Auf der Zielgeraden – von Goa nach Mumbai

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Jun 142012
 

Da die Zugtickets von Goa nach Mumbai ausverkauft waren, fuhr ich als die letzten Kilometer rauf mit dem Fahrrad. Nach dem Abschiedsfoto der lieben Hotelbetreuerin fuhr ich los. Das Fahren durch die Palmenwälder Goas war richtig schön. Die Strecke war flach, die Temperaturen im Schatten moderat, und die Straßen hier in der Gegend sind richtig gut asphaltiert. In Panjim aß ich bei einem guten Restaurant zu Mittag, das Julia und Sina bei unserem ersten Besuch bereits entdeckt hatten. Ab da fuhr ich weiter über den National Highway nach Norden.
Der Verkehr auf dem Highway war für Indische Verhältnisse recht ruhig. Die Strecke führte über viele Hügel und moderate Steigungen. Die Nacht verbrachte ich in einem Palmenhain. Meine Klamotten und mich konnte ich in einem kleinen, brackigen Fluß waschen. Beim Abendbrot beobachtete ich dutzende Flughunde, die in der Abenddämmerung zum Beutefang ausflogen. Das war Indien von seiner schönen Seite.

Ein gezwungenes Lächeln früh morgens im Palmenhain.

Am nächsten Tag kam ich bald an eine Stelle, an der vom Highway eine kleine Straße Richtung Küste abbiegt. Im Gedanken an die tolle Fahrt entlang der Küste Goas war ich froh wieder auf kleinere Straßen an der Küste auszuweichen. So stellte ich mir das jedenfalls vor.
Schon nach dem ersten steilen Abstieg in ein Flußtal wurde mir bewusst, dass dies ein Fehler gewesen war. Hatte sich der Highway noch so ziemlich auf einer Hochebene befunden, befand ich mich ab jetzt mitten in den Ausläufern des Küstengebirges zum Meer hin. Damit ging es auf und ab und immer wieder auf und ab. Umkehren mochte ich jedoch nicht. In der Hoffnung, doch noch ein flaches Stück mehr Richtung Küste zu finden, fuhr ich weiter. Es wurde aber nicht besser, eher schlimmer. Ständig ging es hundert Meter steil hinauf, und dann wieder herunter. Eintönig, anstrengend und auf Dauer zermürbend. Die Mofas und Motorräder um mich herum plagte das offenbar nicht. Als Radler kam man jedoch aus dem Schwitzen nicht mehr raus.

Eine Mangoplantage.

Gegen Mittag kam ich ziemlich fertig in ein kleines Lokal. Ich war sehr hungrig, und die Bedienung irgendwie schwer von Begriff. Ich aß eine Menge um die nötige Energie für den Nachmittag zu haben. Ganz beruhigen über die Fahrt bisher konnte ich mich nicht.
Die anschließende Fahrt aus dem Tal heraus, in dem das Dorf lag, war anstrengender als alle anderen zuvor. Ob das wohl an dem vollen Magen lag? Oben jedenfalls war ich so sauer auf mich und dieses unverschämte Geländeprofil, dass ich mich am Straßenrand auf ein paar Steine setzen musste. Dort erlitt ich zum ersten Mal auf meiner Reise so etwas wie einen nervlichen Zusammenbruch: Die Kontrolle über mich und meine Gefühle ging mir in den zehn Minuten, die es dauerte, völlig abhanden. Ich heulte Rotz und Wasser, und schrie meinen Frust über dieses Land und alles was mir nicht an ihm gefiel hier an der Küste heraus. Nur langsam wollte es mir dämmern, dass ich mir es so ausgesucht und ich mich nicht zu beschweren hatte. So, indem ich mir immer wieder diese Worte wiederholte, fuhr es sich anschließend wesentlich ruhiger, auch wenn die Hügel nicht weniger erbarmungslos wurden.
Am dritten Tag erreichte ich Ratnagiri, einer kleinen Küstenstadt so ziemlich auf der Mitte zwischen Goa und Mumbai. Es war daher Halbzeit und sowieso Zeit für einen Ruhetag.

Fischerboote im Meeresarm vor Ratnagiri.

Nach einer Nacht campen am Strand stellte sich heraus, dass der erste Mai wie in Deutschland ein Feiertag im Bundesstaat Mararashtra ist. Damit waren sämtliche Zimmer in der Stadt belegt. Keine Chance eines zu ergattern. Bei bestimmt zehn verschiedenen Guesthouses habe ich angefragt. Dabei wollte ich im Grunde nur meine vollgeschwitzten Sachen waschen. Aber auch nur das war bei keinem möglich.
Irgendwann ging ich einem weiteren Hinweis nach, wo es noch ein freies Zimmer geben könnte. Ohne mehr auf ein Zimmer zu bestehen fragte ich beim nächsten Haus bloß, ob ich bei ihnen meine Sachen waschen könne. Zu meiner Überraschung erlaubte der Mann es mir, und machte überhaupt einen sehr freundlichen, wenn auch etwas verdutzten Eindruck. Als er mich durch das Haus nach hinten zur Waschecke führte bemerkte ich erschreckt, dass es sich bei diesem Haus gar nicht um ein Hotel handelte, sondern um ein richtiges Wohnhaus. Ich hatte mich offenbar in der Adresse geirrt. Meine Überraschung teilte ich dem Hausbewohner mit, der mir lächelnd zu verstehen gab, dass das schon in Ordnung sei. Ob ich noch etwas zum Waschen brauche? Nein, dazu hatte ich alles da.
Als meine Sachen gewaschen, und im Hof zum Trocknen aufgehängt waren, lud mich der freundliche Mann zu einem Tee im Wohnzimmer ein. Es entfaltete sich ein überraschend gutes Gespräch zwischen uns beiden, denn der gute Mann sprach gutes Englisch. Wir begannen nach den Formalitäten, woher man komme und gehe, über die Länder zu sprechen, sowie den Ideen, die Fremde mit ihnen verknüpfen. Über Indien wollte mir zunächst gar nichts einfallen, da mir die merkwürdige Art zu eigen ist, sämtliche Vorurteile und Bilder über ein Land zu vergessen, sobald ich es betrete. Das Bild von Deutschland war meinem Indischen Freund jedoch sehr klar. Es hieß: Adolf Hitler. Keine Autos? Ja auch, aber vor allem Hitler. Und so kamen wir zu Ideen, deren Motivation und ihre Tragweite. Gerade im Länderpaar Indien – Deutschland gibt es mit Mahatma Gandhi und Hitler zwei Verkörperungen von Ideen, die gegensätzlicher kaum sein könnten. Lag Hitlers Ideologie begründet in Hass und Verblendung, führte Gandhis Weg über Aufrichtigkeit und Liebe. Wir kamen zum Schluss, dass Ideen begründet in Frieden und Liebe diejenigen mit langfristig mehr Tragweite sind. Ideologien, die auf Hass und Wut basieren können langfristig keine Menschen inspirieren, da Wut und Hass ein Ziel benötigen, sich Umstände jedoch ändern. Mir kamen meine Erlebnisse der letzten Monate in den Sinn. Momente der Hilfsbereitschaft, der Erfahrungen, der Freiheit, die ich meinem Freund mitteilte.
So wurde aus dem anfänglichen Wäschewaschen eine tiefe Unterhaltung, die mich noch den ganzen Tag beschäftigen sollte.
Nachdem ich tags zuvor noch einmal alles heraus geschrien hatte, war mein Kopf auf wunderbare Weise klar. Nachmittags saß ich am Strand, als ich die Gedanken des Vormittags in meinem Tagebuch festhielt. Nachdem ich diese Thesen niedergeschrieben hatte, kam mir der Gedanke nach den persönlichen Konsequenzen, die ich hieraus für mich ziehen werden müsste. Ich schrieb eine ganze Menge. Das ist meine Art meine Gedanken zu sortieren. Am Ende standen für mich einige Konsequenzen fest. Aufrichtigkeit, Hilfsbereitschaft, Gegenliebe waren für mich nicht mehr leere Worthülsen. Sie waren mir auf dieser Reise reichlich vergönnt gewesen und sollen von nun an mein Handeln bestimmen, um, im Glauben an die Tragweite meiner individuellen Handlung, einen kleinen Beitrag zu einer besseren Welt zu leisten. Ausgelutschte Worthülsen? Ja, solange man nicht weiß, wie für einen eine bessere Welt auszusehen hat, und man die Handlungsweisen nicht kennt, die einen dahin bringen. Für mich stand jedoch von da an fest, dass eine bessere Welt diejenige ist, wo Menschen aufrichtig mit einander umgehen. Helfen, da man sich damit selbst hilft, aber auch einmal „kein Bock“ sagen dürfen. Aufrichtigkeit eben. Dies möge von nun an mein Handeln bestimmen.

Bescheidenheit überkommt einen angesichts der Größe der Welt.

Beseelt von diesen Gedanken, und dem Wissen meinem Sinn des Lebens ein Stück näher gekommen zu sein, fuhr ich Tags darauf weiter. Diesmal jedoch über den kurzen Zubringer wieder auf den National Highway. Die Küste hatte ich gefressen. Es fuhr sich auch gleich viel leichter.

Die Kinder der Raststätte für den Mittag.

Sie liebten es von mir hochgehoben zu werden.

Kurz vor dem Abendstopp wurde ich von einem sehr freundlichen jungen Melonenverkäufer zu ein Stück Melone auf der Straße eingeladen. Die Melone holte er unter einem Fliegennetz hervor, schnitt ein Stück heraus, und bestreute es mit Salz, bevor er es mir reichte. Bei der Melone kam die Frage, wo ich die Nacht verbringe und ob ich nicht die Nacht bei ihnen schlafen wolle. Überrumpelt, aber nicht überrascht, willigte ich ein.

Der Melonenverkäufer, er hieß Ramesh, stellte sich als PhD-Student der Geschichte heraus.

Er studierte an der University of Mumbai, und verdiente für seine Eltern etwas Geld als Melonenverkäufer. Er war sehr nett und gesprächig, und seine Mutter war goldig. Man gab mir eine Reismahlzeit, und der Mutter freute es sehr, dass es mir so gut schmeckte. Ständig steckte sie ihren Kopf durch den Türrahmen um zu sehen ob es mir auch gut gehe. Geschlafen wurde dann aber nicht in dem Haus. Das war dafür zu klein. Selbst auf dem Fußboden hätte ich keinen Platz gehabt. Draußen vor dem Haus gab es eine Gottesstatue an der Straße. Davor wurden kurzerhand zwei Matten ausgerollt, auf der wir dann schliefen. Ein Leben auf der Straße, ich hatte mich schon fast daran gewöhnt.

Ramesh' kleiner Cousin.

Eine Gasflasche im Lokal wo ich frühstückte.

An diesem Tag sollte noch ein für mich denkwürdiges Ereignis stattfinden. Am Vormittag, in einer Steigung, knackte ich die zehntausend Kilometer-Marke dieser Tour. So wie ich auf sie zuradelte, kam es mir nicht so wichtig vor. Es sei nur eine Zahl, erzählte ich mir. Aber im Moment, wo dann da tatsächlich eine fünfzahlige Zahl auf dem Tacho steht, jubelt man schon. Man lernt auch alles raus zu lassen.

Das Beweisfoto.

Das Siegerfoto, mit nur scheinbar coolem Johannes.

Der letzte große Anstieg der Tour.

Der Brunnen war ausgelaufen.

Jetzt aber zu Mumbai. Delhi mag die Hauptstadt Indiens sein, alle sind sich jedoch einig, dass Mumbai dessen Herz ist. In aller Hinsicht: kulturell, wirtschaftlich und sozial. In dieser Stadt, dessen Stadtgebiet zum großen Teil dem Meer abgetrotzt wurde, leben knapp zwanzig Millionen Menschen. Fünfundfünzig Prozent von ihnen, sprich gut zehn Millionen hausen in Slums, und können so zum Beispiel ihre Arbeit zu Fuß erreichen. Die Stadt beherbergt den größten Slum Asiens mit allein einer Million Menschen nur in diesem Stadtteil. All diese Menschen führen einen täglichen Kampf um ihre Versorgung sicher zu stellen. In diesem Gedränge findet jeder seinen Weg, und so gilt das Gesetz der Straße mehr als das auf dem Papier. Die organisierte Kriminalität scheint nach wie vor ein großes Geschäft zu sein. Korruption blüht. Aufgrund der großen Bevölkerungsdichte sind die Straßen fast immer vom Verkehr verstopft. Luft- und Umweltverschmutzung sind ein alltägliches Problem. Wer einen Eindruck über die Vielfalt dieser Stadt aus erster Hand lesen möchte, dem empfehle ich das Buch ‘Shantaram’ von G.D. Roberts.
Um mir den Verkehr zu ersparen fuhr ich mit dem Zug nach Mumbai rein. Um so überraschter war ich, als ich CST, den Hauptbahnhof Mumbais, mit dem Rad verließ und morgens um Neun auf ruhige, fast leere Straßen traf. Ich hatte vergessen, dass es Sonntag war, und an einem Sonntagmorgen kommt sogar eine Megacity wie Mumbai in bestimmten Gebieten zu Ruhe. Überhaupt war ich sofort angetan von dieser Stadt. Hier gab es Kolonialgeschichte zu anfassen. Es wäre, als wenn man einen klassischen Teil Londons nach Indien verfrachtet hätte, und den Zahn der Zeit daran hätte nagen lassen. Der CST glich einer Englischen Kathedrale. Sie waren fantastisch anzusehen, all diese Bauten im Europäischen Stil, z.T. überwuchert von Ranken und authentisch alt.

Ein Wasserverkäufer.

In einem Fremdenführer hatte ich nachgelesen, dass die Gegend um Colaba die am touristisch erschlossenste ist. Dort gäbe es auch die günstigeren Hostels, obwohl Mumbai hier zu den teuersten Städten Indiens gehört.
Einem ersten Hinweis folgend, checkte an dem Morgen in ein recht teures ein, da alle günstigen Zimmer vergeben waren. Auf dem Weg dort hin hatte ich bereits verschiedene Male freundlichen Blickkontakt mit einem Typen gehabt. Er trug ein grünes Kopftuch und sah so gar nicht wie ein Inder aus.
Beim Einchecken fragte ich den Rezeptionisten, ob ich mein Fahrrad irgendwo hier unterstellen könne. Das sei nicht möglich sagte er mir. Auch der Hinweis, dass es auf den Straßen für mein Rad nicht sicher sei, stieß auf taube Ohren. So blieb mir nichts anderes übrig, als das Rad erst einmal den Tag draußen an ein stabiles Eisengestell zu schließen.
Als die Sachen oben im Hotel waren, ging ich wieder raus auf die Straße. Sofort traf ich wieder den Typen mit dem grünen Kopftuch. Diesmal sprachen wir uns an. Er hieß Michael, und er sah vom Gesicht her eher wie ein Südeuropäer als ein Inder aus. Er kam aber aus Goa, und was er genau in Mumbai machte, konnte ich nicht herausfinden. Er liebe jedoch ‘drinking and smoking’. Ziemlich schnell stellte es sich heraus, dass er ein bekannter Name hier auf den Straßen war, der viele Connections hatte. Ich vermutete daher, dass er durch das Zusammenbringen von Touristen mit Geld und Indern über kleine Provisionen sein Auskommen machte. Sein Vertrauen erweckendes nicht-indisches Aussehen half ihm dabei sicher sehr.

Ein Straßenverkäufer verkauft Gummibänder auf dem Bordstein.

Michael und ich wir begegneten uns noch einige Male diesen Tag, während ich mich ein bisschen dort am südlichsten Zipfel Mumbais umsah. Als erstes führte er mich in ein wesentlich günstigeres Hotel, wo ich nur die Hälfte des Preises meines jetzigen Hotels zu zahlen hatte. Mit einer Voranzahlung reservierte ich mir einen Raum für die nächsten Nächte und war mit etwa acht Euro für ein hellhöriges Einzelkabuff sehr gut dabei. Regelmäßig ging ich runter um zu checken, ob mein Fahrrad noch an Ort und Stelle stand. Wie bitter wäre es gewesen, wenn das Rad jetzt in der letzten Woche gestohlen worden wäre. Michael riet mir das Rad irgendwie mit rein zu nehmen, denn auf den Straßen Mumbais sei es nicht safe. Als ich nachmittags noch einmal runterging stand plötzlich der Besitzer des Ladens, vor dem das Rad stand, vor mir, der mir klipp und klar sagte, dass, wenn ich es nicht woanders hinstelle, er die Polizei rufen würde. Da es keine andere sichere Stelle in der Gegend gab, fuhr ich es eine Weile durch die Gegend, nahm es in der Abenddämmerung mit die Treppen hinauf, und schloss es dreist an das Gitter gegenüber der Tür meines Hotels an. Keiner sagte etwas, und dann war ich wieder verschwunden. Auch abends sagte mir keiner mehr etwas, und damit war die Lösung wohl akzeptiert. So überstand mein Rad die erste Nacht.

Diese Krähe stand wie ich vor einem Meer aus Energie in dieser Stadt.

Die Tage in Mumbai vergingen langsam, aber ich genoss es. Diese Stadt steht für den kulminierten Wahnsinn Indiens im guten und schlechten Sinn, und ich hatte das Gefühl mitten drin zu sein. Ein riesiges Karussell aus Farben, Geräuschen und Gerüchen. Eines Tages wollte ich beispielsweise einen Fahrradkarton zum Rücktransport meines Fahrrads im Flugzeug besorgen. Im Internet hatte ich mir ein paar Adressen herausgeschaut. Die Läden lagen etwa vier Kilometer Luftlinie von mir entfernt. Nur mit Stadtplan und Kompass gewappnet fuhr ich zuversichtlich los in die Richtung. Schon bald jedoch verlor ich mich total in dem Straßenwirrwarr und, viel schlimmer, dem zähen Brei aus Menschen, Tieren, Autos, und Ständen, in dem ein paar Polizisten mit Atemmasken hoffnungslos versuchen einen halbwegs geregelten Fluss herzustellen. An Radeln war nicht zu denken, und auch zu Fuß stellte sich mein Rad als einen richtigen Klotz am Bein heraus. Mayhem on the streets, aber total. Kurz blitzte in mir der Gedanke, dass dies nur die Straße sei, und ich nicht ahnen könnte, was noch alles hinter diesen alten Fassaden vor sich ginge.

Straßengrün.

Ich war fasziniert von der Stadt. Sie bildete ein gelungener Schlusspunkt dieser verrückten Reise und deshalb wollte ich sie irgendwie fotografisch festhalten. Nur wie? Wie porträtiert man so etwas großes, undefiniertes, verrücktes wie Mumbai? Ich wusste es nicht, schnappte mir jedoch meine Kamera und ging einfach mal hinaus auf die Straße. Nach einiger Zeit und Schnappschüssen, die mir nicht gefielen, fiel mir auf, wie viele Tiere es außer den Menschen noch hier auf den Straßen gab. Neben dem Porträtieren von Menschen erweiterte ich jetzt also mein Subjekt: Das Tier in der Megacity. Der Megacity Mumbai, wohlgemerkt.
Die obigen und folgenden Bilder sind bei meinen zwei Ausflügen entstanden, wobei die Bilder der ersten Reihe meist unbrauchbar waren aufgrund einer Verschmutzung meiner Linse, die ich aber zu spät bemerkt hatte.

Indogermanische Symbolik.

Die Straßenlaterne schaut wie eine Madonna aus den staubigen Planen hervor.

Die grünen Straßen Mumbais.

Jungs an der Uferpromenade.

Frau im abfahrbereiten Bus.

Kutschenpferd mit wundgescheuerten Knien vom Liegen auf dem Asphalt.

Im Fischerviertel Colabas.

Man beachtete mich fast nicht.

Der Fang war bereits am Morgen eingeholt worden. Am Nachmittag spielen die Fischer Karten.

Ein Hund auf der Straße, aber kein Straßenhund.

Bingo auf offener Straße. Die da so schreit verkündet die Nummern.

Kinder der Fischerfamilien.

Ein stolzer Junge, der seine Scheu überwand, damit ich von ihm ein Foto mache.

Hühner.

Cricket wird immer noch überall gespielt. Auch wenn der Ball immer wieder ins Hafenbecken plumpst.

Ein echter Straßenhund.

Charme der Unschuld.

Ein weißes Kätzchen spielt mit Pappe.

Am Tag vor meiner Abreise kamen Julia und Sina mit dem Ex-Freund Ben der Julia in Mumbai an. Ich traf die drei vor dem Gate to India und führte sie zu meinem Hotel, wo ich bereits zwei Zimmer für die beiden reserviert hatte. Als die drei sich von der langen Zugreise hierher ein wenig erholt hatten, gingen wir raus und ich zeigte ihnen ein wenig die Gegend. An der Uferpromenade trafen wir uns mit Michael und – ganz Michael – gingen wir danach einige Bier trinken. Es wurde noch ein lustiger Abend.

Michael spricht kein Französisch, und Ben kein Englisch. Trotzdem unterhielten sie sich.

Da funkte es wieder.

Heiß war es nach wie vor, auch mit kühlem Bier.

Die drei waren kurz nach ihrer Ankunft von einem Scout Bollywoods angesprochen worden, und würden am nächsten Tag eine Statistenrolle in einem Bollywoodfilm übernehmen. Sie mussten also früh raus. So hatte ich den letzten Tag für mich, und konnte in aller Ruhe meine Sachen vorbereiten. Ich ging noch einmal etwas mit Michael essen, der mir in den paar Tagen auf verrückter Weise zu einem loyalen und guten Freund geworden war. Er führte mich zum sehr guten Chhatrapati Shivaji Maharaj Vastu Sangrahalaya Museum. Ja, die Namen sind hier alle so lang.

In dem Museum waren zahllose Perlen Indischer Hochkultur versammelt. Ich war überrascht so viele schöne Dinge hier zu finden.

Dann packte ich meine Sachen, band den Fahrradkarton an meinen Lenker und fuhr mit dem Rad zum Hauptbahnhof CST, um von dort aus mit der Metro zum Flughafen zu fahren.
So jedenfalls lautete der Plan. Am Bahnhof wurde ich darauf hingewiesen, dass ich es mit dem Rad und dem Karton unmöglich in den Zug schaffen würde. Es sei schon schwierig genug überhaupt so einen Stehplatz im Zug zu bekommen. Mit so etwas Sperrigem wie meinem Gefährt sei daran gar nicht zu denken.
Tja, da stand ich mal wieder und musste meine Pläne ändern. Es blieb mir wohl nichts anderes übrig als mit dem Fahrrad die dreißig Kilometer durch die Stadt zum Flughafen zu radeln. Meinen Stadtplan hatte ich dummerweise den Mädels vermacht, mit dem konnte ich mich also nicht mehr orientieren. Ich würde mich also durchfragen müssen. Zum Glück war ich eine Stunde früher als geplant losgefahren.

Es dämmerte bereits, und schon bald wurde es dunkel.

Es sollte mein letztes Abenteuer dieser Tour hier in Indien werden. Zweieinhalb Stunden lang fuhr ich über Hauptverkehrsstraßen und Autobahnen immer gen Norden. Die Straßen waren verstopft vom vielen Autoverkehr, an dem ich jedoch mich problemlos mit dem Rad vorbeischlängeln konnte. Außerdem konnte ich im Stau immer wieder anhalten und Rikshafahrer nach dem Weg fragen. Der Weg war zum Glück letztlich nicht so kompliziert. Es war jedoch trotzdem eine beeindruckende Fahrt, da ich hautnah an vielen Slums vorbei kam. Manche dieser Hütten, die oft nur aus ein paar Ästen und einer Plastikfolie bestanden, waren sogar bis auf den Seitenstreifen der Autobahn gebaut worden. Nur eine Schicht Plastik trennte die Bewohner dort vom Lärm und Gestank der Autobahn. Unvorstellbar? Nur aus unserer Sicht.
Der Flughafen Mumbais glich einer Festung aufgrund der immer wieder stattfindenden Anschläge in dieser Stadt. Bevor man ihn betreten kann passiert man mehrere Sicherheitskontrollen des Militärs. Und so baute ich mein Rad unter den Augen der Wachhabenden aus einander und packte es in den Karton. Keine zwei Stunden später saß ich im Flieger und flog in zehn Stunden Flugzeit die Strecke zurück, für die ich auf dem Rad acht Monate gebraucht hatte.

Von der abschließenden Tour durch meine alte Heimat nach Hause handelt der nächste Post.
Bis dahin alles Gute,
euer Johannes Bondzio

May 182012
 

Hampi war der erste Ort Indiens, den ich ehrlich schön fand. Einer der Hauptattraktionen des historischen Indiens, kann man Tage damit verbringen tagsüber in den Ruinen Indiana Jones zu spielen und abends sich mit anderen Travellern bei einem guten Essen am Fluss über Indien zu unterhalten. Dank der Tatsache, dass die Ruinen alle aus Granit sind, sind sie sehr gut erhalten.

Das 'Bad der Königin'. Es ist über fünfhundert Jahre alt.

Indische Schönheitsideale in Stein gemeißelt: Eine üppige Tänzerin mit Wespentaille aus Granit.

Altindische Schrift. Sanskrit scheint es nicht zu sein. Kennt sich jemand aus?

Der Eingang zum noch stets benutzten Haupttempel.

Ich kam am Nachmittag in Hampi an, und ergründete ein wenig die Gegend, bevor ich mich am Abend irgendwo neben eine Tempelruine in mein Zelt zum Schutz vor den vielen Mücken verrog. Nachts erklangen aus dem Busch wilde Schreie von Affen und anderen Vögeln.

Langzeitbelichtung nachts aus dem Zelt.

Am nächsten Morgen fuhr ich in das Zentrum Hampis, wo es einige Hostels gab. Ich brauchte mal wieder dringend eine Dusche, und meine Klamotten noch dringender eine Wäsche. Das Hotelangebot war auf die Backpacker zugeschnitten: günstige Zimmer mit Internetanbindung im Foyer, dazu die üblichen Essensbuden und Souvenirshops.
Laut einem Schild auf meinem Zimmer war Wäsche waschen auf dem Zimmer verboten. Man könne jedoch den Laundry-Service des Hostels nutzen. Ein netter Versuch.
Eine halbe Stunde später hatte ich die Handwäsche erledigt und die Sachen hingen zum Trocknen über einer Leine quer durchs Zimmer.

Ein kleiner Schrein mit Baum.

Der Tag danach war entspannt. Ich lief ein wenig umher. Dabei traf ich einen französischen Fotografen, den Benoit, und wir verabredeten uns abends zum Dinner.
Zur Mittagszeit flieht man vor der Hitze. Entweder unter den Ventilator des Zimmers oder in eine Fotoausstellung in eine der alten Tempelanlagen. Man kann sich entspannen, und der ganze Tagesrhythmus wird dadurch ein paar Schläge ruhiger.

Der heilige Hügel 'Hemakuta' im Abendlicht.

Zum späten Nachmittag hin begab ich mich zum ‘Sunset Point’ auf dem Hemakuta. Dort sammelten sich auch schon einige andere Backpacker, der Punkt war bekannt. Die Unterhaltungen waren entspannt und mit untergehender Sonne immer mehr auf die Schönheit Indiens konzentriert.

Der Sonnenuntergang vom besagten 'Sunset Point' verdiente tatsächlich seinen Namen. Das Licht färbte den Wald, den Himmel und die Wolken in prächtigen Farben.

Gesprächspartner kamen und gingen, zunächst waren diese drei Mädels aus der Schweiz und Kanada mit mir.

Dann traf ich eine Italienerin, später vier hinduistische Studenten. Nachdem die Inder das wohl obligatorische Foto mit mir gemacht hatten (‘How tall are you?’), tranken wir einen Tee zusammen. Mit Hinweis auf mein Treffen mit dem Franzosen verabschiedete ich mich danach und begab mich im Dunkeln zu dem Treffen mit Benoit, dem französischen Fotografen.

Abendröte.

Der Benoit war in Begleitung von Johann, einem Kameramann aus Belgien, der gerade dabei ist eine Doku für Arte zu filmen. Es war sehr interessant sich mit ihm über seinen Beruf unterhalten zu können. Ich bin großer Fan der Arte-Dokus, da ich sie für gut recherchiert und aufgearbeitet halte. Der Johann im Gegenzug war total fasziniert von der Idee einer Fahrradreise, und den Grad der persönlichen Freiheit, die sie einem gibt. Wir mussten fast aufpassen, den Benoit nicht zu sehr aus der Diskussion auszuschließen.
Es stellte sich heraus, dass Johann früher auch einmal Fotograf gewesen war, ihn aber die größeren Möglichkeiten der Ausdrucksweise, das Fließende und die Unmittelbarkeit zum Film gebracht haben. Er seinerseits schien nicht schlecht zu staunen über die Gelassenheit, die ein Radreisender sich nach einer Weile zulegt. Die Attitüde, dass sich für jedes Problem eine Lösung findet, fand er fantastisch. Noch lange saßen wir drei später mit einem Bier am Ufer des Flusses im Mondlicht, bis letztlich zwei nervige Dealer uns störten, und wir heimgingen.
Zurück im Zimmer stellte ich mit Erschrecken fest, dass ich meinen Fahrradschlüssel an der Stelle am Fluss vergessen hatte. Ich hatte ihn kurz aus meiner Tasche gepackt, und vergessen ihn dort zurück zu stecken, als wir aufbrachen. Das war ein ernstes Problem, da ich mein Fahrrad nicht auf mein Zimmer hatte mitnehmen dürfen. Es stand angeschlossen, aber offen zugänglich auf der Veranda des Hostels. Wenn nun jemand den Schlüssel gefunden hätte, bräuchte er nur hingehen und das mir teure Rad abschließen.
Ich also zurück, die ganzen zwei Kilometer Fußweg. Das war ein nervöser Marsch zurück vorbei an dem Tempel, den Shops und dem Flußufer zu der Stelle von vorhin. Die Gelassenheit, derer ich mich vorher noch gerühmt hatte: zum Fenster hinaus. Die gleichen indischen Nachtschwärmer, die mich schon auf dem Weg zurück mit Johann beobachtet hatten, beäugten mich nun mit einer Mischung aus Erstaunen und Verwunderung. Unterhaltungen wurden bei meinem Vorbeigehen unterbrochen. Augenpaare verfolgten mich. Es war gegen Mitternacht. Ich war der einzige Nichtinder auf der Straße. Ich beeilte mich lieber.
Dann war ich zurück an der Stelle, wo wir gesessen hatten. Im Licht der Straßenlaterne glänzte der Schlüssel. Er lag noch an genau der Stelle, wo ich ihn gelassen hatte. So ein Glück! Welch Gefühl der Erleichterung! Die beiden Troublemaker von vorhin waren also doch nicht die Schlimmsten gewesen. Noch an Ort und Stelle band ich mir den Schlüssel an eines meiner Armbänder, damit ich ihn nie mehr verlieren kann. Dort hängt er heute noch.
Kurz vor meinem Hostel sah ich einen Verrückten von einem Dach aus Fragen in den besternten Kosmos rufen, die wohl nie beantwortet werden. Lächelnd hörte ich seinem Ton aus Empörung, unterdrücktem Lächeln, und Irrsinn zu. Der Charme Indiens durch den Mund eines Irren. Ich fand es schön.

Während meiner Besichtigung der Stätte hatte ich in einer Fotoausstellung schöne Bilder der Stadt Badami gesehen. Die dort abgebildeten Ruinen waren so schön, dass ich beschloss, auf meinem Weg nach Goa den kleinen Umweg über Badami zu machen.
So lud ich am nächsten Morgen mein Fahrrad auf die Fähre, kreuzte den Fluss, und war nach zwei Tagen auf holprigen Straßen in Badami.

Mein Schatten. Mittags steht die Sonne fast senkrecht über einem.

Badami stellte sich als laute, stickige Stadt heraus, die vom Verkehr völlig verstopft war. Radeltechnisch ein Alptraum. Seine Ruinen und Tempelanlagen waren jedoch sehr schön, wenn auch schnell gesehen. Hier waren ganze Tempel aus dem harten Granit geschlagen worden. Eine beachtliche Leistung, bei dem harten Gestein.

Schicker Tempel am See.

Harmonisch eingefügte Stufen im Fels.

Lang hat es mich in Badami aber nicht gehalten. Ohne das passende Hintergrundwissen sehen solche Ruinen schnell alle gleich aus.
Von nun an hieß mein Ziel Goa. Die ‘Perle der Südsee’ mit ehemals Portugiesischer Besatzung. Traumstrände und Sonnenuntergänge. Herrlich zum Relaxen. So stellte ich mir das vor. Auf ging’s!
Als jemand, der in Indien längere Strecken auf der Straße zurücklegen muss, hat man die Wahl:
Entweder fährt man auf stark befahrenen Hauptstraßen, oder man nimmt die Landstraße, auf der oft nur ein Auto Platz hat, und die nicht richtig auf meiner Karte eingezeichnet waren. Das Höhenprofil dieser Landstraßen ist meist ungünstiger (d.h. es geht öfter auf und ab), und der Straßenbelag dieser Strecken ist zum Teil so voller Schlaglöcher, dass man oft mit dem Seitenstreifen vorlieb nimmt, anstelle mir das Gerüttel auf der Straße anzutun. Ich nahm die harte Tour.

Straßen des Schmerzes.

So ging das für zwei Tage, bis ich abends in die schöne Stadt Dharwad kam. Sie wird von vielen Muslimen bewohnt. Ich besorgte mir ein Abendessen zum Mitnehmen, zeltete draußen im Feld und ließ mich wie von etwas, das mich an gute Zeiten erinnert, vom Ruf der Muezzins in den Schlaf begleiten.

Einer der Basars der Stadt.

Auf dem Bambusmarkt.

Zum Frühstück fuhr ich zurück in die Stadt. Der Boy des einzigen Ladens, der auf hatte, war gerade noch dabei die Fliesen zu wischen. Ich nahm also mein Frühstück und setzte mich auf die Stufen des Ladens draußen. Zwei Meter neben mir lag ein großer Abfallhaufen, an dem sich schon zwei Kühe labten. Der Anblick machte mir nichts mehr aus. Ich unterhielt mich essend mit zwei Zeitungsverkäufern, und kaufte für ein paar Rupees eine Zeitung von ihnen. Langsam kam ich mental in Indien an. Es sollte jedoch noch eine Prüfung zu bestehen sein.

Große Töpfe brauchen große Löffel.

Später am Morgen kam ich durch ein kleines Dorf. Es war gerade an der Zeit das Kühlsystem meiner Trinkflaschen wieder zu erneuern (das hatte ich bereits hier beschrieben). Ich hielt also neben einem Tempel und sah einige Menschen um zwei riesige, dampfende Töpfe herum stehen. In dem einen Topf wurde Reis, in dem anderen eine Soße dazu gekocht. Gerade wurden geschätzte fünf Kilo Zwiebeln angedünstet und mit drei Handvoll Gewürzen vermischt. Das musste ein größerer Anlass sein. Die Menge Reis würde für das ganze Dorf reichen. Ich erledigte, wozu ich angehalten hatte, gesellte mich aber dann aus Neugierde zu den Männern. Wie sich herausstellte, fand an dem Tag ein religiöses Fest statt.

Die Prozession stand schon eine Straße weiter bereit.

Das Dorf war so klein, dass dies schon das andere Ende des Dorfes bedeutete. Die Prozession selbst war ein ernster Anblick. Männer standen in weißen Anzügen und Frauen mit bunten Saris und geschmückten Wassereimern auf dem Kopf. Drumherum sorgte die Dorfjugend für den typisch Indischen Trubel. Man forderte mich geradezu auf Fotos von ihnen zu machen. Näher und näher sollte ich kommen, und ab da wurde ich in den Strudel der Prozession hineingezogen.
Die Prozession setzte sich in Gang, und ich ging mit den Männern. Ein paar von ihnen waren mit Schellen ausgestattet, die sie rhythmisch zum Erklingen brachten. Dann folgten drei spirituelle Hauptfiguren, ausgestattet mit einer Art Laute, eine prächtig geschmückte Frau mit Wasserkübel und einem jungen Mädchen mit Öllampe. Am Schluss des Zuges liefen die Frauen des Dorfes
Bald wurde mir auch eines der Schellenpaare umgehängt, und man führte mich zu den übrigen Schellenmännern. Meine Kamera übernahm von da an ein junger Mann. Mit rotem Farbpulver wurde mir ein rote Punkt auf die Stirn gemalt. Meine Kopfbedeckung passte nicht zu dem profunden Ritual, und wurde gegen eine weiße Mütze ausgetauscht. Zum Schluß meiner Metamorphose zum Mitglied der Gemeinschaft wurde mir unter großem Gejohle der Zuschauerschaft ein orangener Schal umgehängt. Ich wüsste gerne was er bedeutet.

Bereit für die Prozession.

Heilige Füße.

Von da an war kein Halten mehr. Die Prozession bahnte sich ihren Weg durch das Dorf. Menschen bogen sich herab um die Füße der Hauptpersonen mit der Stirn zu berühren. Es war chaotisch, es war herrlich. Zwei Mal musste kurzerhand ein Stacheldrahtzaun aus der Erde gerissen werden, damit die Prozession weiter gehen konnte. Planung vorab gab es nicht. Junge Mädchen warfen sich betend zu Erde, damit die Menge über sie hinwegsteigen konnte. An der Straße bremsten die Trucks und hupten in Referenz. Die Jungs machten Flachsen und lachten.

Die Prozession blockierte die Straße.

Es war ein herrliches Treiben. Das rythmische Klingen der Schellen ließ einen in gedanklich wegtreiben. Alles um mich herum wurde zu einem rauschenden bunten Durcheinander. Die heiße Mittagssonne tat ihr übriges.

Im Trubel vor dem Tempel.

Schlussendlich kamen wir zum Tempel. Die Menschen brachten Spenden dar, bogen sich tief vor den Figuren und hörten, eng beieinander sitzend, einer flammenden Predigt zu.

Im Tempel selber.

Weihrauch wurde verbrannt. Immer mehr Menschen lächelten mir zu, während ich mein Bestes gab mit den Schellen im richtigen Rhythmus zu bleiben. Gar nicht so einfach bei diesen Indischen Rhythmen. Ich hatte jedoch nicht den Eindruck, als ob meine Fehltritte irgend wen gestört hätten.

Feierlich gekleidet.

Dann gab es zu essen. Zunächst gab es eine handvoll süßen Puffreis. Man gebot mir zu warten, denn nachdem jeder versorgt war, gab ein jeder seinen Sitznachbarn ein kleines bisschen von seinem Reis, und bedankte sich für die Gabe des anderen. Viele Lächeln wurden ausgetauscht. Das Dorf: es verschmolz zu einer Gemeinschaft, und ich saß mitten drin.

Der Puffreis.

Danach gab es das Essen, bei dessen Zubereitung ich zwei Stunden zuvor schon zugeschaut hatte: Reis mit Soße, all you can eat. Superlecker. Immer wieder gab es Nachschlag, und gefragt ob ich sonst noch etwas wolle. Die Menschen mochten mich offensichtlich sehr.

Einer der Dorfältesten.

Noch ein Gruppenfoto.

Nach dem Essen war Zeit für die Mittagspause. Als Ehrengast des Dorfes wurde mir diese natürlich nicht zuteil. Ein Junge, der vielleicht seit einem Jahr Englischunterricht bekam, wurde als einzig Englischsprechender im Dorf als Übersetzer eingesetzt. Ab jetzt wurde ich gelöchert mit Fragen.

Schöne Mutter mit Kind.

Der Onkel, gesetzt.

Sie sprühte vor Witz.

Die Mädchen und Jungen verrenkten ihre Hälse, um von unserer Unterhaltung etwas mitzubekommen. Ich musste aus der Hüfte Fotos machen, um diese Gesichtseindrücke einfangen zu können.

Mein Übersetzer mit seinem Vater.

Derweil kümmerten sich die Menschen im Dorf vorbildlich um das Wohlergehen meines Rades: Immer wieder wurde es von einen Schatten in den nächsten gestellt, so dass es in meiner Sichtweite stand. Irgendwann fanden sich auch wieder mein Hut und meine Kamera ein. Die war inzwischen mit Fotos vollgeschossen. Ich war bestens aufgehoben, und amüsierte mich einfach.
Gegen drei war die Sonne so weit gewandert, dass ich weiterfahren konnte. Bis zur nächsten Stadt, Dandeli, wollte ich es schaffen. Das Terrain wurde jetzt immer hügeliger aufgrund der Ausläufer der Westghats, in die ich jetzt kam. Ich kam nur langsam voran.

Ein toller Name für ein Bushäuschen.

Dies ist ein Baum. An ihm sind Schlingen heruntergewachsen, so dass er jetzt wie eine Wand ist.

Nach etwa einer Stunde merkte ich, dass irgendetwas mit meinem Magen nicht in Ordnung war. Ich schob es auf das viele Essen am Nachmittag, trank eine Cola zur Verdauung, und ein Eis, weil es heiß war, und fuhr weiter.
Gegen fünf Uhr nachmittags war jeder weitere Hügel zur Qual geworden. Dandeli war nur noch zehn Kilometer entfernt, aber die immer schlimmer werdende Magenverstimmung raubte mir den Atem. Jeder Kilometer musste hart erkämpft werden. Mir war übel. Immer öfter hielt ich auf den niedrigen Hügeln zum Atemholen mit Brechreiz an. Die Affen am Straßenrand schienen mich auslachen zu wollen. Der Gestank von zwei Papierfabriken vor Ort war atemberaubend. Wenige Kilometer vor Dandeli hielt ich in einem kleinen Vorort an. Ich kaufte eine Flasche Wasser und übergab mich kreidebleich in den Straßengraben. Wäsche waschende Frauen musterten mich verunsichert, es wurde jedoch keine Hilfe angeboten.
Unter großer Willensanstrengung schaffte ich es in die Stadt. In meinem Zustand war an Zelten nicht zu denken. Außerdem zog jetzt ein Gewitter auf. Ich brauchte einfach ein Zimmer. Jetzt.
Schwach wie nie zuvor auf der Reise kam ich an der ‘Dandeli State Lodge’ an. Sie lag wie um mich zu ärgern am oberen Teil der Stadt. Bevor ich die Stufen zur Rezeption hochging, setzte ich mich auf die Bordsteinkante, und atmete ein paar Mal tief durch. Übelkeit stieg in mir hoch. Noch ein paar Atemzüge, ich riss mich zusammen und ging zur Rezeption.
Vor mir in der Schlange waren noch zwei weitere Inder, die ebenfalls ein Zimmer wollten. Ihr Checkin Prozess schien ewig dauern zu wollen. Der muslimische Rezeptionist musterte die Pässe der beiden mit akribischer Genauigkeit. Er war schon lange in seinem Fach, und er würde sich von nichts in der Welt bei der genauen Einhaltung seiner Regeln behindern lassen.
Endlich war er mit dem beiden fertig. Er wandte sich zu mir: ‘Sorry, no rooms available, Sir’ entgegnete er mir. Ich konnte es nicht glauben. Das war wohl ein schlechter Scherz. Hätte er mir das nicht eher sagen können?
Irgendetwas an mir, vielleicht mein ungläubiger Blick, oder das Fieber in meinen Augen, musste ihn jedoch noch einmal überlegen lassen. Ich fragte noch einmal nach. Da stellte sich heraus, dass es noch ein Einzelzimmer im Keller, ‘without TV’ gäbe. Ob das ein Problem sei? Trotz allem musste ich drüber lachen.
Ich solle mir erst das Zimmer anschauen. Ich sagte, mir sei der Zustand des Zimmers ziemlich egal. Er jedoch bestand darauf. Er duldete keine Widerspruch in seinem Haus. Also lief ich hinter seinem Gehilfen her, Treppe runter, aus dem Haus raus, in den Kellereingang hinein.Beim Einschalten des Lichts im Zimmer hüpfte ein Frosch schnell unter das Bett. Ich mag wirklich keine Frösche. Es war mir egal. Ich nahm das Zimmer.
Bevor ich mich im Zimmer einschließen konnte, musste ich erst registriert werden. Dazu gingen wir wieder hoch, und der Hotelbetreiber unterzog meinem Pass die gleiche akribische Untersuchung, wie schon dem ersten. Ich setzte mich auf eine Couch zur Seite, und hechelte ohnmächtig vor mich hin. Der Concierge war gerade dabei, sich ein paar Details zu notieren, da fühlte ich eine Welle der Übelkeit in mir aufsteigen, stärker als alle anderen zuvor. Mit Glück erreichte ich ein Waschbecken neben der Rezeption und erbrach darin alles, was ich seit dem Frühstück gegessen hatte. Gefühlsmischungen aus Scham und Genugtuung durchliefen mich. Scham, da ich das gute Essen des Dorfes jetzt einfach so verschwendet hatte, und Genugtuung, da das sich Erbrechen einfach wunderbar wohltuend sein kann.
Der Concierge derweil verzog keine Miene. Als ich zurück zum Tresen kam, war er noch immer mit meinen Personalien beschäftigt. Er war schon zu lange in diesem Geschäft, um sich von so einer Lappalie aus dem Gleichgewicht bringen zu lassen. Sein Gehilfe würde gleich das verstopfte Becken wieder in Ordnung bringen (ich hatte es versucht, aber nicht geschafft). Er fragte mich nur: ‘What happened?’
Endlich konnte ich mich endlich auf das Bett fallen lassen. Unter mir kauerte der Frosch. Ich lag völlig entkräftet da, und wollte mich nicht bewegen.
Wie gerne man in solchen Momenten jemanden bei sich hätte, der einen pflegen würde! Jetzt jedoch mussten, bevor ich mich schlafen legen würde, noch einige Dinge erledigt werden. Ich zwang mich mich zu waschen. Das Wasser aus dem Kübel, mit dem ich mich übergoss, war eiskalt. Prustend schnappte ich nach Luft. Immerhin kühlte sich so mein Fieber etwas ab.
Danach musste mein Gepäck ins Zimmer gebracht werden. Das hing immer noch an meinem Fahrrad draußen. Das Gewitter war mittlerweile stärker geworden. Kräftige Windböen schüttelten die hohen Kokospalmen im Hinterhof des Hotels. Als ich gerade an mein Fahrrad kam, erschrak ich von einem lauten Krachen hinter mir. An der Stelle, wo ich zwei Sekunden zuvor noch gestanden hatte, war ein großes Bündel Kokosnüsse zu Boden gegangen. Die Palmen im Hinterhof waren bestimmt zwanzig Meter hoch. Wäre ich zwei Sekunden früher aus dem Haus getreten, wäre ich ein toter Mann gewesen. Ganz schockiert, und immer noch im Delirium dankte ich meinem Schutzengel. Der muss mich wirklich gern gehabt haben.
Jetzt aber nichts wie rein! Mein Fahrrad wollte ich bei dem Unwetter auch nicht mehr draußen lassen. Kurzerhand nahm ich es also mit aufs Zimmer.
Jetzt nur noch Trinkwasser. Zum Glück hatte der Laden nebenan noch auf, und verkaufte große fünf Liter Kanister. Damit würde ich erstmal nicht mehr raus brauchen.
Erschöpft ließ ich mich an dem Abend ins Bett sinken. Draußen donnerte und blitzte es ungeheuerlich, aber ich konnte nur daliegen und vor mich hin starren. Wenn man gesund ist, kann man sich schwer vorstellen, wie schwach man sich fühlen kann, wenn einen ein verdorbener Magen hinwegrafft. Das Gefühl war alles andere als feierlich, kann ich nur sagen.
So verbrachte ich die Nacht, ein Marathon zwischen Bett und Toilette. Draußen lief der Regen. Ich schaffte es, für ein paar Stündchen die Augen zu zu machen. Irgendwann kam der Morgen.
Am nächsten Morgen war an Weiterfahren nicht zu denken. Das war mit dem Aufsitzen vom Bett klar. Ich ging meine Optionen durch, verlängerte meine Buchung bei dem Conciergen (hatte der überhaupt geschlafen?), und kaufte Weißbrot beim Bäcker nebenan.
Gegen Nachmittag ging es mir insoweit besser, dass ich ein paar Meter draußen gehen konnte. Ich checkte meine Mails. Meine Mutter war voller Sorgen um meinen Zustand, hilflos in gut achttausend Kilometern Entfernung. Sie fragte mich in einer Mail, ob es nicht genug gewesen sei mit Indien und der Reise überhaupt? Ich hatte nicht lange nach zu denken. Ja es war gut gewesen. Lasst mich heim.
In der Welt des Internets war der günstigste Flug heim schnell gefunden und gebucht. In gut drei Wochen würde ich heim fliegen. Beim Weg zurück ins Hostel überkamen mich Gewissensbisse. Sollte es das etwa gewesen sein? Das Ende einer Reise? Ja, sagte ich mir. So machte die Reise keinen Spaß mehr. Dieser verdorbene Magen war ein Zeichen und ich wollte es so.
Am nächsten Morgen fühlte ich mich immer noch schwach, aber besser als tags zuvor. Ich verabschiedete mich also von meinem schüchternen grünen Zimmergenossen, und fuhr los. Die ersten Kilometer waren echt zittrig. Ich dachte ans umkehren, aber biss die Zähne zusammen. Die Hügel um Dandeli waren leider immer noch da, und die Sonne brannte schon früh gnadenlos. Es war kein Spaß.
Mir wurde bewusst, dass ich mehr Energie brauchen würde, als was in dem Weißbrot der letzten beiden Tage steckte. Ein paar Bananen würden es erst einmal richten müssen, bis ich mittags eine richtige Reismahlzeit haben würde.
Die Straße erwies sich als ganz normal Indisch: eine Mischung aus steilen Hügeln, lautem Verkehr und schlecht geflicktem Asphalt gewürzt mit einer kräftigen Prise Schlaglöchern. Sie konnte mich echt mal gern haben.
Die Straße führte durch einen Nationalpark, und Siedlungen waren rar. Gegen Mittag, nach nur fünfundzwanzig Kilometern, kam ich an einem Ferienressort vorbei. Ich ließ es gut sein, und fragte mich durch zu einem Essenslokal. Ich trank erst einmal ein paar Tees, bevor ich mich vorsichtig an den Reis mit Soßen machte. Die scharfen Soßen ließ ich erst einmal außen vor. Es schmeckte aber gut, ich hatte großen Hunger. Es konnte weitergehen.
Während ich da so im Schatten saß und wartete, dass ich weiterfahren konnte, hörte ich plötzlich eine Stimme fragen: ‘And what is this?’ Hinter mir stand ein mittelgroßer Mann mit Glatze. ‘That is a bicycle’ sagte ich, der Information halber. ‘Yes, but what are all these bags for?’ Und so lernte ich ihn kennen, den Mohammed.
Seine Statur war eher gebückt, und seine Augen blitzten zunächst in einer Mischung aus Unsicherheit, Neugierde und Intelligenz. Sein Englisch war gut, und ich genoß es mich mal wieder ordentlich mit jemandem unterhalten zu können. Er gab mir viele Tipps (kauf nicht auf das Brot von der Straße, wegen der vielen Fliegen. Nimm dich in Acht vor Indern, die dich über’s Ohr hauen wollen usw usw), und tranken eine Buttermilch in einem muslimischen Laden nebenan.
Mohammed schlug mir vor, dass ich bei ihm übernachten könne. Als ich mal vorsichtig nachhakte, stellte sich jedoch heraus, dass wir uns auf einem Staudammforschungsgebiet von nationalem Interesse befanden, wo Ausländer kritisch beäugt werden. Hätte er mich beherbert, hätte das Probleme für ihn ergeben.

Mohammed und ich. Ich war noch immer etwas blass von der ganzen Geschichte.

Ein Freund Mohammeds, ganz stolz mit seinem Enkel. Falsche Fürsorge und Vernachlässigung seitens des Vaters haben es so aufschwellen lassen.

Der Vater des Kleinkinds.

Ihm tat das sehr Leid. Als wir auch keinen Platz in der örtlichen Herberge finden konnten entschloss er sich kurzerhand mir dabei zu helfen die letzten Hügel bis Goa zu überwinden. Er setzte sich also auf sein Motorrad und schob mich über 35 Kilometer bis zum Abend über die Hügel. Ein unglaublicher Typ. Er zeigte mir einige Abkürzungen, die nicht auf meiner Karte standen, und versorgte mich laufend mit Sätzen, die mich in Staunen versetzten. Aussagen wie: ‘Helping others is never a waste of time’ und ‘Do not change your plans for other persons. People who do that become fake persons.’ kamen ständig aus seinem Mund.

Die herrliche Landschaft unterwegs.

Wir fanden gemeinsam ein schönes preiswertes Hostel (Zelten ließ er mich nicht), tranken noch einen Tee zusammen, und dann fuhr er die ganze Strecke im Dunkeln wieder zurück.
Wäre mir so etwas in Deutschland passiert? Ich glaube es fast nicht. In Menschen wie ihm zeigt sich mir der Wert dieser Reise.
Am nächsten Tag fuhr ich nach Goa rein. Endlich konnte ich mich ein bisschen ausruhen. Und das tat ich dann auch. Doch davon mehr im nächsten Teil.

Bis dahin alles Gute,
euer Johannes Bondzio

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