Feb 182012
 

Die Fahrt aus Teheran raus war stressig, aber machbar. Ich bekam die Sanktionen der UN nun hautnah zu spüren: aufgrund dieser Sanktionen sind Rußpartikelfilter in diesem Land Mangelware. So fahren die meisten neuen Autos nun ohne und die Stadt erstickt immer mehr in ihrem Smog. Ich habe das Benzin an dem Tag auf meiner Zunge geschmeckt.
Das Fahren in diesem Verkehr schärft die Sinne. Man navigiert nicht mehr wohlüberlegt, sondern instinktiv. In gewisser Weise gewinnt man sogar eine Art Vertrauen zu den Fahrern, da man weiß, dass sie jederzeit auf alles gefasst sind. Man kann also auch selber Manöver ausführen, die einem in Deutschland garantiert den Kopf kosten würden.
Nach zwei Stunden war der Spuk vorbei. Ich befand mich auf der südlichen Hauptachse runter nach Qom. Meine Strasse wurde ausschließlich von Trucks befahren, da die Autos auf der parallelen Autobahn fuhren. Wenn Autos schon nicht mit Filter ausgestattet werden, wieso sollten es die LKWs dann sein? Eben. Zwei Tage lang war ich eingehüllt in dem schwarzen Qualm dieser brüllenden Dinosaurier aus Stahl.

Die schmale Linie zwischen Leben und Tod. Völlige Sicherheit bietet der Seitenstreifen jedoch auch nicht: Dass eine Straße einspurig mit Seitenstreifen ist, bedeutet nach Iranischer Trucker-Logik, dass vier LKW neben einander zum Ueberholmanöver Platz haben.

Trucker an sich sind jedoch sehr freundlich. Der hier rechts hat es sich nicht nehmen lassen mich zu Tee und einem zweiten Frühstück einzuladen.

Nach Qom wurde es zum Glück ruhiger. Nachmittags kam ich in Kashan an. Der Basar dort ist der schönste, den ich bisher gesehen habe. In ihm gibt es sogar dieses historische Hamam.

Abends genoss ich eine Wasserpfeife (Qelian) mit Javad, der mir nachmittags Kashan gezeigt hatte.

Kashan ist eine sehenswerte Stadt. Den nächsten Vormittag nahm ich mir Zeit noch den hiesigen persischen Garten und dieses historische Haus zu besichtigen:

Hinter öden Mauern aus Lehm verstecken sich stuckverzierte architektonische Juwelen.

Am Ortsausgang von Kashan überholte mich dieser Iranischer Radler. Er ist mit dem Rad und diesem Plakat bis Malaysia gefahren. Seine Strecke führte beneidenswerterweise durch Afghanistan und Pakistan. Wie gern würde ich ihm die nachfahren!

Von Kashan aus führte meine Strecke nach Natanz. Auf dem Weg dorthin kam ich an der unterirdischen Urananreicherungsanlage Natanz vorbei. Die Iraner schieben dort eine Riesenparanoia. Es gibt wirklich nichts zu sehen, da alles vor Blicken durch einen hohen Erdwall abgeschirmt wird. Ich wurde trotzdem gecheckt wie ein potentieller Spion und meine weitere Route wurde registriert. Wie ich später in Gesprächen mit anderen Radlern herausfand, haben sie dies mit allen Radlern dort getan. Ein Radler als Spion in Zeiten der Satellitentechnik? Vorsicht ist wohl besser als Nachsicht.

Im Abendlicht suchte ich im Schatten dieser Berge einen Platz zum Campen. Bloß weit weg und ausser Sicht der Anlage.

Der nächste Morgen. Da rechts unten habe ich gecampt.

Mitgebrachte Familienfotos erfreuen sich bei den Iranern immer wieder großer Beliebtheit.

Die nächste Nacht kam ich bei einem so genannten Emamzadeh unter. Dies sind die Grabstätten der Kinder der Imame. Früh morgens zur Morgenröte wurde ich vom Ruf zum Gebet der Moschee geweckt.

Abstrakter Morgen.

Gegen Mittag erreichte ich Esfahan. Da Rosa, deren Eltern mich dort beherbergen würden, noch nicht da war, ging ich schon einmal auf Sightseeing-Tour. Nach kurzer Zeit wurde ich in ein Teppichgeschäft geführt. Dort erfuhr ich die grundlegenden Basics in Sachen Perserteppich.

Teppich ist nicht gleich Teppich. Jede Stadt hat ihre typischen Muster und Verfahren. Es gibt klassische und nomadische, gewobene und geknüpfte Teppiche aus Wolle und aus Seide.

Am nächsten Tag habe ich zunächst einmal mein Visum verlängert. Als erstmal klar war, an welchem Schalter ich anstehen musste und als das Einzahlsystem der Bank wieder online war, ging es ganz schnell. Für umgerechnet 20 Euro hatte ich dreißig weitere Tage in meinem Pass. Yes!

Am Nachmittag gönnte ich mir zur Feier des Tages ein gutes Essen. Auf dem anschließenden Spaziergang traf ich diesen Möwenfütterer mit Freiheitsdrang. Obwohl er kaum Englisch konnte schwärmte er mir von den Freiheiten westlicher Zivilisationen vor.

Die mittelalterliche Si-o-Se-Pol Brücke führt über den Fluss, der die ganze Gegend um Esfahan fruchtbar macht.

Ein Kleiner Kraftprotz.

Der 'Naqsh-e Jahan' (Hälfte der Welt) oder Königsplatz ist der zweitgrößte Platz der Welt. Auf ihm stehen zwei der schönsten Moscheen überhaupt. Jede für sich eine Perle orientalischer Architektur. Dies ist die Scheich-Lotfollāh-Moschee.

Noch schöner als die obige finde ich die Königsmoschee, die in einem Winkel schräg zum Platz nach Mekkah ausgerichtet ist.

Am Abend wurde ich zum Essen bei der Verwandtschaft der Rosa eingeladen. Es gab 'Asch', eine dicke Gemüsesuppe.

Praktisch: Cousins helfen dem Jüngsten bei den Hausaufgaben.

Die Königsmoschee bei Tage.

Die Auskleidung der Moschee mit der blauen Keramik hat 24 Jahre gedauert. Der Architekt hat absichtlich Brüche in der Symmetrie eingebaut um seine Demut vor Gott auszudrücken. Majestätisch.

Im letzten Post hatte ich von der Familie aus der Verwandtschaft der Rosa erzählt, die wegen den Diskriminierungen gegen die Bahai ins Ausland emigrieren. Der Sohn der Familie, nennen wir ihn Jalal, hat jedoch noch keinen Reisepass. Diesen bekommt man als Mann im Iran erst, wenn man seinen Militärdienst absolviert hat. Er muss also durch Menschenschmuggler über die Grenze gebracht werden.

Jalal telefonierte ständig mit seinem Onkel, der das Ganze organisiert. Dabei müssen sie sehr vorsichtig sein, da die Regierung sämtliche Telefone im Land überwachen lässt.

Ein Sonnenuntergang über Esfahan.

Quizfrage: Was könnte das sein?.

Es ist ein sog. Taubenturm. In seinen Nischen haben mehrere tausend Tauben Platz. Ihr Guano wurde früher gesammelt und zum Düngen der Felder verwendet. Heute übernimmt Kunstdünger diese Rolle.

Esfahan ist eine wunderschöne Stadt. Sie stand schon seit Beginn der Planungen meiner Reise auf der Liste der Must-Sees. Ich wurde nicht enttäuscht. Das Erfolgsgefühl, ein so lang entgegengeträumtes Ziel endlich erreicht zu haben ist unbeschreiblich.

Nach fünf Tagen in Esfahan, die wie im Flug vergingen, fuhr ich weiter Richtung Yazd. Bei meinem Lunch am Fluss bildete sich spontan dieses 'Abschiedskommitee' von drei Schülern. Die Menschen im Iran sind unwahrscheinlich freundlich und neugierig.

Auf Wiedersehen Esfahan! Ich habe absichtlich ein paar Sehenswürdigkeiten ausgelassen damit ich Grund zur Wiederkehr habe. Darauf freue ich mich schon.

Ich freue mich aber auch auf die weitere Reise. Diese sollte nun erst nach Yazd führen, einer der ältesten Städte der Welt.

Euer Johannes Bondzio