Feb 082012
 

Ben und ich hatten eine lustige Busfahrt nach Teheran rein. Wir saßen in einem Schulbus mit lauter Iranischen Studenten und Studentinnen, die sich lachend über diese beiden schmutzigen und riechenden Europäer da lustig machten (Wir hatten seit Tabriz nicht mehr geduscht). Wir wurden aber bald Freunde und man half uns sich in Teheran zu orientieren.
Auf der Fahrt wurde ich daran erinnert, dass Teheran eine der verschmutztesten Städte der Welt ist. Im Norden der Stadt befinden sich die schneebedeckten Gipfel des Alborz-Gebirges. Auf der Fahrt in die Stadt hinein verschwanden diese mehr und mehr in einem klebrig-gelben Sirup aus Smog. Da war ich froh, dass ich diese Radelei meinen Lungen erspart habe.
In Teheran trennten sich die Wege von Ben und mir. Ben würde jetzt den Marathon durch die ‘Stan’-Botschaften auf sich nehmen. Er fährt weiter Richtung Turkmenistan, Usbekistan etc. Bei dieser Jahreszeit sicher keine leichte Aufgabe!
Ich wurde am Busbahnhof von Mona und Rosa abgeholt. Jenen beiden Mädels, die ich schon in Istanbul bei der Lea kennen gelernt hatte. Sie würden mich für die nächste Woche bei Verwandten unterbringen. Erste Station war der Bruder Mehran der Mona, der mit seiner Frau Shamin in einem Vorort Teherans lebte.

Mein erster voller Tag in Iran war ein Feiertag. Wir verbrachten diesen Tag ganz nach Teheraner Manier auf dem Berg Darband noerdlich der Stadt.

Oben auf Mt. Darband, eine Oase der Ruhe weit weg von dieser hektischen Stadt.

Tags darauf ging es zum Basar Chomeini. Er ist der geschäftigste seiner Art in Iran.

Die Händler des Basars, die sog. 'Bazaris'. Sie sind gemeinhin konservativ, reich und bilden eine große politische Macht im Iran.

Mona im Teppichbasar.

Das Herumtrudeln im Mahlstrom des Basars macht hungrig! Zum Glück gibt es in seinem Zentrum ein super Restaurant zu vernünftigen Preisen. Mona und Rosa mochten ihr Mahl.

Die iranische Küche war ausgezeichnet. Es gab Tachtschin (angesetzter Bodenreis) mit Hühnchen und Joghurt.

Mona und Rosa gehören den Bahai an, einer religiösen Minderheit im Iran. Seit der Revolution 1979 werden sie vom Regime der Mullahs mehr und mehr diskriminiert. Sie dürfen zum Beispiel sich nicht versammeln, Männer können nur in Nichtregierungsunternehmen arbeiten (Frauen dürfen überhaupt nicht arbeiten) und der Zugang zu Universitäten ist ihnen verwehrt. Dies bewegt viele Bahai dazu zu emigrieren. So auch die Familie der Tante der Rosa.
Als Abschiedsgeschenk will die Familie der Rosa ihnen eine Digitalkamera überreichen. Bei der Auswahl der Kamera durfte ich dabei sein.

Auswahl eines Abschiedsgeschenks.

In dem Geschäft sprach mich dieser Mann an. Er war früher ein Schauspieler, und hatte sein kleines Portfolio mit seinen Rollen dabei. Stolz zeigte er mir diese über dreißig Jahre alten Fotos. Manche Menschen verlieren sich in ihrer Vergangenheit.

War in Istanbul der Islam wirklich schön, zeigt sich im Iran was geschieht, wenn sich Religion und Macht paaren.

Jeder Bus ist in zwei Teile unterteilt. Vorne sitzen die Männer, hinten die Frauen. Wie in einer Zwei-Klassen-Gesellschaft.

Ich hätte kein Problem mit dieser Politik, wenn ich nicht Tag für Tag erleben müßte, dass dies alles den Menschen aufgezwungen wird. So läuft die Mehrzahl der Frauen auf der Straße mit einem Tschador (schwarzes Tuch von Kopf bis Fuß) herum. Daheim bei sich wird es jedoch von den meisten erleichtert abgelegt, und nur wenn fremde Männer im Haus sind, muss es wieder getragen werden. Da es also nicht freiwillig getragen wird, ist es für mich ein Symbol der Unfreiheit.
Aber die Menschen im Iran sind nicht dumm. Sie haben aus den willkürlichen und z.T. widersprüchlichen Ge- und Verboten der Mullahs längst verstanden, wie es um ihr Land steht. So sind Satellitenschüsseln laut den Mullahs ‘haram’, verboten. Praktisch jeder Haushalt hat jedoch eine, und empfängt damit die persischen Sendungen aus dem Ausland. Derer gibt es viele. Besonders beliebt ist der BBC auf Persisch.

Wie oben angemerkt, ist des den Bahai verboten die staatlichen Universitäten zu besuchen. Sie haben deshalb unter sich ein Bildungssystem erschaffen. Sie treffen sich privat und funktionieren Wohnzimmer zu Seminarräume um. Ein jeder lernt und lehrt gleichzeitig. Dies ist nicht ohne Risiko. Einige dieser Lehrer sind wegen ihrer Tätigkeit bereits verhaftet worden und verbringen lange Jahre im Gefängnis.

Dies ist die Architekturklasse der Mona und Rosa. Sie sind eng mit dem alten Architekturprofessor befreundet. Er lud uns zu sich zum Abendessen ein.

Als Gast aus einem fernen Land wurde ich vom Gastgeber zu einer Partie Backgammon eingeladen. Er ist ein Meister in diesem Spiel.

Die Architekturstudenten bildet eine enge Clique, vereint in ihrem Dasein als Bahai. Sie sind etwa 10-15 Leute in ihrem Semester. Die perfekte Zahl um 'Mafia', eine Variante des Spiels 'Werwolf' zu spielen. Die Karten symbolisieren die Rolle, die man in diesem Spiel in der jeweiligen Rund innehat.

Freitag ist der muslimischer Ruhetag. An diesem Tag wird im Zentrum Teherans ein großes Parkhaus zu einem riesigen Flohmarkt umgewandelt. Ganz Teheran scheint sich dort an diesem Tag zu versammeln. Ein großer Spaß.

Shamin sucht ihren Mehran vor dem Basar.

Mehran, mit 1.90m ein Riese unter den Iranern, behielt auf dem Basar immer die Uebersicht.

Mona (rote Haare) hat alle Sachen ausprobiert.

Es gab tatsächlich viel zu sehen.

Nach einer Weile wunken mich meine Freunde heran. Dieser Mann sei Deutscher. Ich sprach ihn an. Er lebt seit drei Jahren mit seiner Iranischen Frau in dieser Stadt. Er importiert günstig alte Sachen aus Deutschland, die er auf diesem Flohmarkt teuer verkauft. Er hat hier eine Monopolstellung und da die Iraner von Deutschland träumen als sei es das gelobte Land, reissen sie ihm hier die Ware aus den Händen. Der Deutsche Traum verkauft sich.

Die Ausgehmöglichkeiten in dieser Millionenstadt sind sehr begrenzt. Aufgrund der muslimischen Führung gibt es kein Nachtleben und die letzte Bahn fährt um 22.30 Uhr. Da trifft man sich Abends halt auf einen Tee und plaudert. Das ist aufgrund der Geistreichtums der Iraner jedoch nie langweilig.

Eine typische Bäckerei. Genau eine Sorte Brot kommt immer frisch aus dem Ofen und wird von den Leuten gleich packenweise gekauft.

Die folgenden Bilder entstanden an einem Tag, an dem ich auf eigene Faust die Stadt erkundete. Es sind Szenen des Teheraner Alltags, die sich um den Basar abspielten.

Pause eines Lieferanten.

Ein Hinterhof.

Geschäfte in den Hintergassen. Man beachte die allgegenwärtigen Portraits von Chomeini und des jetzigen 'Supreme Leaders' Chameini.

Ununterbrochen werden am Basar die Waren umgeschlagen.

Lesen der Schlagzeilen in Krisenzeiten. In einem Land wie Iran ist es lebensnotwendig ständig auf der Höhe zu sein. Zur Zeit beschäftigt die Leute der Kursverlust des Iranischen Rials.

Der pulsierende Verkehr der Stadt ist in seiner Hektik und Dichte einerseits Ursache des giftigen Smogs der Stadt, andererseits ein faszinierendes Element. Besonders die vielen Motorräder haben mich in ihrem Geschick beeindruckt. Hier sind ein paar Beispiele.

Auf ein Motorrad-Taxi passen zwei...

oder auch drei Personen.

Manchmal werden sie auch einfach als ein Laster auf zwei Rädern benutzt.

Mit der Rosa besuchte ich am nächsten Tag das Iranische Nationalmuseum. Es ist eine interessante Sammlung der Höhepunkte der Iranischen Geschichte. Besonders hat mich in seiner Perfektion dieses alte Gemälde aus Stein beeindruckt.

Persische Hochkultur vor 2500 Jahren.

Nach dem Museum besuchten wir das Haus der Kultur. Es wird von der Regierung gefördert und kontrolliert. Ein Teil der Ausstellung beschäftigte sich mit Iran, und wo das Land in 15 Jahren stehen würde. Hier ein Beispiel:

Soviel zu Atomkraft und Persischer 'Hochkultur' heute.

Am letzten Abend traf ich mich noch einmal mit meinen neuen Freunden. Ich wurde zum Essen von der Großmutter der Familie eingeladen.

Es gab ein herrliches iranisches Essen.

Tags darauf fuhr ich los. Dem wirren Verkehr der Stadt sollte ich bald entkommen. Jede Stadt, auch Teheran, ist irgendwann vorbei, wenn man nur lange genug in eine Richtung radelt. Bei mir dauerte es knapp zwei Stunden. Schneller als gedacht.
Ich fuhr Richtung Süden. Mein Ziel: Esfahan, ehemalige Hauptstadt des Persischen Reiches und eine der Perlen des Irans.

Davon bald mehr, alles Gute,
euer Johannes Bondzio

Jan 262012
 

Der Grenzübergang zum Iran bei Bazargan war im Grunde unkompliziert. Die Grenzbeamten waren sehr freundlich. Es hat insgesamt unter einer Stunde gedauert. Einzig die zahlreichen Geldwechsler an der Grenze sind anstrengend. Die versuchen einem unter allen möglichen Vorwänden weis zu machen, dass es ja so viel günstiger sei bei ihnen zu wechseln.
Im Iran funktionieren westliche Zahlungsmittel so wie Kreditkarte etc. nicht. Man muss sich Devisen mitbringen um sie zu wechseln. Da muss man hart bleiben, um nicht auf irgendwelche Tricks bei der Wechselei hereinzufallen.

So sehen 300€ in Iranischen Rial aus. Das Portmonnee ließ sich kaum mehr falten.

Bei der ganzen Wechselei sollte man beachten, dass der Iranische Rial zum Teil erheblichen Kursschwankungen ausgesetzt ist. Da man also nie weiss, wieviel die Rials naechste Woche wert sein wuerden, sollte man immer nur so viel wechseln, wie man im Moment gerade braucht. Das musste ich erst schmerzlich lernen: ein paar Tage nach der Grenzueberquerung sorgten die Nachrichten der EU-Sanktionen gegen den Iran dafuer, dass der Rial schlagartig fast die Haelfte seines Wertes verlor. Damit hatte ich auf einen Schlag knapp die Haelfte meines gewechselten Geldes verloren. Bei einem knappen Reisebudget ist das unangenehm.

Doch zurueck auf die Strasse:

Kurz ausserhalb der Grenzstadt Bazargan lud mich schon dieser Iraner zu einem Tee ein. Der Tee schmeckt hier anders. Milder als in der Türkei. Mit einer Kardamom-Note.

Auf den ersten Kilometern sammelte ich viele neue Eindrücke in kurzer Zeit. Die Schrift ist z.B. arabisch, fast alle Frauen laufen in schwarzen Chadors herum, und Autofahrer ueben sich in kreativer Auslegung der Verkehrsregeln.

Bei den ganzen Eindruecken fand ich jedoch zunaechst keinen Platz zum Campen. Zum Glück fand mich diese Familie. Sie lud mich Wildfremden einfach so zu sich Heim zum Essen ein. Bei ihr konnte ich letztendlich zwei Nächte bleiben. Ein erstes Beispiel der grossen Gastfreundschaft im Iran.

Am Ruhetag fuhren wir gemeinsam zu den örtlichen Sehenswürdigkeiten. Dies ist die Qarah Kelisa, eine alte Armenisch Orthodoxe Kirche im Norden des Irans.

Im weichen Sandstein der Kirchenmauer haben Gläubige allerlei Symbole geritzt.

Meine Gastgeber waren von Beruf LKW-Fahrer. Der Stolz der Familie war ein 35-jähriger, knallorangener Mack-Truck. Mit dem sind sie schon überall in Europa gewesen.

Sightseeing Teil 2: Die St.Stephanos Kirche nahe Jolfa. Sie liegt malerisch im Aras-Tal und steht auf der Liste des UNESCO Weltkulturerbes. Die elegante Bogenarchitektur des Glockenturms hat mich total fasziniert.

Tags darauf fuhr ich weiter. Dies ist der Eingang zum Tal des Flusses Aras. Dieser Fluss bildet einen Teil der Grenze zwischen Aserbaidschan und Iran.

Links Aserbaidschan, rechts Iran.

Es war schon spät nachmittags als ich in das Tal fuhr. Ich versuchte deshalb dort zu zelten. So gegen Mitternacht fand mich eine Polizeistreife. Dessen Beamte waren sehr freundlich und eher überrascht mich zu finden. Hier im Grenzgebiet sei es nicht erlaubt zu übernachten. Man fuhr mich also zur nächsten Polizeistation in Jolfa. Dort hatte dieser Beamte Nachtdienst. Ich durfte bei ihm in der Wache schlafen. Am nächsten Morgen bestellte er ein Taxi für uns und lud mich zu sich zum Frühstück ein. Da sagte ich natuerlich nicht Nein.

Ein rührendes Straßenschild auf dem Weg nach Marand. Das Bewusstsein scheint da zu sein, jedoch muss die Bevölkerung in Punkto Umweltschutz noch einiges lernen. Wohl der Grund weshalb es mit dem 'development luck' noch so ein wenig hapert.

Manchmal trifft man Leute nicht, manchmal wird man einfach getroffen. Wie vom Blitz: Sohn und Vater in Marand. Der Alte war komplett Banane. Er verkaufte Zigaretten am Straßenrand. Als er mich erblickte, schrie er auf, überschüttete er mich mit Grüßen (was ihm gerade einfiel) und küsste mir u.A. überschwenglich die Hand. So einen Typen habe ich noch nie erlebt. Lustig war es trotzdem.

Der Verkäufer hier verkaufte gekochte Zuckerrüben. Sehr lecker in dem kalten Wetter.

So sahen sie aus, meine ersten Eindruecke aus diesem Land Iran. Es ist ein deutlicher Unterschied zur Tuerkei spuerbar. Vor allem die Menschen sind unglaublich gastfreundlich. Die Landschaften sind teilweise spektakulaer. Jetzt war ich in Tabriz angekommen. Die Hauptstadt der Azeri-Bevoelkerung. Dort pausierte ich fuer einen Tag bevor es weiter Richtung Teheran ging.

Alles Gute,
euer Johannes Bondzio

Einmal Istanbul - Ankara und zurück

Einmal Istanbul – Ankara und zurück

On the road again! Vor der Abfahrt hatte ich in Istanbul bei einer Iranischen Reiseagentur einen Letter of Invitation (LOI) beantragt. Diesen benötigt man um ein Visum beantragen zu können. Es gibt dabei zwei Optionen: entweder wählt man die Standardprozedur (7-10 Tage) oder die beschleunigte Prozedur (doppelt so schnell, dafür aber auch doppelt so teuer). […]

Die Stadt, die keinen Namen braucht - Teil 1

Die Stadt, die keinen Namen braucht – Teil 1

Nach genau sieben Wochen durch sieben Länder war ich in Istanbul. Diese ‘Stadt, die keinen Namen braucht’. Sie lag schillernd vor mir da, dort am Ufer des Bosphorus. Türkische Musik, Rufe der Händler schallten durch die Straßen, Lichter umschwirrten mich und ständig lag ein neuer Duft in der Luft. Mein Plan war mir in Istanbul […]