 152012
 

Im Anflug auf Amsterdam flogen wir über ausgedehnte Felder aus Grün und viele silbrige Gewässern. Ein Anblick, der viele Insassen, auch mich, erstaunte. So viel Wasser und Grün waren wir, aus Indien kommend, schlichtweg nicht mehr gewöhnt. Meine Sitznachbarin, eine Inderin, fand es wunderschön.
Mein Gepäck, inklusive Fahrrad, hatte ein weiteres Mal die Flugreise unbeschadet überstanden. Ich suchte mir eine ruhige Ecke in der Gepäckausgabe, und hatte es nach gut anderthalb Stunden wieder aufgebaut. An mir gingen viele Niederländer vorüber, die gebräunt und gut gelaunt aus dem Urlaub wieder kamen. Mit einem Augenzwinkern fragte man mich, ob ich der neue Fahrradmechaniker des Flughafens wäre.
Als mein Fahrrad wieder stand, wusch ich mich, fragte zwei Flughafenangestellte nach dem besten Weg in die Innenstadt Amsterdams, und trat aus dem Flughafen raus. Das Wetter war niederländisch frisch – kalte, klare Luft umwehte mich. Die Wärme Indiens war vorbei. Ich zog mir eine Jacke über und fuhr los.

Das Rad in der Innenstadt Amsterdams.

In Amsterdam beherbergte mich die Hanne, die ich über das Internetportal warmshowers.org kennen gelernt hatte. Sie ist ein lebensfreudiges Mädel, das auch schon einmal ein ganzes Jahr durch Südostasien geradelt ist. Es tat gut, in dieser neuen, alten Welt zunächst sich mit jemandem austauschen zu können, die den ganzen Prozess des Radelns und des Ankommens schon einmal durchgemacht hatte.
Sie wusste deshalb auch, dass das Wichtigste nach so einer langen Reise am Tag der Ankunft erst mal das Akklimatisieren ist. Sie hatte an dem Tag ein Treffen mit Freunden, zu dem sie mich auch mit einlud. Im Flugzeug hatte ich auf den engen Sitzen nicht wirklich gut schlafen können. Sie hatte deshalb vollstes Verständnis dafür, dass ich mich zunächst einmal einfach nur ausruhen wollte.

In der Innenstadt.

Wie sich herausstellte, ist die Hanne eine gute Freundin der Schwester von Guus dem Radler, den ich im Süden des Irans begegnet war. Die Small-World-Theory wurde so noch einmal aus erster Hand erlebt. Spontan verabredeten wir uns also abends zu einem gemeinsamen Essen in einem der vielen hippen Lokale der niederländischen Hauptstadt. Es war sehr schön, all die freundlichen Leute um sich zu haben und seit langem mal wieder so richtig Niederländisch sprechen zu können. Ich staunte nicht schlecht, wie lange es hier in den nördlichen Breiten abends hell ist. Auch vollzog sich die Dämmerung viel langsamer, als ich es aus Indien noch gewohnt war.

Eine der vielen grünen Grachten der Stadt.

Tags darauf musste Hanne arbeiten. Ich fuhr auf Anraten der Hanne in die Stadt um mir die „World Press Photo“ Ausstellung anzuschauen. Auf ihr werden die besten Pressefotos jedes Jahres ausgestellt. Ich kam etwas zu früh, und hatte noch etwas Zeit mir die Innenstadt anzuschauen. Die Ausstellung befand sich in der „Nieuwe Kerk“ (Neue Kirche), mitten im berühmt-berüchtigten Rotlichtdistrikt Amsterdams, der „Walletjes“. Ich hatte ihn noch nie zuvor gesehen, und ich muss eingestehen, dass nach all den Monaten in muslimischen und hinduistischen Ländern diese offensive Zurschaustellung von soviel käuflicher Nacktheit mir ein mulmiges Gefühl im Magen aber auch ein verwundertes Lächeln ins Gesicht trieb.

In der Ausstellung.

Gegen zwei Uhr nachmittags öffnete die Ausstellung. Das Interesse war groß, die Schlange lang. Die Fotos deckten die großen Medienthemen des letzten Jahres ab: Fukushima, den „Arabische Frühling“, große Sportereignisse sowie auch einige soziale Themen. Die Bilder waren großartig. Einem wird bewusst, wenn man diese Bilder sieht, dass es einen Unterschied zwischen zufälligen Schnappschüssen und Konzeptfotografie gibt. Die Bilder verbanden ganz klar Bildelemente zu Aussagen und waren zudem noch unter z.T. schwierigsten Umständen entstanden, wie etwa die Bürgerkriegsbilder des Arabischen Frühlings aus Libyen.
Trotzdem verließ ich die Ausstellung schockiert. Grund waren vier Fotografien, die vom Iran handelten. Es waren die einzigen vier Fotos über den Iran in der gesamten Ausstellung. Sie dokumentieren die öffentliche Erhängung einer Gruppe von Vergewaltigern, die eine Hochzeit im Iran überfallen hatten. Laut Anklage hatten sie die anwesenden Männer gefesselt und die Frauen vergewaltigt. Eine grausige Tat. Auf den Bildern waren nun die hängenden Männer mit ihren abgeknickten Hälsen zu sehen, sowie eine sensationsgierig drein blickende Menge. Eine Gegendarstellung fehlte.
Die Aussage der Fotoserie, die in den Köpfen derer zurückbleiben würde, die noch nie im Iran gewesen waren, war die, dass sich im Iran Menschen zum Vergewaltigen organisieren, und sie den vorzeitlichen Akt der Hinrichtung ekstatisch feiern. Ein barbarisches Bild. Ich will den Informationsgehalt der Bilder nicht in Abrede stellen. Das überlieferte Bild ließ sich jedoch in keiner Weise mit dem Bild der Güte und Großzügigkeit in Deckung bringen, das ich von den Menschen im Iran gewonnen hatte. In der Ausstellung musste ich mich zunächst schockiert einmal niedersetzen. Anfängliche Fassungslosigkeit wich schwer zu unterdrückende Entrüstung, wich wachsender Enttäuschung. Es war dies ein Paradebeispiel verzerrter Berichterstattung und westlicher Propaganda. Ernüchtert verließ ich die Ausstellung.
Mit meiner Erfahrung wand ich mich später erst an Hanne, die meine Einwände verstand, aber ganz richtig mit einem Schulterzucken bedachte. Da man, erst recht wenn man nie im Ausland war, nie wissen kann, wo einem die Medien „nicht ganz die Wahrheit sagen“, muss man lernen, etablierte Medien mit Vorsicht zu genießen. In solchen Momenten zeigte sich mir welchen Wert es hatte, mit meiner Reise einmal über den Tellerrand zu blicken.

Am nächsten Morgen ging es für mich mit dem Rad weiter. Hanne war schon wieder zur Arbeit, als ich die Tür ihres Apartments hinter mir ins Schloss zog. Ich musste nach Norden, zum Afsluitdijk. Also musste ich einmal quer durch Amsterdam. Der Weg dadurch zu finden war gar nicht so einfach! Denn nicht nur wird das nördliche Amsterdam von vielen Wasserstraßen und Kanälen durchzogen, auch gestaltet sich die Verkehrsführung viel komplizierter, erst recht für jemanden ohne Stadtplan. Überall sind Fahrradampeln, Fahrradwegkreuzungen, Einbahnstraßen, Fahrverbote, und nicht jede Brücke über die Gewässer war auch für Fahrräder freigegeben. Hinzu kamen noch ein paar Baustellen, und die Verwirrung war komplett. Da fand ich navigieren in Indien doch einfacher, da einem qua Verkehrsregelbefolgung dort freie Hand gelassen wird.
Mit der Hilfe von Anwohnern hatte ich es jedoch irgendwann doch geschafft. Einer von ihnen war auch Reisender, der nun bald wieder aufbrechen wollte (er wusste nur noch nicht ob per Segelschiff oder per Fahrrad). Nachdem der letzte große Kanal hinter mir lag, schloss sich abrupt das flache Grün und die vielen Gewässer des „Waterlands“ (Wasserland) an. Um eine möglichst schöne Strecke zu haben, fuhr ich am Markermeer entlang. Direkt über den Deich. Die Fahrradwege waren, wie überall in den Niederlanden, von hervorragender Qualität.
Die Sonne schien, der Wind blies mir leicht von der Seite, es war ein sehr schöner erster Radeltag. Ich fuhr vorbei an den schönen Städtchen von Marken und Volendam, wo ich mir zu Mittag eine typisch niederländische Mahlzeit holte: „Patatje mét“ (Pommes mit Majo). Es stellte sich heraus, dass es nicht die beste Radlernahrung ist, denn sie liegt im Anschluss ziemlich schwer im Magen.
Weiter nördlich ab Enkhuizen hing eine Wolkendecke wie unbeweglich am Himmel. Gegen Abend ergaben sich aus ihr immer mehr Regentropfen, so dass ich noch bis um sechs Uhr radelte, um mir dann im Regen einen Zeltplatz zu suchen.
So schön Noord-Holland auch ist, so schlecht ist es zum Wildcampen. Aufgrund des vielen Ackerbaus gibt es fast nirgends Wallhecken oder Wäldchen, wo man unbeobachtet sein Zelt hätte aufschlagen können. Bei einem Bauern fragen wollte ich auch nicht, da ich schon ziemlich müde war, und Leute erfahrungsgemäß einem lieber einen Gefallen tun, wenn man nicht ganz so abgekämpft drein schaut. So gab ich mich an dem Abend mit einem kleinen Wäldchen neben einer Autobahn zufrieden, das ich irgendwann als einzige Möglichkeit unbehelligt zu Zelten erblickte.
Früh am nächsten Morgen war meine Stimmung nicht gerade auf dem Hochpunkt: Die erste Nacht wieder draußen im Zelt ist nach dem Luxus des weichen Betts und der warmen Dusche des Tages zuvor (Luxus, an den man sich sehr schnell wieder gewöhnt), immer die schwierigste. Auch gab sich das Wetter nach wie vor sehr niederländisch nass. So hatte mein Rad die ganze Nacht draußen im Regen gestanden, und ich musste mein Zelt nass zusammen packen. So etwas möchte man nach Möglichkeit vermeiden. Aber ich hatte mich nicht zu beschweren: Ich hätte auch bei einem der vielen Bauern der Gegend anfragen können.
Gerade als ich all meine Sachen auf mein Rad gepackt hatte, öffnete mir der Himmel noch einmal so richtig seine Schleusen, als wolle er mir etwas mitteilen. Mürrisch schob ich mein Rad aus dem Gebüsch, und nahm die Strecke vom Vortag wieder auf.
Ich begegnete etlichen Schülern, die natürlich mit dem Fahrrad zur Schule fuhren. Sie trugen keinerlei Regenkleidung, und ihre Haare hingen ihnen klatschnass an den geröteten Wangen herunter. Langsam tretend fuhren sie in Grüppchen, den Regen stoisch ertragend, ihre tägliche Strecke herunter. Ich sah ein: wenn die das können, werde ich den Regen auch vertragen. Sie nahm ich mir dann zum Vorbild.
Der Wind hatte mittlerweile auf Nord gedreht. Das war schon jetzt nicht angenehm, hier auf dem Festland. Auf dem Afsluitdijk sollte dies jedoch jedoch zum quasi-GAU (größtes anzunehmende Ungemach) ausarten, da einem da der Wind ungebremst entgegenwehen kann. Immer schön schräg von vorne peitschte er mir die kalten Regentropfen ins Gesicht. Schönstes niederländisches Wetter, dreißig Kilometer lang. Einfach nasskalt. Man lernt sich ganz dicht unter dem Deich zu halten. Unterwegs begegnete ich einem Italiener auf dem Rad, der aus Berufsgründen nach Leeuwarden gezogen war. Er radelte viel als Hobby, aber auch er hatte keine guten Worte für dieses Wetter übrig. Am anderen Ende des Deichs traf ich einen älteren niederländischen Reiseradler. Seine knallroten Taschen waren blitzblank geputzt, aber seine Sprache war unzusammenhängend. In der Kälte erklärte er mir, dass er gerade den ganzen „Pieterspad“ (einen Pilgerweg quer durch die Niederlande) geradelt hatte, und dabei nur schlechtes Wetter gehabt hatte. Ob dies der Grund für seine Sprache gewesen war?
Von nun an bog ich ab Richtung Südosten nach Sneek, der Heimat meiner frühen Kindheit. Man muss es mal wieder den Niederländern überlassen: Ihr Radfahrnetz ist vorbildlich. Mittels ihrer Wegweiser und des Knotenpunktsystems, wird man elegant über ganz unscheinbare und wunderschöne Radwege geführt, die in exzellentem Zustand sind. Von nun an hatte ich auch den Wind wieder etwas im Rücken, und der Regen hörte langsam auf. Das war sehr angenehm.
In Sneek aß ich erst einmal gut zu Essen in einem der vielen asiatischen Restaurants dort. Drei ältere Damen und ich waren die einzigen Gäste des Restaurants, und so kam ich während des Essens nicht umhin ihrem Gerede am Nachbartisch auf Friesisch zu zu hören. Als Kind hatte ich die Sprache dieser Gegend einmal fließend beherrscht, aber nach einem Umzug in ein anderes Gebiet fast schlagartig verlernt. Jetzt war ich stolz noch das meiste des Gesprächs verstehen zu können, und musste mir ständig ein Lächeln verkneifen, das verraten hätte, dass ich zuhörte.

Vd Meulen Plattboden. Herrliche Schiffe.

Mit gefülltem Magen fuhr ich zu meinem eigentlichen Ziel in der Stadt: Der Werft Joh. vd Meulen. Sie ist eine alte Werft, in der seit über einem Jahrhundert alte niederländische Plattboden gebaut wurden. In den achtziger Jahren hatte mein Vater mehr als Hobby viel auf dieser Werft gearbeitet, und so waren wir als Kinder oft und viel auf dieser Werft gewesen. Meine frühesten Kindheitserinnerungen stammen von hier. Ich hatte ihn immer als sehr schönen Ort in Erinnerung, da er mich mit seinem Geruch von Sägespänen, Wasser und (damals) Teer sehr an Freizeit erinnerte. Ich war sehr froh zu spüren, dass sich an der Werft selber nicht viel getan hatte. Drumherum hatte sich zwar ein Geschäftsgebiet hochgezogen, die Werft an sich lag jedoch noch weitestgehend so da, wie ich sie in Erinnerung hatte.

Arbeitskleidung.

Vierzehn Jahre war es her, dass ich sie das letzte Mal betreten hatte. Damals war ich ein kleiner Junge gewesen. Bei ihrem Wiedersehen steckte mir ein Kloß im Hals.

Alles roch nach Holz.

In der Werft traf ich auch gleich Henk vd Meulen, der die Werft von seinem Vater Johannes geerbt hatte, und nun weiter führte. Er hatte mich nicht gleich erkannt natürlich, denn er kannte mich natürlich nur als kleiner Junge. Als aber klar war, wer und wessen Sohn da vor ihm stand, ließ er sein Arbeit spontan ruhen, führte mich herum und stellte mich den anderen Mitarbeitern vor. Sie ließen sich es nicht nehmen, mir in leuchtendsten Farben zu schildern, wie toll mein Vater früher der Werft geholfen hatte, in dem er ihr in Zeiten zurückgehender Auftragslage den deutschen Chartermarkt eröffnet hatte. Es war dies eine bewegende Begegnung, nach all den Jahren. Insgesamt kann ich immer noch nicht genau beschreiben weshalb. Schwer jedoch konnte ich vor den anderen die Tränen der Rührung unterdrücken. Als man mich für einen Moment in einem Bootsschuppen mit einem Schiff alleine ließ, das mein Vater damals gebaut hatte, ließ ich alles heraus. Zu groß war die Freude des Wiedersehens, zu stark die Erinnerungen von früher, zu sehr vermisste ich auch immer noch meinen Vater nach seinem Tod vor einigen Jahren.

In der Werft.

Detail.

Eine alte Klappbrücke aus Eisen.

Den Nachmittag und Abend verbracht ich in der sehenswerten Innenstadt Sneeks. Das wechselhafte Wetter Frieslands gewährte spektakuläre Lichtverhältnisse, und ein Regenbogen zierte die Waterpoort, dem Wahrzeichen Sneeks.

Die Waterpoort.

Ganz wie selbstverständlich ließ mich Henk für die Nacht bei seiner Familie übernachten. Es war ein anstrengender Tag gewesen. Dankbar sagte ich zu.
Am nächsten Morgen war die Werftfamilie schon früh auf den Beinen. Als der Letzte setzte ich mich an den Frühstückstisch, wo es lecker Kaffee mit dem weichen, niederländischem Brot gab.

Abschiedsfoto mit dem Werftmeister Henk.

Von Sneek aus fuhr ich zunächst in den nicht weit entfernten gelegenen ersten Wohnort meiner Familie in den Niederlanden. Das Wetter war strahlend schön, und ich fuhr durch satte, grüne Wiesen, auf denen Rotbuntvieh und die schwarz glänzenden Friesenpferde standen. Bussarde hockten auf Zaunpfählen. Nach einigen Kilometern erreichte ich den Ort. In Hinblick auf die Radreise hatte dieses Dorf eine gewisse Bedeutung, denn dort hatte ich Radfahren gelernt.

Auf diesem Weg hatte ich als kleiner Junge Radfahren gelernt.

Von hier fuhr ich quer rauf bis Kollum, dem Ort, wo ich die meisten Jahre meiner Kindheit in den Niederlanden verbracht hatte. Mittags machte ich Rast in dem kleinen Ort Burgum, wo ein Mann von an die siebzig Jahre sich mit mir von seiner Gartenarbeit bei einem Jugendheim hinsetzte. Während ich aß, rauchte er eine Zigarette und erzählte mir, weshalb er es vorziehe in seinem Alter noch freiwillig zu arbeiten, anstatt sich auf seiner kleinen Rente auszuruhen. Er mochte es einfach, unter den Leuten zu sein. Er war sein ganzes Leben lang den Bauern der Gegend als Gehilfe nützlich gewesen, also war er froh, auch jetzt Menschen von Nutzen sein zu können. Wo ich da so draußen saß, schaute plötzlich ein Kopf aus der Tür – ob ich denn einen Kaffee wolle? Da sage bitte nochmal einer, dass die Niederländer nicht gastlich seien!

Friesland, der Himmel für Kühe.

Bis Kollum war es von dort aus nicht mehr weit. Einige Kilometer vor dem Dorf fing ich an, Ecken meiner Kindheit wieder zu erkennen. Bald schon fielen mir zu jeder Ecke des Dorfs Geschichten ein, die ich dort erlebt hatte. Hatte ich auch meine Jugend in Deutschland verbracht, die war definitiv die Heimat meiner Kindheit.

Wiedersehen mit alten Freunden.

In Kollum beherbergten mich ehemalige Nachbarn, mit denen meine Familie immer noch ein inniges Verhältnis pflegt. Die Freude des Wiedersehens war groß. Da der Termin meiner Ankunft zu Hause bei meinen Eltern auf den zwanzigsten festgelegt war, würde ich drei Tag in dem Ort bleiben. Genügend Zeit alte Freunde wieder zu sehen und eine kleine Radtour zu machen, um zu schauen ob auch in der Gegend noch alles beim Rechten ist. Es waren drei schöne Tage, die ich wirklich genossen habe.
Am dritten Tag kam mich Simon, ein alter, guter Freund aus meiner Gymnasialzeit mich von dem Ort aus abholen. Er hatte sich früh morgens in einen Zug gesetzt, und war mir entgegen gefahren. Ich holte ihn vom Bahnhof ab, und nach einem Kaffee bei meinen Freunden fuhren wir los, um die letzten Kilometer heim zu reißen.

Abfahrbereit für die letzten Kilometer.

Simon staunte nicht schlecht über die gute Qualität der Radwege in den Niederlanden. Gerade in Groningen gibt es Straßen, wo die Radler einen genau so breiten Teil der Straße beanspruchen dürfen wie die Autofahrer. Man hat hier verstanden, dass das Fahrradfahren Spaß machen muss, um die Menschen zum Radfahren zu bewegen. Die positiven Auswirkungen einer radelnden Bevölkerung sind schon jetzt zu sehen. Die Menschen sind fitter, die Straßen sicherer, die Städte sauberer und die Gesundheitskassen in Zukunft entlasteter als ihren Entsprechungen in Deutschland, das in vielem den Niederländern mal wieder hinterher hinkt.
Östlich von Groningen schloss sich das Groninger Land an. Ein Land weiter Horizonte und vereinzelt stehende, alte Gutshöfe, die zu dem Land gehören. Menschen wohnen hier nicht mehr viele. Gegen Abend planten wir irgendwo im deutsch-niederländischen Grenzgebiet zu zelten.

Industrie vor Delfzijl.

In der Hafenstadt Delfzijl wurden ein letztes Mal die Wasservorräte aufgestockt, bevor wir uns ein ruhiges Örtchen unterm Deich aussuchten. Beobachtet wurden wir nur von einer Herde Schafe, die auf dem Deich grasten.
Es war ein toller, letzter Radeltag gewesen, erst recht in Begleitung von meinem alten Freund. Wir hatten uns viel zu erzählen. Unsere Themen ergänzen sich immer ganz hervorragend. Den Tag ließen wir mit einem überreichlichen Essen und einem Bier bei einem Sonnenuntergang auf dem Deich ausklingen. Könnte es schöner sein?
Gegen Zehn Uhr abends kam der Pächter des Landstücks vorbei, wo wir campten. Er wollte die Zäune und Tore überprüfen. Als er uns sah war er ganz locker, und meinte, dass wir nicht die ersten seien, die hier übernachteten. Wenn wir ruhig seien und keinen Müll hinterließen, sei es für ihn kein Problem. Nun entsprach das sowieso unserem Plan, und so fuhr er schon bald wieder davon.
Schlussendlich war er da, der letzte Tag. Das Wetter war ein bisschen grau, und der Wind wollte uns auch nicht so richtig nach Deutschland wehen. Die Kilometer zur Grenze verliefen schleppend, und ab Deutschland begrüßte uns erst einmal ein holpriger Radweg.
Im Grenzort Bunde machten wir erst einmal Pause, um uns bei einem Kaffee und einem lang ersehnten Stück deutschen Kuchen etwas zu erholen. Zeitgleich mit uns beiden kam ein gut dreißigjähriger Typ ebenfalls mit dem Fahrrad an. Er hatte einen Försterhut auf, und etwa zwanzig Kugelschreiber in seiner Brusttasche. Schon bei der Bestellung seines Kaffees war uns beiden klar, dass bei ihm etwas nicht ganz normal war. Ihm kamen immer wieder neue Einfälle und Assoziationen, die das ganze Prozedere des Kaffeebestellens sehr in die Länge zogen. Als er seinen Kaffee hatte, setzte er sich zu uns. Es entfaltete sich ein witziges Gespräch, bei dem ich feststellte, dass er nicht einfach verrückt war, sondern spontan assoziierte. Er sprang von einem Wort zum anderen, verband dabei Gedanken und Erinnerungen seinerseits, was die ganze Sache für andere nicht leicht zu verstehen machte. Mehrfach behauptete er, dass er „das älteste Wesen der Welt“ sei. Eine Schraube saß definitiv locker, dumm war er jedoch nicht: Das bewiesen immer wieder Referenzen zu Büchern, die er gelesen hatte. Mit seiner Telefonnummer und einer kleinen Zeichnung in der Tasche verließen wir ihn, und machten uns an die letzten paar Kilometer nach Timmel.
In Simons Elternhaus machten wir eine letzte Rast bei Brötchen und Kuchen. Die Tatsache, dass wir beide vor Schweiß stark rochen, schien die Familie nicht weiter zu stören. Den leckeren Ostfriesentee ließ ich mir gut schmecken. Von dort an begleiteten mich meine Geschwister auf dem Fahrrad die letzten paar Kilometer zum Wohnort meiner Eltern. Sie wieder zu sehen war sehr schön. Passend dazu kam auch jetzt die Sonne heraus. An der Brücke zum Dorfeingang standen bereits die ersten, um mich zu begrüßen. Zu Hause hatte meine Mutter einen kleinen Empfang vorbereitet. Einige Menschen und Freunde waren extra für mich gekommen, um mich zu begrüßen. Das hat mich sehr gefreut. Dafür noch einmal vielen Dank.

Wieder in der Reihe mit den Geschwistern.

Es sollte noch ein schöner Nachmittag werden, an dem ich vor lauter Begrüßen, Erzählen und Zuhören nicht einmal dazu kam, mich zu duschen. Mir ist dieser Tag als unvergesslich in Erinnerung. Und damit war ich zurück, zurück im Schoß der Familie.

Ein freudiger Empfang.

Umringt von Mutter und Freunden.

Abschiedsfoto mit dem Radelpartner.

Das Projekt „What is a Surface“ hat damit einen vorläufigen Abschluss gefunden. Ich danke allen Lesern für ihr Interesse und hoffe, dass das Lesen Spaß gemacht hat. Vielleicht habe ich den einen oder anderen dafür motivieren können, auch einmal durch eine Reise die Vorhänge herkömmlichen Denkens beiseite zu schieben. Fest steht für mich jedoch bereits jetzt, dass es nicht die letzte Reise dieser Art sein wird.
Was in Zukunft mit dieser Webseite geschehen wird, ist noch nicht ganz klar. Grob plane ich, sie in eine größere Plattform mit einzubinden, um ihr Konzept nicht zu verwässern. Es werden Erfahrungsberichte zu der genutzten Ausrüstung, sowie einige Radreiseberichte von kleineren Touren folgen. Der Name der nächsten Webseite wird bekannt gegeben, wenn sie bereit steht.

Es verbleibt mit schönen Grüßen,
euer Johannes Bondzio

Auf der Zielgeraden – von Goa nach Mumbai

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Jun 142012
 

Da die Zugtickets von Goa nach Mumbai ausverkauft waren, fuhr ich als die letzten Kilometer rauf mit dem Fahrrad. Nach dem Abschiedsfoto der lieben Hotelbetreuerin fuhr ich los. Das Fahren durch die Palmenwälder Goas war richtig schön. Die Strecke war flach, die Temperaturen im Schatten moderat, und die Straßen hier in der Gegend sind richtig gut asphaltiert. In Panjim aß ich bei einem guten Restaurant zu Mittag, das Julia und Sina bei unserem ersten Besuch bereits entdeckt hatten. Ab da fuhr ich weiter über den National Highway nach Norden.
Der Verkehr auf dem Highway war für Indische Verhältnisse recht ruhig. Die Strecke führte über viele Hügel und moderate Steigungen. Die Nacht verbrachte ich in einem Palmenhain. Meine Klamotten und mich konnte ich in einem kleinen, brackigen Fluß waschen. Beim Abendbrot beobachtete ich dutzende Flughunde, die in der Abenddämmerung zum Beutefang ausflogen. Das war Indien von seiner schönen Seite.

Ein gezwungenes Lächeln früh morgens im Palmenhain.

Am nächsten Tag kam ich bald an eine Stelle, an der vom Highway eine kleine Straße Richtung Küste abbiegt. Im Gedanken an die tolle Fahrt entlang der Küste Goas war ich froh wieder auf kleinere Straßen an der Küste auszuweichen. So stellte ich mir das jedenfalls vor.
Schon nach dem ersten steilen Abstieg in ein Flußtal wurde mir bewusst, dass dies ein Fehler gewesen war. Hatte sich der Highway noch so ziemlich auf einer Hochebene befunden, befand ich mich ab jetzt mitten in den Ausläufern des Küstengebirges zum Meer hin. Damit ging es auf und ab und immer wieder auf und ab. Umkehren mochte ich jedoch nicht. In der Hoffnung, doch noch ein flaches Stück mehr Richtung Küste zu finden, fuhr ich weiter. Es wurde aber nicht besser, eher schlimmer. Ständig ging es hundert Meter steil hinauf, und dann wieder herunter. Eintönig, anstrengend und auf Dauer zermürbend. Die Mofas und Motorräder um mich herum plagte das offenbar nicht. Als Radler kam man jedoch aus dem Schwitzen nicht mehr raus.

Eine Mangoplantage.

Gegen Mittag kam ich ziemlich fertig in ein kleines Lokal. Ich war sehr hungrig, und die Bedienung irgendwie schwer von Begriff. Ich aß eine Menge um die nötige Energie für den Nachmittag zu haben. Ganz beruhigen über die Fahrt bisher konnte ich mich nicht.
Die anschließende Fahrt aus dem Tal heraus, in dem das Dorf lag, war anstrengender als alle anderen zuvor. Ob das wohl an dem vollen Magen lag? Oben jedenfalls war ich so sauer auf mich und dieses unverschämte Geländeprofil, dass ich mich am Straßenrand auf ein paar Steine setzen musste. Dort erlitt ich zum ersten Mal auf meiner Reise so etwas wie einen nervlichen Zusammenbruch: Die Kontrolle über mich und meine Gefühle ging mir in den zehn Minuten, die es dauerte, völlig abhanden. Ich heulte Rotz und Wasser, und schrie meinen Frust über dieses Land und alles was mir nicht an ihm gefiel hier an der Küste heraus. Nur langsam wollte es mir dämmern, dass ich mir es so ausgesucht und ich mich nicht zu beschweren hatte. So, indem ich mir immer wieder diese Worte wiederholte, fuhr es sich anschließend wesentlich ruhiger, auch wenn die Hügel nicht weniger erbarmungslos wurden.
Am dritten Tag erreichte ich Ratnagiri, einer kleinen Küstenstadt so ziemlich auf der Mitte zwischen Goa und Mumbai. Es war daher Halbzeit und sowieso Zeit für einen Ruhetag.

Fischerboote im Meeresarm vor Ratnagiri.

Nach einer Nacht campen am Strand stellte sich heraus, dass der erste Mai wie in Deutschland ein Feiertag im Bundesstaat Mararashtra ist. Damit waren sämtliche Zimmer in der Stadt belegt. Keine Chance eines zu ergattern. Bei bestimmt zehn verschiedenen Guesthouses habe ich angefragt. Dabei wollte ich im Grunde nur meine vollgeschwitzten Sachen waschen. Aber auch nur das war bei keinem möglich.
Irgendwann ging ich einem weiteren Hinweis nach, wo es noch ein freies Zimmer geben könnte. Ohne mehr auf ein Zimmer zu bestehen fragte ich beim nächsten Haus bloß, ob ich bei ihnen meine Sachen waschen könne. Zu meiner Überraschung erlaubte der Mann es mir, und machte überhaupt einen sehr freundlichen, wenn auch etwas verdutzten Eindruck. Als er mich durch das Haus nach hinten zur Waschecke führte bemerkte ich erschreckt, dass es sich bei diesem Haus gar nicht um ein Hotel handelte, sondern um ein richtiges Wohnhaus. Ich hatte mich offenbar in der Adresse geirrt. Meine Überraschung teilte ich dem Hausbewohner mit, der mir lächelnd zu verstehen gab, dass das schon in Ordnung sei. Ob ich noch etwas zum Waschen brauche? Nein, dazu hatte ich alles da.
Als meine Sachen gewaschen, und im Hof zum Trocknen aufgehängt waren, lud mich der freundliche Mann zu einem Tee im Wohnzimmer ein. Es entfaltete sich ein überraschend gutes Gespräch zwischen uns beiden, denn der gute Mann sprach gutes Englisch. Wir begannen nach den Formalitäten, woher man komme und gehe, über die Länder zu sprechen, sowie den Ideen, die Fremde mit ihnen verknüpfen. Über Indien wollte mir zunächst gar nichts einfallen, da mir die merkwürdige Art zu eigen ist, sämtliche Vorurteile und Bilder über ein Land zu vergessen, sobald ich es betrete. Das Bild von Deutschland war meinem Indischen Freund jedoch sehr klar. Es hieß: Adolf Hitler. Keine Autos? Ja auch, aber vor allem Hitler. Und so kamen wir zu Ideen, deren Motivation und ihre Tragweite. Gerade im Länderpaar Indien – Deutschland gibt es mit Mahatma Gandhi und Hitler zwei Verkörperungen von Ideen, die gegensätzlicher kaum sein könnten. Lag Hitlers Ideologie begründet in Hass und Verblendung, führte Gandhis Weg über Aufrichtigkeit und Liebe. Wir kamen zum Schluss, dass Ideen begründet in Frieden und Liebe diejenigen mit langfristig mehr Tragweite sind. Ideologien, die auf Hass und Wut basieren können langfristig keine Menschen inspirieren, da Wut und Hass ein Ziel benötigen, sich Umstände jedoch ändern. Mir kamen meine Erlebnisse der letzten Monate in den Sinn. Momente der Hilfsbereitschaft, der Erfahrungen, der Freiheit, die ich meinem Freund mitteilte.
So wurde aus dem anfänglichen Wäschewaschen eine tiefe Unterhaltung, die mich noch den ganzen Tag beschäftigen sollte.
Nachdem ich tags zuvor noch einmal alles heraus geschrien hatte, war mein Kopf auf wunderbare Weise klar. Nachmittags saß ich am Strand, als ich die Gedanken des Vormittags in meinem Tagebuch festhielt. Nachdem ich diese Thesen niedergeschrieben hatte, kam mir der Gedanke nach den persönlichen Konsequenzen, die ich hieraus für mich ziehen werden müsste. Ich schrieb eine ganze Menge. Das ist meine Art meine Gedanken zu sortieren. Am Ende standen für mich einige Konsequenzen fest. Aufrichtigkeit, Hilfsbereitschaft, Gegenliebe waren für mich nicht mehr leere Worthülsen. Sie waren mir auf dieser Reise reichlich vergönnt gewesen und sollen von nun an mein Handeln bestimmen, um, im Glauben an die Tragweite meiner individuellen Handlung, einen kleinen Beitrag zu einer besseren Welt zu leisten. Ausgelutschte Worthülsen? Ja, solange man nicht weiß, wie für einen eine bessere Welt auszusehen hat, und man die Handlungsweisen nicht kennt, die einen dahin bringen. Für mich stand jedoch von da an fest, dass eine bessere Welt diejenige ist, wo Menschen aufrichtig mit einander umgehen. Helfen, da man sich damit selbst hilft, aber auch einmal „kein Bock“ sagen dürfen. Aufrichtigkeit eben. Dies möge von nun an mein Handeln bestimmen.

Bescheidenheit überkommt einen angesichts der Größe der Welt.

Beseelt von diesen Gedanken, und dem Wissen meinem Sinn des Lebens ein Stück näher gekommen zu sein, fuhr ich Tags darauf weiter. Diesmal jedoch über den kurzen Zubringer wieder auf den National Highway. Die Küste hatte ich gefressen. Es fuhr sich auch gleich viel leichter.

Die Kinder der Raststätte für den Mittag.

Sie liebten es von mir hochgehoben zu werden.

Kurz vor dem Abendstopp wurde ich von einem sehr freundlichen jungen Melonenverkäufer zu ein Stück Melone auf der Straße eingeladen. Die Melone holte er unter einem Fliegennetz hervor, schnitt ein Stück heraus, und bestreute es mit Salz, bevor er es mir reichte. Bei der Melone kam die Frage, wo ich die Nacht verbringe und ob ich nicht die Nacht bei ihnen schlafen wolle. Überrumpelt, aber nicht überrascht, willigte ich ein.

Der Melonenverkäufer, er hieß Ramesh, stellte sich als PhD-Student der Geschichte heraus.

Er studierte an der University of Mumbai, und verdiente für seine Eltern etwas Geld als Melonenverkäufer. Er war sehr nett und gesprächig, und seine Mutter war goldig. Man gab mir eine Reismahlzeit, und der Mutter freute es sehr, dass es mir so gut schmeckte. Ständig steckte sie ihren Kopf durch den Türrahmen um zu sehen ob es mir auch gut gehe. Geschlafen wurde dann aber nicht in dem Haus. Das war dafür zu klein. Selbst auf dem Fußboden hätte ich keinen Platz gehabt. Draußen vor dem Haus gab es eine Gottesstatue an der Straße. Davor wurden kurzerhand zwei Matten ausgerollt, auf der wir dann schliefen. Ein Leben auf der Straße, ich hatte mich schon fast daran gewöhnt.

Ramesh' kleiner Cousin.

Eine Gasflasche im Lokal wo ich frühstückte.

An diesem Tag sollte noch ein für mich denkwürdiges Ereignis stattfinden. Am Vormittag, in einer Steigung, knackte ich die zehntausend Kilometer-Marke dieser Tour. So wie ich auf sie zuradelte, kam es mir nicht so wichtig vor. Es sei nur eine Zahl, erzählte ich mir. Aber im Moment, wo dann da tatsächlich eine fünfzahlige Zahl auf dem Tacho steht, jubelt man schon. Man lernt auch alles raus zu lassen.

Das Beweisfoto.

Das Siegerfoto, mit nur scheinbar coolem Johannes.

Der letzte große Anstieg der Tour.

Der Brunnen war ausgelaufen.

Jetzt aber zu Mumbai. Delhi mag die Hauptstadt Indiens sein, alle sind sich jedoch einig, dass Mumbai dessen Herz ist. In aller Hinsicht: kulturell, wirtschaftlich und sozial. In dieser Stadt, dessen Stadtgebiet zum großen Teil dem Meer abgetrotzt wurde, leben knapp zwanzig Millionen Menschen. Fünfundfünzig Prozent von ihnen, sprich gut zehn Millionen hausen in Slums, und können so zum Beispiel ihre Arbeit zu Fuß erreichen. Die Stadt beherbergt den größten Slum Asiens mit allein einer Million Menschen nur in diesem Stadtteil. All diese Menschen führen einen täglichen Kampf um ihre Versorgung sicher zu stellen. In diesem Gedränge findet jeder seinen Weg, und so gilt das Gesetz der Straße mehr als das auf dem Papier. Die organisierte Kriminalität scheint nach wie vor ein großes Geschäft zu sein. Korruption blüht. Aufgrund der großen Bevölkerungsdichte sind die Straßen fast immer vom Verkehr verstopft. Luft- und Umweltverschmutzung sind ein alltägliches Problem. Wer einen Eindruck über die Vielfalt dieser Stadt aus erster Hand lesen möchte, dem empfehle ich das Buch ‘Shantaram’ von G.D. Roberts.
Um mir den Verkehr zu ersparen fuhr ich mit dem Zug nach Mumbai rein. Um so überraschter war ich, als ich CST, den Hauptbahnhof Mumbais, mit dem Rad verließ und morgens um Neun auf ruhige, fast leere Straßen traf. Ich hatte vergessen, dass es Sonntag war, und an einem Sonntagmorgen kommt sogar eine Megacity wie Mumbai in bestimmten Gebieten zu Ruhe. Überhaupt war ich sofort angetan von dieser Stadt. Hier gab es Kolonialgeschichte zu anfassen. Es wäre, als wenn man einen klassischen Teil Londons nach Indien verfrachtet hätte, und den Zahn der Zeit daran hätte nagen lassen. Der CST glich einer Englischen Kathedrale. Sie waren fantastisch anzusehen, all diese Bauten im Europäischen Stil, z.T. überwuchert von Ranken und authentisch alt.

Ein Wasserverkäufer.

In einem Fremdenführer hatte ich nachgelesen, dass die Gegend um Colaba die am touristisch erschlossenste ist. Dort gäbe es auch die günstigeren Hostels, obwohl Mumbai hier zu den teuersten Städten Indiens gehört.
Einem ersten Hinweis folgend, checkte an dem Morgen in ein recht teures ein, da alle günstigen Zimmer vergeben waren. Auf dem Weg dort hin hatte ich bereits verschiedene Male freundlichen Blickkontakt mit einem Typen gehabt. Er trug ein grünes Kopftuch und sah so gar nicht wie ein Inder aus.
Beim Einchecken fragte ich den Rezeptionisten, ob ich mein Fahrrad irgendwo hier unterstellen könne. Das sei nicht möglich sagte er mir. Auch der Hinweis, dass es auf den Straßen für mein Rad nicht sicher sei, stieß auf taube Ohren. So blieb mir nichts anderes übrig, als das Rad erst einmal den Tag draußen an ein stabiles Eisengestell zu schließen.
Als die Sachen oben im Hotel waren, ging ich wieder raus auf die Straße. Sofort traf ich wieder den Typen mit dem grünen Kopftuch. Diesmal sprachen wir uns an. Er hieß Michael, und er sah vom Gesicht her eher wie ein Südeuropäer als ein Inder aus. Er kam aber aus Goa, und was er genau in Mumbai machte, konnte ich nicht herausfinden. Er liebe jedoch ‘drinking and smoking’. Ziemlich schnell stellte es sich heraus, dass er ein bekannter Name hier auf den Straßen war, der viele Connections hatte. Ich vermutete daher, dass er durch das Zusammenbringen von Touristen mit Geld und Indern über kleine Provisionen sein Auskommen machte. Sein Vertrauen erweckendes nicht-indisches Aussehen half ihm dabei sicher sehr.

Ein Straßenverkäufer verkauft Gummibänder auf dem Bordstein.

Michael und ich wir begegneten uns noch einige Male diesen Tag, während ich mich ein bisschen dort am südlichsten Zipfel Mumbais umsah. Als erstes führte er mich in ein wesentlich günstigeres Hotel, wo ich nur die Hälfte des Preises meines jetzigen Hotels zu zahlen hatte. Mit einer Voranzahlung reservierte ich mir einen Raum für die nächsten Nächte und war mit etwa acht Euro für ein hellhöriges Einzelkabuff sehr gut dabei. Regelmäßig ging ich runter um zu checken, ob mein Fahrrad noch an Ort und Stelle stand. Wie bitter wäre es gewesen, wenn das Rad jetzt in der letzten Woche gestohlen worden wäre. Michael riet mir das Rad irgendwie mit rein zu nehmen, denn auf den Straßen Mumbais sei es nicht safe. Als ich nachmittags noch einmal runterging stand plötzlich der Besitzer des Ladens, vor dem das Rad stand, vor mir, der mir klipp und klar sagte, dass, wenn ich es nicht woanders hinstelle, er die Polizei rufen würde. Da es keine andere sichere Stelle in der Gegend gab, fuhr ich es eine Weile durch die Gegend, nahm es in der Abenddämmerung mit die Treppen hinauf, und schloss es dreist an das Gitter gegenüber der Tür meines Hotels an. Keiner sagte etwas, und dann war ich wieder verschwunden. Auch abends sagte mir keiner mehr etwas, und damit war die Lösung wohl akzeptiert. So überstand mein Rad die erste Nacht.

Diese Krähe stand wie ich vor einem Meer aus Energie in dieser Stadt.

Die Tage in Mumbai vergingen langsam, aber ich genoss es. Diese Stadt steht für den kulminierten Wahnsinn Indiens im guten und schlechten Sinn, und ich hatte das Gefühl mitten drin zu sein. Ein riesiges Karussell aus Farben, Geräuschen und Gerüchen. Eines Tages wollte ich beispielsweise einen Fahrradkarton zum Rücktransport meines Fahrrads im Flugzeug besorgen. Im Internet hatte ich mir ein paar Adressen herausgeschaut. Die Läden lagen etwa vier Kilometer Luftlinie von mir entfernt. Nur mit Stadtplan und Kompass gewappnet fuhr ich zuversichtlich los in die Richtung. Schon bald jedoch verlor ich mich total in dem Straßenwirrwarr und, viel schlimmer, dem zähen Brei aus Menschen, Tieren, Autos, und Ständen, in dem ein paar Polizisten mit Atemmasken hoffnungslos versuchen einen halbwegs geregelten Fluss herzustellen. An Radeln war nicht zu denken, und auch zu Fuß stellte sich mein Rad als einen richtigen Klotz am Bein heraus. Mayhem on the streets, aber total. Kurz blitzte in mir der Gedanke, dass dies nur die Straße sei, und ich nicht ahnen könnte, was noch alles hinter diesen alten Fassaden vor sich ginge.

Straßengrün.

Ich war fasziniert von der Stadt. Sie bildete ein gelungener Schlusspunkt dieser verrückten Reise und deshalb wollte ich sie irgendwie fotografisch festhalten. Nur wie? Wie porträtiert man so etwas großes, undefiniertes, verrücktes wie Mumbai? Ich wusste es nicht, schnappte mir jedoch meine Kamera und ging einfach mal hinaus auf die Straße. Nach einiger Zeit und Schnappschüssen, die mir nicht gefielen, fiel mir auf, wie viele Tiere es außer den Menschen noch hier auf den Straßen gab. Neben dem Porträtieren von Menschen erweiterte ich jetzt also mein Subjekt: Das Tier in der Megacity. Der Megacity Mumbai, wohlgemerkt.
Die obigen und folgenden Bilder sind bei meinen zwei Ausflügen entstanden, wobei die Bilder der ersten Reihe meist unbrauchbar waren aufgrund einer Verschmutzung meiner Linse, die ich aber zu spät bemerkt hatte.

Indogermanische Symbolik.

Die Straßenlaterne schaut wie eine Madonna aus den staubigen Planen hervor.

Die grünen Straßen Mumbais.

Jungs an der Uferpromenade.

Frau im abfahrbereiten Bus.

Kutschenpferd mit wundgescheuerten Knien vom Liegen auf dem Asphalt.

Im Fischerviertel Colabas.

Man beachtete mich fast nicht.

Der Fang war bereits am Morgen eingeholt worden. Am Nachmittag spielen die Fischer Karten.

Ein Hund auf der Straße, aber kein Straßenhund.

Bingo auf offener Straße. Die da so schreit verkündet die Nummern.

Kinder der Fischerfamilien.

Ein stolzer Junge, der seine Scheu überwand, damit ich von ihm ein Foto mache.

Hühner.

Cricket wird immer noch überall gespielt. Auch wenn der Ball immer wieder ins Hafenbecken plumpst.

Ein echter Straßenhund.

Charme der Unschuld.

Ein weißes Kätzchen spielt mit Pappe.

Am Tag vor meiner Abreise kamen Julia und Sina mit dem Ex-Freund Ben der Julia in Mumbai an. Ich traf die drei vor dem Gate to India und führte sie zu meinem Hotel, wo ich bereits zwei Zimmer für die beiden reserviert hatte. Als die drei sich von der langen Zugreise hierher ein wenig erholt hatten, gingen wir raus und ich zeigte ihnen ein wenig die Gegend. An der Uferpromenade trafen wir uns mit Michael und – ganz Michael – gingen wir danach einige Bier trinken. Es wurde noch ein lustiger Abend.

Michael spricht kein Französisch, und Ben kein Englisch. Trotzdem unterhielten sie sich.

Da funkte es wieder.

Heiß war es nach wie vor, auch mit kühlem Bier.

Die drei waren kurz nach ihrer Ankunft von einem Scout Bollywoods angesprochen worden, und würden am nächsten Tag eine Statistenrolle in einem Bollywoodfilm übernehmen. Sie mussten also früh raus. So hatte ich den letzten Tag für mich, und konnte in aller Ruhe meine Sachen vorbereiten. Ich ging noch einmal etwas mit Michael essen, der mir in den paar Tagen auf verrückter Weise zu einem loyalen und guten Freund geworden war. Er führte mich zum sehr guten Chhatrapati Shivaji Maharaj Vastu Sangrahalaya Museum. Ja, die Namen sind hier alle so lang.

In dem Museum waren zahllose Perlen Indischer Hochkultur versammelt. Ich war überrascht so viele schöne Dinge hier zu finden.

Dann packte ich meine Sachen, band den Fahrradkarton an meinen Lenker und fuhr mit dem Rad zum Hauptbahnhof CST, um von dort aus mit der Metro zum Flughafen zu fahren.
So jedenfalls lautete der Plan. Am Bahnhof wurde ich darauf hingewiesen, dass ich es mit dem Rad und dem Karton unmöglich in den Zug schaffen würde. Es sei schon schwierig genug überhaupt so einen Stehplatz im Zug zu bekommen. Mit so etwas Sperrigem wie meinem Gefährt sei daran gar nicht zu denken.
Tja, da stand ich mal wieder und musste meine Pläne ändern. Es blieb mir wohl nichts anderes übrig als mit dem Fahrrad die dreißig Kilometer durch die Stadt zum Flughafen zu radeln. Meinen Stadtplan hatte ich dummerweise den Mädels vermacht, mit dem konnte ich mich also nicht mehr orientieren. Ich würde mich also durchfragen müssen. Zum Glück war ich eine Stunde früher als geplant losgefahren.

Es dämmerte bereits, und schon bald wurde es dunkel.

Es sollte mein letztes Abenteuer dieser Tour hier in Indien werden. Zweieinhalb Stunden lang fuhr ich über Hauptverkehrsstraßen und Autobahnen immer gen Norden. Die Straßen waren verstopft vom vielen Autoverkehr, an dem ich jedoch mich problemlos mit dem Rad vorbeischlängeln konnte. Außerdem konnte ich im Stau immer wieder anhalten und Rikshafahrer nach dem Weg fragen. Der Weg war zum Glück letztlich nicht so kompliziert. Es war jedoch trotzdem eine beeindruckende Fahrt, da ich hautnah an vielen Slums vorbei kam. Manche dieser Hütten, die oft nur aus ein paar Ästen und einer Plastikfolie bestanden, waren sogar bis auf den Seitenstreifen der Autobahn gebaut worden. Nur eine Schicht Plastik trennte die Bewohner dort vom Lärm und Gestank der Autobahn. Unvorstellbar? Nur aus unserer Sicht.
Der Flughafen Mumbais glich einer Festung aufgrund der immer wieder stattfindenden Anschläge in dieser Stadt. Bevor man ihn betreten kann passiert man mehrere Sicherheitskontrollen des Militärs. Und so baute ich mein Rad unter den Augen der Wachhabenden aus einander und packte es in den Karton. Keine zwei Stunden später saß ich im Flieger und flog in zehn Stunden Flugzeit die Strecke zurück, für die ich auf dem Rad acht Monate gebraucht hatte.

Von der abschließenden Tour durch meine alte Heimat nach Hause handelt der nächste Post.
Bis dahin alles Gute,
euer Johannes Bondzio

May 232012
 

‘Bleibe drei Tage, und du willst nie wieder fort.’ So sagt man über Goa, diesem paradiesischen Streifen an der Westküste Indiens. Die Strecke dorthin war nicht ohne gewesen (siehe meinen letzten Post), aber nun endlich kam ich an. Kurz nach der Grenze nach Goa fällt die Indische Hochebene plötzlich um knapp sechshundert Meter auf Meeresniveau, und man fährt an Feuchtwiesen und Meeresarmen vorbei mit nur einem Ziel: dem Strand.

Willkommen in Goa.

Der Verkehr unten in der Tiefebene war noch einmal laut und mörderisch, bevor ich in die kleine Straße zum Ort Benaulim einbog, wo ich Halt machen würde. Laut einem Fremdenführer seien dort die wenigsten Partygänger und die meiste Ruhe zu erwarten. Es gab einige günstige Übernachtungsmöglichkeiten, und gleich bei der Ersten schlug ich zu, bei einem Zimmerpreis von umgerechnet 4,50€ pro Nacht und Zimmer. Hätte ich einen Reisepartner gehabt, hätten wir für das Doppelzimmer den gleichen Preis bezahlt, sprich für jeden noch einmal die Hälfte.

Die Palmen vor dem Hostel.

Mitte März ist die Hauptsaison in Goa zu Ende, und jetzt, Ende April, waren eine Indische Familie und ich die einzigen Gäste in dem großen Hostel ‘Rosario’s Inn’. Langersehnte Ruhe pur.
Die Verwalterin des Hostels war eine gutmütige Großmutter, die den Tag damit verbrachte ihre Blumen zu gießen und mit ihrer Familie zu quatschen. Ob sie meinen Pass und eine Voranzahlung schonmal haben wolle? ‘Later’ antwortete sie nur. Hatte man so etwas in Indien schon einmal erlebt? Ich nicht. Willkommen in Goa.

Die gute Frau beim Blumengießen.

Ich quartierte mich oben im zweiten Stock ein, schmiss meine Sachen auf’s Bett, und nahm erstmal eine Dusche, bei der ich den ganzen Dreck der Straße von mir herunter schrubbte. Herrlich, die Freuden des Lebens können so einfach sein. Erfrischt setzte ich mich auf den Balkon, und aß etwas. Lasst das Leben beginnen.
Die nächsten drei Tage verbrachte ich in etwa in diesem Rhythmus, der so entspannt gehalten wurde wie möglich: Morgens wurde gefrühstückt (es gab Vollkornbrot), Mittags geruht, Computer gespielt (ein schon lange nicht mehr gepflegtes Hobby), und gegen Abend ging es an den Strand.
Die Strände Goas gehören zu Recht zu den schönsten der Welt. Man kommt an einen etwa hundert Meter breiten Sandstreifen, dessen Sand so fein und weiß ist, dass er wie Puderschnee unter den bloßen Füßen knirscht. Palmen säumen seinen Rand. Einige Indische Familien genießen die warme Abendluft, während man in den Wellen des salzigen Arabischen Meers die Reflektionen der rot untergehenden Sonne bewundert. Zum Spaß ließ ich mich einfach in den Wellen umhertreiben, herumwirbeln und an Land spülen. Das Wasser hatte Körpertemperatur. Ich liebte es. Entspannung pur.

Silhouetten im Abendlicht.

So ging das drei Tage lang, und gerade in dem Augenblick, wo so etwas wie Langeweile auftreten wollte, huschte vor mir auf dem Balkon eine schlanke, hübsche Französin vorbei und fragte, ob das Zimmer neben mir noch frei sei.
Julia, die Französin war in Begleitung von der Sina, einer genau so hübschen Deutschen aus dem Raum Würzburg. Die beiden hatten gerade gemeinsam einen Freiwilligendienst in einem Waisenhaus in Bangalore geleistet. Der war nun beendet und sie zogen nun einige Zeit durch das große Indien, um den Rest etwas besser kennen zu lernen.

Sina und Julia mit ihren ersten Sonnenbränden.

Ab da war an Langeweile nicht mehr zu denken. Die beiden waren sehr aufgeweckt und gesprächig. Es gab auch viel zu erzählen. Meine entspannte Attitüde passte perfekt zu ihrer Energie und Unternehmungslust. Wir verstanden uns blendend. Unser Ziel war das selbe: Entspannung und Genuss. Von da an waren wir zu dritt.
Ich führte sie ein wenig in die Gegend ein, und meine Ankündigung, dass die Strände zu den schönsten gehörten, die ich je gesehen hätte, ließ ihnen einen kurzen Freudenschrei entfahren, sich gegenseitig ihre Hände ergreifen und sich strahlend in die Augen schauen. Die beiden waren in den drei Monaten intensiver und schöner Zeit beste Freundinnen geworden, das sah man sofort.
Das Leben ging also weiter seinen Gang, nur wurde das Ganze jetzt durch die Beiden versüßt. Verrückte Zufälle gibt es.

Sonnenuntergang die Zweite

Am Tag nach ihrer Ankunft fragten mich die beiden beim gemeinsamen Frühstück, ob ich nicht Lust hätte mit ihnen die alten Städte Goas, Alt-Goa und Panjim zu besichtigen. Klar, wieso nicht? Die beiden packten also ihre Handtaschen mit dem Nötigsten, ich griff mir meine Kamera, und los ging es zur Bushaltestelle. Für knapp dreißig Cent fuhren wir anderthalb Stunden in einem kleinen, lauten Bus durch Palmenhaine, vorbei an Kanälen und durch scharfe Kurven. Jeder Busfahrer hat seinen eigenen Lieblingsheiligen und -gott, und der hängt dann irgendwo in der Nähe des Fahrers als Bild oder Statue, umrahmt von Blumenkränzen und blinkenden Lämpchen. Wegen der portugiesischen Kolonialgeschichte gibt es einige Christen in Goa, so dass auch einige Marienbilder und Kruzifixe darunter waren. Ein Busfahrer war ein lustiger Typ, und spielte außer indischen Songs auch Hits der Neunziger, wie ‘La Macarena’. Wir drei lachten uns tot und tanzten wackelnd dazu auf den Sitzen.
In Alt-Goa steht die größte Kirche Asiens, ein weißer Bau aus Stein und Holz mit zwei stumpfen Türmen. Gleich gegenüber steht die Basilika des ‘Bom Jesus’, des Guten Jesus. Klassizistische Architektur hier inmitten Asiens. Das ist schon eine skurrile Ansicht. In der Basilika stand eine Figur des gekreuzigten Jesu, über und über mit Blut überströmt. Selbst in diesem Punkt ist Indien ehrlich. Dieser Jesus hatte offenbar gelitten. Ihm sah man dies an. Einmal mehr überrumpelte mich Indien, und zwang mich zum Lachen. Aber seht selbst:

Ehrlichkeit im Detail - Bom Jesus.

Häuser im Kolonialstil.

Ein Eisverkäufer.

In Panjim, der Hauptstadt Goas, aßen wir zu Mittag, und schlenderten eine Weile am Ufer eines Meeresarms umher. Überall herrschte eine entspannte Atmosphäre.

Sina und Julia am Ufer.

Back on top nach fünf Tagen Ruhe. Don't you mess with us again, India!

Während des Nachmittags fuhren wir in Ruhe wieder zurück zum Hostel, und bei Anbruch der Dunkelheit kamen wir an. Selten habe ich einen so entspannten Ausflug unternommen.

Julias Rücken, Detail.

Zwei weitere Tage vergingen. Zunehmend verlor ich das Zeitgefühl. Einzig der Flug von Mumbai aus war ein fixer Termin. Alles andere wurde irrelevant. Um auch ‘das mit dem Flug’ loszuwerden ging ich an dem Tag zu einem Büro vor Ort, das unter anderem Buchungen der Zugtickets vornahm. Auf Nachfrage hin stellte sich jedoch heraus, dass für den gewünschten Zeitraum, um den fünften Mai herum, keine Zugtickets nach Mumbai mehr zur Verfügung standen. Indien hatte gerade Sommerferien, und alle Züge waren ausgebucht. Man empfahl mir zu dieser Zeit meine Tickets mindestens drei Wochen im Voraus zu buchen.
So landete Johannes abrupt wieder im Hier und Jetzt. Ein Glück war ich mit dem Fahrrad unterwegs, und hatte bereits eine Woche vorher angefragt. Der Plan, das Fahrrad bis Mumbai ruhen zu lassen wurde kurzerhand über den Haufen geworfen, und eine Route auf meiner Karte ausgearbeitet. Man soll immer dann aufhören, wenn es am schönsten ist. Der Abschied wurde abends am Strand mit ein paar Kingfishern gefeiert, und am nächsten Tag war ich wieder auf der Straße.

Zum Abschied ein Foto von der netten Verwalterin.

Von den letzten sechshundert Kilometern hinein nach Mumbai handelt der nächste Post. Bis dahin alles Gute,
euer Johannes Bondzio

May 182012
 

Hampi war der erste Ort Indiens, den ich ehrlich schön fand. Einer der Hauptattraktionen des historischen Indiens, kann man Tage damit verbringen tagsüber in den Ruinen Indiana Jones zu spielen und abends sich mit anderen Travellern bei einem guten Essen am Fluss über Indien zu unterhalten. Dank der Tatsache, dass die Ruinen alle aus Granit sind, sind sie sehr gut erhalten.

Das 'Bad der Königin'. Es ist über fünfhundert Jahre alt.

Indische Schönheitsideale in Stein gemeißelt: Eine üppige Tänzerin mit Wespentaille aus Granit.

Altindische Schrift. Sanskrit scheint es nicht zu sein. Kennt sich jemand aus?

Der Eingang zum noch stets benutzten Haupttempel.

Ich kam am Nachmittag in Hampi an, und ergründete ein wenig die Gegend, bevor ich mich am Abend irgendwo neben eine Tempelruine in mein Zelt zum Schutz vor den vielen Mücken verrog. Nachts erklangen aus dem Busch wilde Schreie von Affen und anderen Vögeln.

Langzeitbelichtung nachts aus dem Zelt.

Am nächsten Morgen fuhr ich in das Zentrum Hampis, wo es einige Hostels gab. Ich brauchte mal wieder dringend eine Dusche, und meine Klamotten noch dringender eine Wäsche. Das Hotelangebot war auf die Backpacker zugeschnitten: günstige Zimmer mit Internetanbindung im Foyer, dazu die üblichen Essensbuden und Souvenirshops.
Laut einem Schild auf meinem Zimmer war Wäsche waschen auf dem Zimmer verboten. Man könne jedoch den Laundry-Service des Hostels nutzen. Ein netter Versuch.
Eine halbe Stunde später hatte ich die Handwäsche erledigt und die Sachen hingen zum Trocknen über einer Leine quer durchs Zimmer.

Ein kleiner Schrein mit Baum.

Der Tag danach war entspannt. Ich lief ein wenig umher. Dabei traf ich einen französischen Fotografen, den Benoit, und wir verabredeten uns abends zum Dinner.
Zur Mittagszeit flieht man vor der Hitze. Entweder unter den Ventilator des Zimmers oder in eine Fotoausstellung in eine der alten Tempelanlagen. Man kann sich entspannen, und der ganze Tagesrhythmus wird dadurch ein paar Schläge ruhiger.

Der heilige Hügel 'Hemakuta' im Abendlicht.

Zum späten Nachmittag hin begab ich mich zum ‘Sunset Point’ auf dem Hemakuta. Dort sammelten sich auch schon einige andere Backpacker, der Punkt war bekannt. Die Unterhaltungen waren entspannt und mit untergehender Sonne immer mehr auf die Schönheit Indiens konzentriert.

Der Sonnenuntergang vom besagten 'Sunset Point' verdiente tatsächlich seinen Namen. Das Licht färbte den Wald, den Himmel und die Wolken in prächtigen Farben.

Gesprächspartner kamen und gingen, zunächst waren diese drei Mädels aus der Schweiz und Kanada mit mir.

Dann traf ich eine Italienerin, später vier hinduistische Studenten. Nachdem die Inder das wohl obligatorische Foto mit mir gemacht hatten (‘How tall are you?’), tranken wir einen Tee zusammen. Mit Hinweis auf mein Treffen mit dem Franzosen verabschiedete ich mich danach und begab mich im Dunkeln zu dem Treffen mit Benoit, dem französischen Fotografen.

Abendröte.

Der Benoit war in Begleitung von Johann, einem Kameramann aus Belgien, der gerade dabei ist eine Doku für Arte zu filmen. Es war sehr interessant sich mit ihm über seinen Beruf unterhalten zu können. Ich bin großer Fan der Arte-Dokus, da ich sie für gut recherchiert und aufgearbeitet halte. Der Johann im Gegenzug war total fasziniert von der Idee einer Fahrradreise, und den Grad der persönlichen Freiheit, die sie einem gibt. Wir mussten fast aufpassen, den Benoit nicht zu sehr aus der Diskussion auszuschließen.
Es stellte sich heraus, dass Johann früher auch einmal Fotograf gewesen war, ihn aber die größeren Möglichkeiten der Ausdrucksweise, das Fließende und die Unmittelbarkeit zum Film gebracht haben. Er seinerseits schien nicht schlecht zu staunen über die Gelassenheit, die ein Radreisender sich nach einer Weile zulegt. Die Attitüde, dass sich für jedes Problem eine Lösung findet, fand er fantastisch. Noch lange saßen wir drei später mit einem Bier am Ufer des Flusses im Mondlicht, bis letztlich zwei nervige Dealer uns störten, und wir heimgingen.
Zurück im Zimmer stellte ich mit Erschrecken fest, dass ich meinen Fahrradschlüssel an der Stelle am Fluss vergessen hatte. Ich hatte ihn kurz aus meiner Tasche gepackt, und vergessen ihn dort zurück zu stecken, als wir aufbrachen. Das war ein ernstes Problem, da ich mein Fahrrad nicht auf mein Zimmer hatte mitnehmen dürfen. Es stand angeschlossen, aber offen zugänglich auf der Veranda des Hostels. Wenn nun jemand den Schlüssel gefunden hätte, bräuchte er nur hingehen und das mir teure Rad abschließen.
Ich also zurück, die ganzen zwei Kilometer Fußweg. Das war ein nervöser Marsch zurück vorbei an dem Tempel, den Shops und dem Flußufer zu der Stelle von vorhin. Die Gelassenheit, derer ich mich vorher noch gerühmt hatte: zum Fenster hinaus. Die gleichen indischen Nachtschwärmer, die mich schon auf dem Weg zurück mit Johann beobachtet hatten, beäugten mich nun mit einer Mischung aus Erstaunen und Verwunderung. Unterhaltungen wurden bei meinem Vorbeigehen unterbrochen. Augenpaare verfolgten mich. Es war gegen Mitternacht. Ich war der einzige Nichtinder auf der Straße. Ich beeilte mich lieber.
Dann war ich zurück an der Stelle, wo wir gesessen hatten. Im Licht der Straßenlaterne glänzte der Schlüssel. Er lag noch an genau der Stelle, wo ich ihn gelassen hatte. So ein Glück! Welch Gefühl der Erleichterung! Die beiden Troublemaker von vorhin waren also doch nicht die Schlimmsten gewesen. Noch an Ort und Stelle band ich mir den Schlüssel an eines meiner Armbänder, damit ich ihn nie mehr verlieren kann. Dort hängt er heute noch.
Kurz vor meinem Hostel sah ich einen Verrückten von einem Dach aus Fragen in den besternten Kosmos rufen, die wohl nie beantwortet werden. Lächelnd hörte ich seinem Ton aus Empörung, unterdrücktem Lächeln, und Irrsinn zu. Der Charme Indiens durch den Mund eines Irren. Ich fand es schön.

Während meiner Besichtigung der Stätte hatte ich in einer Fotoausstellung schöne Bilder der Stadt Badami gesehen. Die dort abgebildeten Ruinen waren so schön, dass ich beschloss, auf meinem Weg nach Goa den kleinen Umweg über Badami zu machen.
So lud ich am nächsten Morgen mein Fahrrad auf die Fähre, kreuzte den Fluss, und war nach zwei Tagen auf holprigen Straßen in Badami.

Mein Schatten. Mittags steht die Sonne fast senkrecht über einem.

Badami stellte sich als laute, stickige Stadt heraus, die vom Verkehr völlig verstopft war. Radeltechnisch ein Alptraum. Seine Ruinen und Tempelanlagen waren jedoch sehr schön, wenn auch schnell gesehen. Hier waren ganze Tempel aus dem harten Granit geschlagen worden. Eine beachtliche Leistung, bei dem harten Gestein.

Schicker Tempel am See.

Harmonisch eingefügte Stufen im Fels.

Lang hat es mich in Badami aber nicht gehalten. Ohne das passende Hintergrundwissen sehen solche Ruinen schnell alle gleich aus.
Von nun an hieß mein Ziel Goa. Die ‘Perle der Südsee’ mit ehemals Portugiesischer Besatzung. Traumstrände und Sonnenuntergänge. Herrlich zum Relaxen. So stellte ich mir das vor. Auf ging’s!
Als jemand, der in Indien längere Strecken auf der Straße zurücklegen muss, hat man die Wahl:
Entweder fährt man auf stark befahrenen Hauptstraßen, oder man nimmt die Landstraße, auf der oft nur ein Auto Platz hat, und die nicht richtig auf meiner Karte eingezeichnet waren. Das Höhenprofil dieser Landstraßen ist meist ungünstiger (d.h. es geht öfter auf und ab), und der Straßenbelag dieser Strecken ist zum Teil so voller Schlaglöcher, dass man oft mit dem Seitenstreifen vorlieb nimmt, anstelle mir das Gerüttel auf der Straße anzutun. Ich nahm die harte Tour.

Straßen des Schmerzes.

So ging das für zwei Tage, bis ich abends in die schöne Stadt Dharwad kam. Sie wird von vielen Muslimen bewohnt. Ich besorgte mir ein Abendessen zum Mitnehmen, zeltete draußen im Feld und ließ mich wie von etwas, das mich an gute Zeiten erinnert, vom Ruf der Muezzins in den Schlaf begleiten.

Einer der Basars der Stadt.

Auf dem Bambusmarkt.

Zum Frühstück fuhr ich zurück in die Stadt. Der Boy des einzigen Ladens, der auf hatte, war gerade noch dabei die Fliesen zu wischen. Ich nahm also mein Frühstück und setzte mich auf die Stufen des Ladens draußen. Zwei Meter neben mir lag ein großer Abfallhaufen, an dem sich schon zwei Kühe labten. Der Anblick machte mir nichts mehr aus. Ich unterhielt mich essend mit zwei Zeitungsverkäufern, und kaufte für ein paar Rupees eine Zeitung von ihnen. Langsam kam ich mental in Indien an. Es sollte jedoch noch eine Prüfung zu bestehen sein.

Große Töpfe brauchen große Löffel.

Später am Morgen kam ich durch ein kleines Dorf. Es war gerade an der Zeit das Kühlsystem meiner Trinkflaschen wieder zu erneuern (das hatte ich bereits hier beschrieben). Ich hielt also neben einem Tempel und sah einige Menschen um zwei riesige, dampfende Töpfe herum stehen. In dem einen Topf wurde Reis, in dem anderen eine Soße dazu gekocht. Gerade wurden geschätzte fünf Kilo Zwiebeln angedünstet und mit drei Handvoll Gewürzen vermischt. Das musste ein größerer Anlass sein. Die Menge Reis würde für das ganze Dorf reichen. Ich erledigte, wozu ich angehalten hatte, gesellte mich aber dann aus Neugierde zu den Männern. Wie sich herausstellte, fand an dem Tag ein religiöses Fest statt.

Die Prozession stand schon eine Straße weiter bereit.

Das Dorf war so klein, dass dies schon das andere Ende des Dorfes bedeutete. Die Prozession selbst war ein ernster Anblick. Männer standen in weißen Anzügen und Frauen mit bunten Saris und geschmückten Wassereimern auf dem Kopf. Drumherum sorgte die Dorfjugend für den typisch Indischen Trubel. Man forderte mich geradezu auf Fotos von ihnen zu machen. Näher und näher sollte ich kommen, und ab da wurde ich in den Strudel der Prozession hineingezogen.
Die Prozession setzte sich in Gang, und ich ging mit den Männern. Ein paar von ihnen waren mit Schellen ausgestattet, die sie rhythmisch zum Erklingen brachten. Dann folgten drei spirituelle Hauptfiguren, ausgestattet mit einer Art Laute, eine prächtig geschmückte Frau mit Wasserkübel und einem jungen Mädchen mit Öllampe. Am Schluss des Zuges liefen die Frauen des Dorfes
Bald wurde mir auch eines der Schellenpaare umgehängt, und man führte mich zu den übrigen Schellenmännern. Meine Kamera übernahm von da an ein junger Mann. Mit rotem Farbpulver wurde mir ein rote Punkt auf die Stirn gemalt. Meine Kopfbedeckung passte nicht zu dem profunden Ritual, und wurde gegen eine weiße Mütze ausgetauscht. Zum Schluß meiner Metamorphose zum Mitglied der Gemeinschaft wurde mir unter großem Gejohle der Zuschauerschaft ein orangener Schal umgehängt. Ich wüsste gerne was er bedeutet.

Bereit für die Prozession.

Heilige Füße.

Von da an war kein Halten mehr. Die Prozession bahnte sich ihren Weg durch das Dorf. Menschen bogen sich herab um die Füße der Hauptpersonen mit der Stirn zu berühren. Es war chaotisch, es war herrlich. Zwei Mal musste kurzerhand ein Stacheldrahtzaun aus der Erde gerissen werden, damit die Prozession weiter gehen konnte. Planung vorab gab es nicht. Junge Mädchen warfen sich betend zu Erde, damit die Menge über sie hinwegsteigen konnte. An der Straße bremsten die Trucks und hupten in Referenz. Die Jungs machten Flachsen und lachten.

Die Prozession blockierte die Straße.

Es war ein herrliches Treiben. Das rythmische Klingen der Schellen ließ einen in gedanklich wegtreiben. Alles um mich herum wurde zu einem rauschenden bunten Durcheinander. Die heiße Mittagssonne tat ihr übriges.

Im Trubel vor dem Tempel.

Schlussendlich kamen wir zum Tempel. Die Menschen brachten Spenden dar, bogen sich tief vor den Figuren und hörten, eng beieinander sitzend, einer flammenden Predigt zu.

Im Tempel selber.

Weihrauch wurde verbrannt. Immer mehr Menschen lächelten mir zu, während ich mein Bestes gab mit den Schellen im richtigen Rhythmus zu bleiben. Gar nicht so einfach bei diesen Indischen Rhythmen. Ich hatte jedoch nicht den Eindruck, als ob meine Fehltritte irgend wen gestört hätten.

Feierlich gekleidet.

Dann gab es zu essen. Zunächst gab es eine handvoll süßen Puffreis. Man gebot mir zu warten, denn nachdem jeder versorgt war, gab ein jeder seinen Sitznachbarn ein kleines bisschen von seinem Reis, und bedankte sich für die Gabe des anderen. Viele Lächeln wurden ausgetauscht. Das Dorf: es verschmolz zu einer Gemeinschaft, und ich saß mitten drin.

Der Puffreis.

Danach gab es das Essen, bei dessen Zubereitung ich zwei Stunden zuvor schon zugeschaut hatte: Reis mit Soße, all you can eat. Superlecker. Immer wieder gab es Nachschlag, und gefragt ob ich sonst noch etwas wolle. Die Menschen mochten mich offensichtlich sehr.

Einer der Dorfältesten.

Noch ein Gruppenfoto.

Nach dem Essen war Zeit für die Mittagspause. Als Ehrengast des Dorfes wurde mir diese natürlich nicht zuteil. Ein Junge, der vielleicht seit einem Jahr Englischunterricht bekam, wurde als einzig Englischsprechender im Dorf als Übersetzer eingesetzt. Ab jetzt wurde ich gelöchert mit Fragen.

Schöne Mutter mit Kind.

Der Onkel, gesetzt.

Sie sprühte vor Witz.

Die Mädchen und Jungen verrenkten ihre Hälse, um von unserer Unterhaltung etwas mitzubekommen. Ich musste aus der Hüfte Fotos machen, um diese Gesichtseindrücke einfangen zu können.

Mein Übersetzer mit seinem Vater.

Derweil kümmerten sich die Menschen im Dorf vorbildlich um das Wohlergehen meines Rades: Immer wieder wurde es von einen Schatten in den nächsten gestellt, so dass es in meiner Sichtweite stand. Irgendwann fanden sich auch wieder mein Hut und meine Kamera ein. Die war inzwischen mit Fotos vollgeschossen. Ich war bestens aufgehoben, und amüsierte mich einfach.
Gegen drei war die Sonne so weit gewandert, dass ich weiterfahren konnte. Bis zur nächsten Stadt, Dandeli, wollte ich es schaffen. Das Terrain wurde jetzt immer hügeliger aufgrund der Ausläufer der Westghats, in die ich jetzt kam. Ich kam nur langsam voran.

Ein toller Name für ein Bushäuschen.

Dies ist ein Baum. An ihm sind Schlingen heruntergewachsen, so dass er jetzt wie eine Wand ist.

Nach etwa einer Stunde merkte ich, dass irgendetwas mit meinem Magen nicht in Ordnung war. Ich schob es auf das viele Essen am Nachmittag, trank eine Cola zur Verdauung, und ein Eis, weil es heiß war, und fuhr weiter.
Gegen fünf Uhr nachmittags war jeder weitere Hügel zur Qual geworden. Dandeli war nur noch zehn Kilometer entfernt, aber die immer schlimmer werdende Magenverstimmung raubte mir den Atem. Jeder Kilometer musste hart erkämpft werden. Mir war übel. Immer öfter hielt ich auf den niedrigen Hügeln zum Atemholen mit Brechreiz an. Die Affen am Straßenrand schienen mich auslachen zu wollen. Der Gestank von zwei Papierfabriken vor Ort war atemberaubend. Wenige Kilometer vor Dandeli hielt ich in einem kleinen Vorort an. Ich kaufte eine Flasche Wasser und übergab mich kreidebleich in den Straßengraben. Wäsche waschende Frauen musterten mich verunsichert, es wurde jedoch keine Hilfe angeboten.
Unter großer Willensanstrengung schaffte ich es in die Stadt. In meinem Zustand war an Zelten nicht zu denken. Außerdem zog jetzt ein Gewitter auf. Ich brauchte einfach ein Zimmer. Jetzt.
Schwach wie nie zuvor auf der Reise kam ich an der ‘Dandeli State Lodge’ an. Sie lag wie um mich zu ärgern am oberen Teil der Stadt. Bevor ich die Stufen zur Rezeption hochging, setzte ich mich auf die Bordsteinkante, und atmete ein paar Mal tief durch. Übelkeit stieg in mir hoch. Noch ein paar Atemzüge, ich riss mich zusammen und ging zur Rezeption.
Vor mir in der Schlange waren noch zwei weitere Inder, die ebenfalls ein Zimmer wollten. Ihr Checkin Prozess schien ewig dauern zu wollen. Der muslimische Rezeptionist musterte die Pässe der beiden mit akribischer Genauigkeit. Er war schon lange in seinem Fach, und er würde sich von nichts in der Welt bei der genauen Einhaltung seiner Regeln behindern lassen.
Endlich war er mit dem beiden fertig. Er wandte sich zu mir: ‘Sorry, no rooms available, Sir’ entgegnete er mir. Ich konnte es nicht glauben. Das war wohl ein schlechter Scherz. Hätte er mir das nicht eher sagen können?
Irgendetwas an mir, vielleicht mein ungläubiger Blick, oder das Fieber in meinen Augen, musste ihn jedoch noch einmal überlegen lassen. Ich fragte noch einmal nach. Da stellte sich heraus, dass es noch ein Einzelzimmer im Keller, ‘without TV’ gäbe. Ob das ein Problem sei? Trotz allem musste ich drüber lachen.
Ich solle mir erst das Zimmer anschauen. Ich sagte, mir sei der Zustand des Zimmers ziemlich egal. Er jedoch bestand darauf. Er duldete keine Widerspruch in seinem Haus. Also lief ich hinter seinem Gehilfen her, Treppe runter, aus dem Haus raus, in den Kellereingang hinein.Beim Einschalten des Lichts im Zimmer hüpfte ein Frosch schnell unter das Bett. Ich mag wirklich keine Frösche. Es war mir egal. Ich nahm das Zimmer.
Bevor ich mich im Zimmer einschließen konnte, musste ich erst registriert werden. Dazu gingen wir wieder hoch, und der Hotelbetreiber unterzog meinem Pass die gleiche akribische Untersuchung, wie schon dem ersten. Ich setzte mich auf eine Couch zur Seite, und hechelte ohnmächtig vor mich hin. Der Concierge war gerade dabei, sich ein paar Details zu notieren, da fühlte ich eine Welle der Übelkeit in mir aufsteigen, stärker als alle anderen zuvor. Mit Glück erreichte ich ein Waschbecken neben der Rezeption und erbrach darin alles, was ich seit dem Frühstück gegessen hatte. Gefühlsmischungen aus Scham und Genugtuung durchliefen mich. Scham, da ich das gute Essen des Dorfes jetzt einfach so verschwendet hatte, und Genugtuung, da das sich Erbrechen einfach wunderbar wohltuend sein kann.
Der Concierge derweil verzog keine Miene. Als ich zurück zum Tresen kam, war er noch immer mit meinen Personalien beschäftigt. Er war schon zu lange in diesem Geschäft, um sich von so einer Lappalie aus dem Gleichgewicht bringen zu lassen. Sein Gehilfe würde gleich das verstopfte Becken wieder in Ordnung bringen (ich hatte es versucht, aber nicht geschafft). Er fragte mich nur: ‘What happened?’
Endlich konnte ich mich endlich auf das Bett fallen lassen. Unter mir kauerte der Frosch. Ich lag völlig entkräftet da, und wollte mich nicht bewegen.
Wie gerne man in solchen Momenten jemanden bei sich hätte, der einen pflegen würde! Jetzt jedoch mussten, bevor ich mich schlafen legen würde, noch einige Dinge erledigt werden. Ich zwang mich mich zu waschen. Das Wasser aus dem Kübel, mit dem ich mich übergoss, war eiskalt. Prustend schnappte ich nach Luft. Immerhin kühlte sich so mein Fieber etwas ab.
Danach musste mein Gepäck ins Zimmer gebracht werden. Das hing immer noch an meinem Fahrrad draußen. Das Gewitter war mittlerweile stärker geworden. Kräftige Windböen schüttelten die hohen Kokospalmen im Hinterhof des Hotels. Als ich gerade an mein Fahrrad kam, erschrak ich von einem lauten Krachen hinter mir. An der Stelle, wo ich zwei Sekunden zuvor noch gestanden hatte, war ein großes Bündel Kokosnüsse zu Boden gegangen. Die Palmen im Hinterhof waren bestimmt zwanzig Meter hoch. Wäre ich zwei Sekunden früher aus dem Haus getreten, wäre ich ein toter Mann gewesen. Ganz schockiert, und immer noch im Delirium dankte ich meinem Schutzengel. Der muss mich wirklich gern gehabt haben.
Jetzt aber nichts wie rein! Mein Fahrrad wollte ich bei dem Unwetter auch nicht mehr draußen lassen. Kurzerhand nahm ich es also mit aufs Zimmer.
Jetzt nur noch Trinkwasser. Zum Glück hatte der Laden nebenan noch auf, und verkaufte große fünf Liter Kanister. Damit würde ich erstmal nicht mehr raus brauchen.
Erschöpft ließ ich mich an dem Abend ins Bett sinken. Draußen donnerte und blitzte es ungeheuerlich, aber ich konnte nur daliegen und vor mich hin starren. Wenn man gesund ist, kann man sich schwer vorstellen, wie schwach man sich fühlen kann, wenn einen ein verdorbener Magen hinwegrafft. Das Gefühl war alles andere als feierlich, kann ich nur sagen.
So verbrachte ich die Nacht, ein Marathon zwischen Bett und Toilette. Draußen lief der Regen. Ich schaffte es, für ein paar Stündchen die Augen zu zu machen. Irgendwann kam der Morgen.
Am nächsten Morgen war an Weiterfahren nicht zu denken. Das war mit dem Aufsitzen vom Bett klar. Ich ging meine Optionen durch, verlängerte meine Buchung bei dem Conciergen (hatte der überhaupt geschlafen?), und kaufte Weißbrot beim Bäcker nebenan.
Gegen Nachmittag ging es mir insoweit besser, dass ich ein paar Meter draußen gehen konnte. Ich checkte meine Mails. Meine Mutter war voller Sorgen um meinen Zustand, hilflos in gut achttausend Kilometern Entfernung. Sie fragte mich in einer Mail, ob es nicht genug gewesen sei mit Indien und der Reise überhaupt? Ich hatte nicht lange nach zu denken. Ja es war gut gewesen. Lasst mich heim.
In der Welt des Internets war der günstigste Flug heim schnell gefunden und gebucht. In gut drei Wochen würde ich heim fliegen. Beim Weg zurück ins Hostel überkamen mich Gewissensbisse. Sollte es das etwa gewesen sein? Das Ende einer Reise? Ja, sagte ich mir. So machte die Reise keinen Spaß mehr. Dieser verdorbene Magen war ein Zeichen und ich wollte es so.
Am nächsten Morgen fühlte ich mich immer noch schwach, aber besser als tags zuvor. Ich verabschiedete mich also von meinem schüchternen grünen Zimmergenossen, und fuhr los. Die ersten Kilometer waren echt zittrig. Ich dachte ans umkehren, aber biss die Zähne zusammen. Die Hügel um Dandeli waren leider immer noch da, und die Sonne brannte schon früh gnadenlos. Es war kein Spaß.
Mir wurde bewusst, dass ich mehr Energie brauchen würde, als was in dem Weißbrot der letzten beiden Tage steckte. Ein paar Bananen würden es erst einmal richten müssen, bis ich mittags eine richtige Reismahlzeit haben würde.
Die Straße erwies sich als ganz normal Indisch: eine Mischung aus steilen Hügeln, lautem Verkehr und schlecht geflicktem Asphalt gewürzt mit einer kräftigen Prise Schlaglöchern. Sie konnte mich echt mal gern haben.
Die Straße führte durch einen Nationalpark, und Siedlungen waren rar. Gegen Mittag, nach nur fünfundzwanzig Kilometern, kam ich an einem Ferienressort vorbei. Ich ließ es gut sein, und fragte mich durch zu einem Essenslokal. Ich trank erst einmal ein paar Tees, bevor ich mich vorsichtig an den Reis mit Soßen machte. Die scharfen Soßen ließ ich erst einmal außen vor. Es schmeckte aber gut, ich hatte großen Hunger. Es konnte weitergehen.
Während ich da so im Schatten saß und wartete, dass ich weiterfahren konnte, hörte ich plötzlich eine Stimme fragen: ‘And what is this?’ Hinter mir stand ein mittelgroßer Mann mit Glatze. ‘That is a bicycle’ sagte ich, der Information halber. ‘Yes, but what are all these bags for?’ Und so lernte ich ihn kennen, den Mohammed.
Seine Statur war eher gebückt, und seine Augen blitzten zunächst in einer Mischung aus Unsicherheit, Neugierde und Intelligenz. Sein Englisch war gut, und ich genoß es mich mal wieder ordentlich mit jemandem unterhalten zu können. Er gab mir viele Tipps (kauf nicht auf das Brot von der Straße, wegen der vielen Fliegen. Nimm dich in Acht vor Indern, die dich über’s Ohr hauen wollen usw usw), und tranken eine Buttermilch in einem muslimischen Laden nebenan.
Mohammed schlug mir vor, dass ich bei ihm übernachten könne. Als ich mal vorsichtig nachhakte, stellte sich jedoch heraus, dass wir uns auf einem Staudammforschungsgebiet von nationalem Interesse befanden, wo Ausländer kritisch beäugt werden. Hätte er mich beherbert, hätte das Probleme für ihn ergeben.

Mohammed und ich. Ich war noch immer etwas blass von der ganzen Geschichte.

Ein Freund Mohammeds, ganz stolz mit seinem Enkel. Falsche Fürsorge und Vernachlässigung seitens des Vaters haben es so aufschwellen lassen.

Der Vater des Kleinkinds.

Ihm tat das sehr Leid. Als wir auch keinen Platz in der örtlichen Herberge finden konnten entschloss er sich kurzerhand mir dabei zu helfen die letzten Hügel bis Goa zu überwinden. Er setzte sich also auf sein Motorrad und schob mich über 35 Kilometer bis zum Abend über die Hügel. Ein unglaublicher Typ. Er zeigte mir einige Abkürzungen, die nicht auf meiner Karte standen, und versorgte mich laufend mit Sätzen, die mich in Staunen versetzten. Aussagen wie: ‘Helping others is never a waste of time’ und ‘Do not change your plans for other persons. People who do that become fake persons.’ kamen ständig aus seinem Mund.

Die herrliche Landschaft unterwegs.

Wir fanden gemeinsam ein schönes preiswertes Hostel (Zelten ließ er mich nicht), tranken noch einen Tee zusammen, und dann fuhr er die ganze Strecke im Dunkeln wieder zurück.
Wäre mir so etwas in Deutschland passiert? Ich glaube es fast nicht. In Menschen wie ihm zeigt sich mir der Wert dieser Reise.
Am nächsten Tag fuhr ich nach Goa rein. Endlich konnte ich mich ein bisschen ausruhen. Und das tat ich dann auch. Doch davon mehr im nächsten Teil.

Bis dahin alles Gute,
euer Johannes Bondzio