Oct 232011
 

Bei Silistra überquerte ich die Grenze von Rumänien zu Bulgarien. Man nimmt dort die Fähre über die Donau. In Silistra empfing mich Teodor, ein dreissigjähriger, z.Z. arbeitsloser Straßenbauingenieur, der mit Frau, Sohn und seinen Eltern in einem Haus in der ruhigen Altstadt Silistras wohnt.
Bereits architektonisch kann man ganz klar eine Grenze zwischen Rumänien und Bulgarien ziehen. In Bulgarien gibt es wesentlich mehr “Platten”. Des Weiteren findet man viel weniger Kirchen. Hatte in Rumänien noch jedes Kuhdorf doch wenigstens eine Kapelle, so hatte eine Stadt wie Silistra lediglich eine einzige. Überhaupt fühlte ich mich wegen der kyrillischen Schrift und dem öffentlichen Personentransportsystem sehr an Russland erinnert.
Teodors Frau ist Englischlehrerin an einer Grundschule (da ähneln Rumänien und Bulgarien sich dann doch: die Gehälter sind gleich niedrig). Sie hatte Kontakte zu einer deutschen Sprachschule. Man fragte mich, ob ich nicht eine Deutschstunde in einer Klasse mitgestalten wolle. Ich sagte zu, interessiert, einmal das bulgarische Schulsystem aus nächster Nähe zu betrachten.


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Die Klasse war sehr aufgeweckt und interessiert. Wir sprachen über verschiedenste 'deutsche' Sachen: Automarken, Wurst, Fussball etc. Es war bemerkenswert, wie ähnlich die Musik-, Film- und Computerspielgeschmäcker denen der deutschen Jugendlichen waren. Hätten sie nicht Bulgarisch gesprochen, hätten die Schüler in jedes deutsche Klassenzimmer gepasst.


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Ein paar Schüler haben mir danach noch die Stadt gezeigt. Dabei entstand dieses Bild.


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Am nächsten Morgen ging es weiter. Diesmal Richtung Schwarzmeerküste. Beim Klettern aus dem Donautal heraus kam ich entlang einer Mülldeponie, wo man mit dem Müll kreativ Skulpturen geschaffen hatte. Hier ein Beispiel.


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Zwei Jungen biken im Park von Varna.

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Und dann war sie erreicht: die Schwarzmeerküste bei Varna. Jubelnd und überglücklich es schon so weit geschafft zu haben nahm ich nach diesem Bild ein obligatorisches Bad. Von jetzt an hätte ich nach Istanbul schwimmen können.


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Dies ist mein Host in Varna, der Yusuf. Er ist Türke und studiert an der hiesigen Universität. Bulgarien war fünf Jahrhunderte Teil des osmanischen Reichs. Die Spuren davon lassen sich noch immer überall, finden z.B. auf der Speisekarte. Dort gibt es Döner, Köfte, Börek etc.


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Dies ist eine seiner Kommilitoninnen.

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Dieser alten Dame half ich eine stark befahrene Straße zu überqueren.

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Mein nächster Host, der Martin, hat von seinem Großvater einen kleinen Weinberg geerbt. Er hat daraufhin seinen Bürojob an den Nagel gehängt und produziert dort sein eigenes Gemüse und Honig. Dies ist die Aussicht von seinem Balkon am Morgen. Dort unten glitzert das Schwarze Meer in der Morgensonne.

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Martin empfahl mir einen kurzen Abstecher nach Nesebar an der Schwarzmeerküste zu machen. Ein schöner Ort, der unter Weltkulturerbe steht. Noch war das Wetter gut, aber das sollte sich schnell ändern.

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Am nächsten Morgen schlug das Wetter voll zu. Ich war auf dem Weg zur türkischen Grenze als ein großes Tiefdruckgebiet sich entlang der Küste wälzte. Temperaturen fielen schlagartig von 25°C auf 7-8°C. Es war tierisch kalt. Meine Schuhe waren klitschenaß und ich brauchte unbedingt einen Regenschutz. Ein Stück Schnur und zwei Plastiktüten verrichteten vorerst ihren Dienst. Micheal Jackson wäre bei den Farben bestimmt neidisch geworden.

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Bei der ganzen Aktion den Regenschutz zu basteln 'half' mir dieser Mann, der schon um halb elf Morgens mit der Flasche billigen Weins dort saß. Er nötigte mich einen großen Schluck davon zu tun, woraufhin ich ihn 'nötigte' mir Modell zu sitzen. Eine Hand wäscht die andere, nicht wahr?

Oben auf dem Berg fand ich dann die Grenze bei Malko Trnovo vor. Nach gründlichen vier Passkontrollen verbesserte sich der Zustand der Straßen schlagartig. War ich noch auf einer schäbigen Schlaglochpiste den Berg hochgeklettert, fuhr ich jetzt auf einer dreispurigen, menschenleeren Autobahn den Berg wieder hinab. Es war jedoch schon spät, es regnete und die nächste Siedlung fern, so dass ich mich entschloss, trotz Warnungen über Bären und anderem Getier am Waldrand mein Zelt aufzuschlagen.
Gerade hatte ich ein geeignetes Plätchen gefunden und mein Zelt aufgeschlagen, da hörte ich ein mir unbekanntes Geräusch. Es war eine Art röhrendes Grunzen, jedoch ziemlich laut. Als ich mich umdrehte, sah ich im Dämmerlicht woher es kam: Meister Petz wünschte mir einen guten Abend. Ein echter Schwarzbär! Gerade mal hundert Meter entfernt stand er da vor mir. Ohne Zaun, ohne Graben – ‘face to face’. So ein Schreck! Bald darauf lief er aber auch schon in den Wald.
Eine schöne Bescherung! Da befindet man sich mitten im Nirgendwo, es regnet, das nächste Dorf ist noch gut ein-zwei Stunden entfernt und ein Bär lauert im Unterholz. Was tun?

Die Entscheidung, die ich an dem Abend traf, erkläre ich mir heute mit der Art Schicksalsergebenheit, die sich nach den sechs Wochen des Radelns bei mir eingestellt hat. Wer tagaus, tagein mit dem Gedanken lebt, dass das nächste Auto, das vorbeisaust, das Letzte sein könnte, der nimmt irgendwann alles halt als Schicksal hin. Und so muss ich auch an diesem Abend gedacht haben: Wenn etwas passiert, dann ist es Schicksal. Ich blieb.

Ich traf natürlich trotzdem meine Vorbereitungen: ich überlegte, was ich denn über Bären wisse? Im Grunde nicht viel, ausser dass sie scheu und lediglich auf Nahrungssuchse sind. Damit also Meister Petz nicht morgens um halb zwei hungrig im Zelt vorbeischaut, packte ich alle meine Vorräte in einen Beutel und stellte ihn weit entfernt vom Zelt auf. Des Weiteren soll lautes Sprechen helfen (hatte ich per Zufall zwei Tage zuvor in einem Blog gelesen). Ich sang also daraufhin so laut ich konnte das einzige Lied, das mir einfiel: ‘Die Gedanken sind frei’. Das Taschenmesser wurde aufgeklappt und meine Kamera blitzbereit gemacht, um im Fall der Fälle den Bären mit dem Blitz verschrecken zu können.
Auf wunderbare Weise schaffte ich es trotz allem irgendwie zu schlafen. Am nächsten Morgen wachte ich von starkem Dauerregen auf. Der Beutel mit Essen stand unberührt im Regen. Irgendwann um 10 Uhr – der Regen wollte einfach nicht aufhören – entschloss ich mich mich auf den Weg zu machen. Man muss sein Glück ja auch nicht überstrapazieren.

Das Wetter war noch schlimmer geworden. Später in den Nachrichten erfuhr ich, dass der Sturm, der sich entfesselt hatte, noch halb Anatolien fluten sollte. Nachdem ich ein paarmal fast von der Straße gepustet worden war, entschloss ich mich kurzerhand ein Zimmer in der nächsten Stadt Kirklareli zu nehmen. Dort würde ich meine Sachen waschen, trocknen und mich aufwärmen können.
Trotz des schlechten Wetters waren es zwei tolle Tage des ersten Kontakts mit der komplett anderen türkischen Kultur in Kirklareli. Dauernd wurde man als Fremder zu einem Tee zu Leuten eingeladen und neugierig und freundlich befragt.
Dann hatte sich das Wetter wieder einigermaßen gefangen. Über hügelige Straßen und mit Rückenwind fuhr ich weiter nach Cerkezköy. Dort wartete Selcuk auf mich.

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Selcuk (oben links) ist Lehrer an einer Grundschule. Abends spielten wir mit seinen Kollegen Fussball.

Nach zwei Tagen sprichwörtlicher türkischer Gastfreundschaft in Selcuks Familie ging es daran die letzten 100km zurück zu legen. Angesichts des Wetters und des starken Verkehrs in dieser Metropole entschloss ich mich diese Strecke mit dem Zug zurück zu legen. Eine weise Entscheidung, wie sich herausstellen sollte, denn der Verkehr in Istanbul spottet wirklich jeder Beschreibung.

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Im Zug traf ich diese drei Freunde, die zum Angeln auf der Galata-Brücke nach Istanbul fuhren. Kommunikation fand statt mittels Händen, Füssen und einem Handy mit Internet. Wir verstanden uns prächtig. Dieses Bild entstand im Bahnhof Sultanahmets.

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Istanbul, Stadt meiner Träume. Fischverkäufer und Sultanahmet bei Nacht.

Angekommen! Kaum zu fassen, dass ich es wirklich geschafft habe. Auf dem Tacho stehen ziemlich genau 3000km. Es war der 14.10.2011. Sieben Wochen, sieben Länder, unvergessliche Begegnungen und Erlebnisse lagen hinter mir. Es war eine unheimlich intensive Reise gewesen. Sowohl vom Physischen, als auch vom Mentalen her. Soviel Neues, Unbekanntes, Überraschendes hatte ich gesehen. Es war wundervoll gewesen.

Jetzt liegt sie vor mir: ‘urbis, quam turcae stambuldan vocant’, wie es auf einem Kupferstich aus dem 16 Jhd. steht: Die Stadt, die die Türken Istanbul nennen. Ich werde versuchen mir hier eine Arbeit zu beschaffen um den Winter zu überbrücken. Erstmal couchsurfe ich hier jedoch noch ein wenig durch die Gegend. Eine super Gelegenheit die Stadt mit ihren Bewohnern so richtig kennen zu lernen.

Ich hoffe, dass es euch daheim oder wo auch immer gut geht. Ich wünsche euch alles Gute, und vielleicht bis bald einmal hier in Istanbul!
Eyvallah, Johannes Bondzio