Jul 152012
 

Im Anflug auf Amsterdam flogen wir über ausgedehnte Felder aus Grün und viele silbrige Gewässern. Ein Anblick, der viele Insassen, auch mich, erstaunte. So viel Wasser und Grün waren wir, aus Indien kommend, schlichtweg nicht mehr gewöhnt. Meine Sitznachbarin, eine Inderin, fand es wunderschön.
Mein Gepäck, inklusive Fahrrad, hatte ein weiteres Mal die Flugreise unbeschadet überstanden. Ich suchte mir eine ruhige Ecke in der Gepäckausgabe, und hatte es nach gut anderthalb Stunden wieder aufgebaut. An mir gingen viele Niederländer vorüber, die gebräunt und gut gelaunt aus dem Urlaub wieder kamen. Mit einem Augenzwinkern fragte man mich, ob ich der neue Fahrradmechaniker des Flughafens wäre.
Als mein Fahrrad wieder stand, wusch ich mich, fragte zwei Flughafenangestellte nach dem besten Weg in die Innenstadt Amsterdams, und trat aus dem Flughafen raus. Das Wetter war niederländisch frisch – kalte, klare Luft umwehte mich. Die Wärme Indiens war vorbei. Ich zog mir eine Jacke über und fuhr los.

Das Rad in der Innenstadt Amsterdams.

In Amsterdam beherbergte mich die Hanne, die ich über das Internetportal warmshowers.org kennen gelernt hatte. Sie ist ein lebensfreudiges Mädel, das auch schon einmal ein ganzes Jahr durch Südostasien geradelt ist. Es tat gut, in dieser neuen, alten Welt zunächst sich mit jemandem austauschen zu können, die den ganzen Prozess des Radelns und des Ankommens schon einmal durchgemacht hatte.
Sie wusste deshalb auch, dass das Wichtigste nach so einer langen Reise am Tag der Ankunft erst mal das Akklimatisieren ist. Sie hatte an dem Tag ein Treffen mit Freunden, zu dem sie mich auch mit einlud. Im Flugzeug hatte ich auf den engen Sitzen nicht wirklich gut schlafen können. Sie hatte deshalb vollstes Verständnis dafür, dass ich mich zunächst einmal einfach nur ausruhen wollte.

In der Innenstadt.

Wie sich herausstellte, ist die Hanne eine gute Freundin der Schwester von Guus dem Radler, den ich im Süden des Irans begegnet war. Die Small-World-Theory wurde so noch einmal aus erster Hand erlebt. Spontan verabredeten wir uns also abends zu einem gemeinsamen Essen in einem der vielen hippen Lokale der niederländischen Hauptstadt. Es war sehr schön, all die freundlichen Leute um sich zu haben und seit langem mal wieder so richtig Niederländisch sprechen zu können. Ich staunte nicht schlecht, wie lange es hier in den nördlichen Breiten abends hell ist. Auch vollzog sich die Dämmerung viel langsamer, als ich es aus Indien noch gewohnt war.

Eine der vielen grünen Grachten der Stadt.

Tags darauf musste Hanne arbeiten. Ich fuhr auf Anraten der Hanne in die Stadt um mir die „World Press Photo“ Ausstellung anzuschauen. Auf ihr werden die besten Pressefotos jedes Jahres ausgestellt. Ich kam etwas zu früh, und hatte noch etwas Zeit mir die Innenstadt anzuschauen. Die Ausstellung befand sich in der „Nieuwe Kerk“ (Neue Kirche), mitten im berühmt-berüchtigten Rotlichtdistrikt Amsterdams, der „Walletjes“. Ich hatte ihn noch nie zuvor gesehen, und ich muss eingestehen, dass nach all den Monaten in muslimischen und hinduistischen Ländern diese offensive Zurschaustellung von soviel käuflicher Nacktheit mir ein mulmiges Gefühl im Magen aber auch ein verwundertes Lächeln ins Gesicht trieb.

In der Ausstellung.

Gegen zwei Uhr nachmittags öffnete die Ausstellung. Das Interesse war groß, die Schlange lang. Die Fotos deckten die großen Medienthemen des letzten Jahres ab: Fukushima, den „Arabische Frühling“, große Sportereignisse sowie auch einige soziale Themen. Die Bilder waren großartig. Einem wird bewusst, wenn man diese Bilder sieht, dass es einen Unterschied zwischen zufälligen Schnappschüssen und Konzeptfotografie gibt. Die Bilder verbanden ganz klar Bildelemente zu Aussagen und waren zudem noch unter z.T. schwierigsten Umständen entstanden, wie etwa die Bürgerkriegsbilder des Arabischen Frühlings aus Libyen.
Trotzdem verließ ich die Ausstellung schockiert. Grund waren vier Fotografien, die vom Iran handelten. Es waren die einzigen vier Fotos über den Iran in der gesamten Ausstellung. Sie dokumentieren die öffentliche Erhängung einer Gruppe von Vergewaltigern, die eine Hochzeit im Iran überfallen hatten. Laut Anklage hatten sie die anwesenden Männer gefesselt und die Frauen vergewaltigt. Eine grausige Tat. Auf den Bildern waren nun die hängenden Männer mit ihren abgeknickten Hälsen zu sehen, sowie eine sensationsgierig drein blickende Menge. Eine Gegendarstellung fehlte.
Die Aussage der Fotoserie, die in den Köpfen derer zurückbleiben würde, die noch nie im Iran gewesen waren, war die, dass sich im Iran Menschen zum Vergewaltigen organisieren, und sie den vorzeitlichen Akt der Hinrichtung ekstatisch feiern. Ein barbarisches Bild. Ich will den Informationsgehalt der Bilder nicht in Abrede stellen. Das überlieferte Bild ließ sich jedoch in keiner Weise mit dem Bild der Güte und Großzügigkeit in Deckung bringen, das ich von den Menschen im Iran gewonnen hatte. In der Ausstellung musste ich mich zunächst schockiert einmal niedersetzen. Anfängliche Fassungslosigkeit wich schwer zu unterdrückende Entrüstung, wich wachsender Enttäuschung. Es war dies ein Paradebeispiel verzerrter Berichterstattung und westlicher Propaganda. Ernüchtert verließ ich die Ausstellung.
Mit meiner Erfahrung wand ich mich später erst an Hanne, die meine Einwände verstand, aber ganz richtig mit einem Schulterzucken bedachte. Da man, erst recht wenn man nie im Ausland war, nie wissen kann, wo einem die Medien „nicht ganz die Wahrheit sagen“, muss man lernen, etablierte Medien mit Vorsicht zu genießen. In solchen Momenten zeigte sich mir welchen Wert es hatte, mit meiner Reise einmal über den Tellerrand zu blicken.

Am nächsten Morgen ging es für mich mit dem Rad weiter. Hanne war schon wieder zur Arbeit, als ich die Tür ihres Apartments hinter mir ins Schloss zog. Ich musste nach Norden, zum Afsluitdijk. Also musste ich einmal quer durch Amsterdam. Der Weg dadurch zu finden war gar nicht so einfach! Denn nicht nur wird das nördliche Amsterdam von vielen Wasserstraßen und Kanälen durchzogen, auch gestaltet sich die Verkehrsführung viel komplizierter, erst recht für jemanden ohne Stadtplan. Überall sind Fahrradampeln, Fahrradwegkreuzungen, Einbahnstraßen, Fahrverbote, und nicht jede Brücke über die Gewässer war auch für Fahrräder freigegeben. Hinzu kamen noch ein paar Baustellen, und die Verwirrung war komplett. Da fand ich navigieren in Indien doch einfacher, da einem qua Verkehrsregelbefolgung dort freie Hand gelassen wird.
Mit der Hilfe von Anwohnern hatte ich es jedoch irgendwann doch geschafft. Einer von ihnen war auch Reisender, der nun bald wieder aufbrechen wollte (er wusste nur noch nicht ob per Segelschiff oder per Fahrrad). Nachdem der letzte große Kanal hinter mir lag, schloss sich abrupt das flache Grün und die vielen Gewässer des „Waterlands“ (Wasserland) an. Um eine möglichst schöne Strecke zu haben, fuhr ich am Markermeer entlang. Direkt über den Deich. Die Fahrradwege waren, wie überall in den Niederlanden, von hervorragender Qualität.
Die Sonne schien, der Wind blies mir leicht von der Seite, es war ein sehr schöner erster Radeltag. Ich fuhr vorbei an den schönen Städtchen von Marken und Volendam, wo ich mir zu Mittag eine typisch niederländische Mahlzeit holte: „Patatje mét“ (Pommes mit Majo). Es stellte sich heraus, dass es nicht die beste Radlernahrung ist, denn sie liegt im Anschluss ziemlich schwer im Magen.
Weiter nördlich ab Enkhuizen hing eine Wolkendecke wie unbeweglich am Himmel. Gegen Abend ergaben sich aus ihr immer mehr Regentropfen, so dass ich noch bis um sechs Uhr radelte, um mir dann im Regen einen Zeltplatz zu suchen.
So schön Noord-Holland auch ist, so schlecht ist es zum Wildcampen. Aufgrund des vielen Ackerbaus gibt es fast nirgends Wallhecken oder Wäldchen, wo man unbeobachtet sein Zelt hätte aufschlagen können. Bei einem Bauern fragen wollte ich auch nicht, da ich schon ziemlich müde war, und Leute erfahrungsgemäß einem lieber einen Gefallen tun, wenn man nicht ganz so abgekämpft drein schaut. So gab ich mich an dem Abend mit einem kleinen Wäldchen neben einer Autobahn zufrieden, das ich irgendwann als einzige Möglichkeit unbehelligt zu Zelten erblickte.
Früh am nächsten Morgen war meine Stimmung nicht gerade auf dem Hochpunkt: Die erste Nacht wieder draußen im Zelt ist nach dem Luxus des weichen Betts und der warmen Dusche des Tages zuvor (Luxus, an den man sich sehr schnell wieder gewöhnt), immer die schwierigste. Auch gab sich das Wetter nach wie vor sehr niederländisch nass. So hatte mein Rad die ganze Nacht draußen im Regen gestanden, und ich musste mein Zelt nass zusammen packen. So etwas möchte man nach Möglichkeit vermeiden. Aber ich hatte mich nicht zu beschweren: Ich hätte auch bei einem der vielen Bauern der Gegend anfragen können.
Gerade als ich all meine Sachen auf mein Rad gepackt hatte, öffnete mir der Himmel noch einmal so richtig seine Schleusen, als wolle er mir etwas mitteilen. Mürrisch schob ich mein Rad aus dem Gebüsch, und nahm die Strecke vom Vortag wieder auf.
Ich begegnete etlichen Schülern, die natürlich mit dem Fahrrad zur Schule fuhren. Sie trugen keinerlei Regenkleidung, und ihre Haare hingen ihnen klatschnass an den geröteten Wangen herunter. Langsam tretend fuhren sie in Grüppchen, den Regen stoisch ertragend, ihre tägliche Strecke herunter. Ich sah ein: wenn die das können, werde ich den Regen auch vertragen. Sie nahm ich mir dann zum Vorbild.
Der Wind hatte mittlerweile auf Nord gedreht. Das war schon jetzt nicht angenehm, hier auf dem Festland. Auf dem Afsluitdijk sollte dies jedoch jedoch zum quasi-GAU (größtes anzunehmende Ungemach) ausarten, da einem da der Wind ungebremst entgegenwehen kann. Immer schön schräg von vorne peitschte er mir die kalten Regentropfen ins Gesicht. Schönstes niederländisches Wetter, dreißig Kilometer lang. Einfach nasskalt. Man lernt sich ganz dicht unter dem Deich zu halten. Unterwegs begegnete ich einem Italiener auf dem Rad, der aus Berufsgründen nach Leeuwarden gezogen war. Er radelte viel als Hobby, aber auch er hatte keine guten Worte für dieses Wetter übrig. Am anderen Ende des Deichs traf ich einen älteren niederländischen Reiseradler. Seine knallroten Taschen waren blitzblank geputzt, aber seine Sprache war unzusammenhängend. In der Kälte erklärte er mir, dass er gerade den ganzen „Pieterspad“ (einen Pilgerweg quer durch die Niederlande) geradelt hatte, und dabei nur schlechtes Wetter gehabt hatte. Ob dies der Grund für seine Sprache gewesen war?
Von nun an bog ich ab Richtung Südosten nach Sneek, der Heimat meiner frühen Kindheit. Man muss es mal wieder den Niederländern überlassen: Ihr Radfahrnetz ist vorbildlich. Mittels ihrer Wegweiser und des Knotenpunktsystems, wird man elegant über ganz unscheinbare und wunderschöne Radwege geführt, die in exzellentem Zustand sind. Von nun an hatte ich auch den Wind wieder etwas im Rücken, und der Regen hörte langsam auf. Das war sehr angenehm.
In Sneek aß ich erst einmal gut zu Essen in einem der vielen asiatischen Restaurants dort. Drei ältere Damen und ich waren die einzigen Gäste des Restaurants, und so kam ich während des Essens nicht umhin ihrem Gerede am Nachbartisch auf Friesisch zu zu hören. Als Kind hatte ich die Sprache dieser Gegend einmal fließend beherrscht, aber nach einem Umzug in ein anderes Gebiet fast schlagartig verlernt. Jetzt war ich stolz noch das meiste des Gesprächs verstehen zu können, und musste mir ständig ein Lächeln verkneifen, das verraten hätte, dass ich zuhörte.

Vd Meulen Plattboden. Herrliche Schiffe.

Mit gefülltem Magen fuhr ich zu meinem eigentlichen Ziel in der Stadt: Der Werft Joh. vd Meulen. Sie ist eine alte Werft, in der seit über einem Jahrhundert alte niederländische Plattboden gebaut wurden. In den achtziger Jahren hatte mein Vater mehr als Hobby viel auf dieser Werft gearbeitet, und so waren wir als Kinder oft und viel auf dieser Werft gewesen. Meine frühesten Kindheitserinnerungen stammen von hier. Ich hatte ihn immer als sehr schönen Ort in Erinnerung, da er mich mit seinem Geruch von Sägespänen, Wasser und (damals) Teer sehr an Freizeit erinnerte. Ich war sehr froh zu spüren, dass sich an der Werft selber nicht viel getan hatte. Drumherum hatte sich zwar ein Geschäftsgebiet hochgezogen, die Werft an sich lag jedoch noch weitestgehend so da, wie ich sie in Erinnerung hatte.

Arbeitskleidung.

Vierzehn Jahre war es her, dass ich sie das letzte Mal betreten hatte. Damals war ich ein kleiner Junge gewesen. Bei ihrem Wiedersehen steckte mir ein Kloß im Hals.

Alles roch nach Holz.

In der Werft traf ich auch gleich Henk vd Meulen, der die Werft von seinem Vater Johannes geerbt hatte, und nun weiter führte. Er hatte mich nicht gleich erkannt natürlich, denn er kannte mich natürlich nur als kleiner Junge. Als aber klar war, wer und wessen Sohn da vor ihm stand, ließ er sein Arbeit spontan ruhen, führte mich herum und stellte mich den anderen Mitarbeitern vor. Sie ließen sich es nicht nehmen, mir in leuchtendsten Farben zu schildern, wie toll mein Vater früher der Werft geholfen hatte, in dem er ihr in Zeiten zurückgehender Auftragslage den deutschen Chartermarkt eröffnet hatte. Es war dies eine bewegende Begegnung, nach all den Jahren. Insgesamt kann ich immer noch nicht genau beschreiben weshalb. Schwer jedoch konnte ich vor den anderen die Tränen der Rührung unterdrücken. Als man mich für einen Moment in einem Bootsschuppen mit einem Schiff alleine ließ, das mein Vater damals gebaut hatte, ließ ich alles heraus. Zu groß war die Freude des Wiedersehens, zu stark die Erinnerungen von früher, zu sehr vermisste ich auch immer noch meinen Vater nach seinem Tod vor einigen Jahren.

In der Werft.

Detail.

Eine alte Klappbrücke aus Eisen.

Den Nachmittag und Abend verbracht ich in der sehenswerten Innenstadt Sneeks. Das wechselhafte Wetter Frieslands gewährte spektakuläre Lichtverhältnisse, und ein Regenbogen zierte die Waterpoort, dem Wahrzeichen Sneeks.

Die Waterpoort.

Ganz wie selbstverständlich ließ mich Henk für die Nacht bei seiner Familie übernachten. Es war ein anstrengender Tag gewesen. Dankbar sagte ich zu.
Am nächsten Morgen war die Werftfamilie schon früh auf den Beinen. Als der Letzte setzte ich mich an den Frühstückstisch, wo es lecker Kaffee mit dem weichen, niederländischem Brot gab.

Abschiedsfoto mit dem Werftmeister Henk.

Von Sneek aus fuhr ich zunächst in den nicht weit entfernten gelegenen ersten Wohnort meiner Familie in den Niederlanden. Das Wetter war strahlend schön, und ich fuhr durch satte, grüne Wiesen, auf denen Rotbuntvieh und die schwarz glänzenden Friesenpferde standen. Bussarde hockten auf Zaunpfählen. Nach einigen Kilometern erreichte ich den Ort. In Hinblick auf die Radreise hatte dieses Dorf eine gewisse Bedeutung, denn dort hatte ich Radfahren gelernt.

Auf diesem Weg hatte ich als kleiner Junge Radfahren gelernt.

Von hier fuhr ich quer rauf bis Kollum, dem Ort, wo ich die meisten Jahre meiner Kindheit in den Niederlanden verbracht hatte. Mittags machte ich Rast in dem kleinen Ort Burgum, wo ein Mann von an die siebzig Jahre sich mit mir von seiner Gartenarbeit bei einem Jugendheim hinsetzte. Während ich aß, rauchte er eine Zigarette und erzählte mir, weshalb er es vorziehe in seinem Alter noch freiwillig zu arbeiten, anstatt sich auf seiner kleinen Rente auszuruhen. Er mochte es einfach, unter den Leuten zu sein. Er war sein ganzes Leben lang den Bauern der Gegend als Gehilfe nützlich gewesen, also war er froh, auch jetzt Menschen von Nutzen sein zu können. Wo ich da so draußen saß, schaute plötzlich ein Kopf aus der Tür – ob ich denn einen Kaffee wolle? Da sage bitte nochmal einer, dass die Niederländer nicht gastlich seien!

Friesland, der Himmel für Kühe.

Bis Kollum war es von dort aus nicht mehr weit. Einige Kilometer vor dem Dorf fing ich an, Ecken meiner Kindheit wieder zu erkennen. Bald schon fielen mir zu jeder Ecke des Dorfs Geschichten ein, die ich dort erlebt hatte. Hatte ich auch meine Jugend in Deutschland verbracht, die war definitiv die Heimat meiner Kindheit.

Wiedersehen mit alten Freunden.

In Kollum beherbergten mich ehemalige Nachbarn, mit denen meine Familie immer noch ein inniges Verhältnis pflegt. Die Freude des Wiedersehens war groß. Da der Termin meiner Ankunft zu Hause bei meinen Eltern auf den zwanzigsten festgelegt war, würde ich drei Tag in dem Ort bleiben. Genügend Zeit alte Freunde wieder zu sehen und eine kleine Radtour zu machen, um zu schauen ob auch in der Gegend noch alles beim Rechten ist. Es waren drei schöne Tage, die ich wirklich genossen habe.
Am dritten Tag kam mich Simon, ein alter, guter Freund aus meiner Gymnasialzeit mich von dem Ort aus abholen. Er hatte sich früh morgens in einen Zug gesetzt, und war mir entgegen gefahren. Ich holte ihn vom Bahnhof ab, und nach einem Kaffee bei meinen Freunden fuhren wir los, um die letzten Kilometer heim zu reißen.

Abfahrbereit für die letzten Kilometer.

Simon staunte nicht schlecht über die gute Qualität der Radwege in den Niederlanden. Gerade in Groningen gibt es Straßen, wo die Radler einen genau so breiten Teil der Straße beanspruchen dürfen wie die Autofahrer. Man hat hier verstanden, dass das Fahrradfahren Spaß machen muss, um die Menschen zum Radfahren zu bewegen. Die positiven Auswirkungen einer radelnden Bevölkerung sind schon jetzt zu sehen. Die Menschen sind fitter, die Straßen sicherer, die Städte sauberer und die Gesundheitskassen in Zukunft entlasteter als ihren Entsprechungen in Deutschland, das in vielem den Niederländern mal wieder hinterher hinkt.
Östlich von Groningen schloss sich das Groninger Land an. Ein Land weiter Horizonte und vereinzelt stehende, alte Gutshöfe, die zu dem Land gehören. Menschen wohnen hier nicht mehr viele. Gegen Abend planten wir irgendwo im deutsch-niederländischen Grenzgebiet zu zelten.

Industrie vor Delfzijl.

In der Hafenstadt Delfzijl wurden ein letztes Mal die Wasservorräte aufgestockt, bevor wir uns ein ruhiges Örtchen unterm Deich aussuchten. Beobachtet wurden wir nur von einer Herde Schafe, die auf dem Deich grasten.
Es war ein toller, letzter Radeltag gewesen, erst recht in Begleitung von meinem alten Freund. Wir hatten uns viel zu erzählen. Unsere Themen ergänzen sich immer ganz hervorragend. Den Tag ließen wir mit einem überreichlichen Essen und einem Bier bei einem Sonnenuntergang auf dem Deich ausklingen. Könnte es schöner sein?
Gegen Zehn Uhr abends kam der Pächter des Landstücks vorbei, wo wir campten. Er wollte die Zäune und Tore überprüfen. Als er uns sah war er ganz locker, und meinte, dass wir nicht die ersten seien, die hier übernachteten. Wenn wir ruhig seien und keinen Müll hinterließen, sei es für ihn kein Problem. Nun entsprach das sowieso unserem Plan, und so fuhr er schon bald wieder davon.
Schlussendlich war er da, der letzte Tag. Das Wetter war ein bisschen grau, und der Wind wollte uns auch nicht so richtig nach Deutschland wehen. Die Kilometer zur Grenze verliefen schleppend, und ab Deutschland begrüßte uns erst einmal ein holpriger Radweg.
Im Grenzort Bunde machten wir erst einmal Pause, um uns bei einem Kaffee und einem lang ersehnten Stück deutschen Kuchen etwas zu erholen. Zeitgleich mit uns beiden kam ein gut dreißigjähriger Typ ebenfalls mit dem Fahrrad an. Er hatte einen Försterhut auf, und etwa zwanzig Kugelschreiber in seiner Brusttasche. Schon bei der Bestellung seines Kaffees war uns beiden klar, dass bei ihm etwas nicht ganz normal war. Ihm kamen immer wieder neue Einfälle und Assoziationen, die das ganze Prozedere des Kaffeebestellens sehr in die Länge zogen. Als er seinen Kaffee hatte, setzte er sich zu uns. Es entfaltete sich ein witziges Gespräch, bei dem ich feststellte, dass er nicht einfach verrückt war, sondern spontan assoziierte. Er sprang von einem Wort zum anderen, verband dabei Gedanken und Erinnerungen seinerseits, was die ganze Sache für andere nicht leicht zu verstehen machte. Mehrfach behauptete er, dass er „das älteste Wesen der Welt“ sei. Eine Schraube saß definitiv locker, dumm war er jedoch nicht: Das bewiesen immer wieder Referenzen zu Büchern, die er gelesen hatte. Mit seiner Telefonnummer und einer kleinen Zeichnung in der Tasche verließen wir ihn, und machten uns an die letzten paar Kilometer nach Timmel.
In Simons Elternhaus machten wir eine letzte Rast bei Brötchen und Kuchen. Die Tatsache, dass wir beide vor Schweiß stark rochen, schien die Familie nicht weiter zu stören. Den leckeren Ostfriesentee ließ ich mir gut schmecken. Von dort an begleiteten mich meine Geschwister auf dem Fahrrad die letzten paar Kilometer zum Wohnort meiner Eltern. Sie wieder zu sehen war sehr schön. Passend dazu kam auch jetzt die Sonne heraus. An der Brücke zum Dorfeingang standen bereits die ersten, um mich zu begrüßen. Zu Hause hatte meine Mutter einen kleinen Empfang vorbereitet. Einige Menschen und Freunde waren extra für mich gekommen, um mich zu begrüßen. Das hat mich sehr gefreut. Dafür noch einmal vielen Dank.

Wieder in der Reihe mit den Geschwistern.

Es sollte noch ein schöner Nachmittag werden, an dem ich vor lauter Begrüßen, Erzählen und Zuhören nicht einmal dazu kam, mich zu duschen. Mir ist dieser Tag als unvergesslich in Erinnerung. Und damit war ich zurück, zurück im Schoß der Familie.

Ein freudiger Empfang.

Umringt von Mutter und Freunden.

Abschiedsfoto mit dem Radelpartner.

Das Projekt „What is a Surface“ hat damit einen vorläufigen Abschluss gefunden. Ich danke allen Lesern für ihr Interesse und hoffe, dass das Lesen Spaß gemacht hat. Vielleicht habe ich den einen oder anderen dafür motivieren können, auch einmal durch eine Reise die Vorhänge herkömmlichen Denkens beiseite zu schieben. Fest steht für mich jedoch bereits jetzt, dass es nicht die letzte Reise dieser Art sein wird.
Was in Zukunft mit dieser Webseite geschehen wird, ist noch nicht ganz klar. Grob plane ich, sie in eine größere Plattform mit einzubinden, um ihr Konzept nicht zu verwässern. Es werden Erfahrungsberichte zu der genutzten Ausrüstung, sowie einige Radreiseberichte von kleineren Touren folgen. Der Name der nächsten Webseite wird bekannt gegeben, wenn sie bereit steht.

Es verbleibt mit schönen Grüßen,
euer Johannes Bondzio

Auf der Zielgeraden – von Goa nach Mumbai

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Jun 142012
 

Da die Zugtickets von Goa nach Mumbai ausverkauft waren, fuhr ich als die letzten Kilometer rauf mit dem Fahrrad. Nach dem Abschiedsfoto der lieben Hotelbetreuerin fuhr ich los. Das Fahren durch die Palmenwälder Goas war richtig schön. Die Strecke war flach, die Temperaturen im Schatten moderat, und die Straßen hier in der Gegend sind richtig gut asphaltiert. In Panjim aß ich bei einem guten Restaurant zu Mittag, das Julia und Sina bei unserem ersten Besuch bereits entdeckt hatten. Ab da fuhr ich weiter über den National Highway nach Norden.
Der Verkehr auf dem Highway war für Indische Verhältnisse recht ruhig. Die Strecke führte über viele Hügel und moderate Steigungen. Die Nacht verbrachte ich in einem Palmenhain. Meine Klamotten und mich konnte ich in einem kleinen, brackigen Fluß waschen. Beim Abendbrot beobachtete ich dutzende Flughunde, die in der Abenddämmerung zum Beutefang ausflogen. Das war Indien von seiner schönen Seite.

Ein gezwungenes Lächeln früh morgens im Palmenhain.

Am nächsten Tag kam ich bald an eine Stelle, an der vom Highway eine kleine Straße Richtung Küste abbiegt. Im Gedanken an die tolle Fahrt entlang der Küste Goas war ich froh wieder auf kleinere Straßen an der Küste auszuweichen. So stellte ich mir das jedenfalls vor.
Schon nach dem ersten steilen Abstieg in ein Flußtal wurde mir bewusst, dass dies ein Fehler gewesen war. Hatte sich der Highway noch so ziemlich auf einer Hochebene befunden, befand ich mich ab jetzt mitten in den Ausläufern des Küstengebirges zum Meer hin. Damit ging es auf und ab und immer wieder auf und ab. Umkehren mochte ich jedoch nicht. In der Hoffnung, doch noch ein flaches Stück mehr Richtung Küste zu finden, fuhr ich weiter. Es wurde aber nicht besser, eher schlimmer. Ständig ging es hundert Meter steil hinauf, und dann wieder herunter. Eintönig, anstrengend und auf Dauer zermürbend. Die Mofas und Motorräder um mich herum plagte das offenbar nicht. Als Radler kam man jedoch aus dem Schwitzen nicht mehr raus.

Eine Mangoplantage.

Gegen Mittag kam ich ziemlich fertig in ein kleines Lokal. Ich war sehr hungrig, und die Bedienung irgendwie schwer von Begriff. Ich aß eine Menge um die nötige Energie für den Nachmittag zu haben. Ganz beruhigen über die Fahrt bisher konnte ich mich nicht.
Die anschließende Fahrt aus dem Tal heraus, in dem das Dorf lag, war anstrengender als alle anderen zuvor. Ob das wohl an dem vollen Magen lag? Oben jedenfalls war ich so sauer auf mich und dieses unverschämte Geländeprofil, dass ich mich am Straßenrand auf ein paar Steine setzen musste. Dort erlitt ich zum ersten Mal auf meiner Reise so etwas wie einen nervlichen Zusammenbruch: Die Kontrolle über mich und meine Gefühle ging mir in den zehn Minuten, die es dauerte, völlig abhanden. Ich heulte Rotz und Wasser, und schrie meinen Frust über dieses Land und alles was mir nicht an ihm gefiel hier an der Küste heraus. Nur langsam wollte es mir dämmern, dass ich mir es so ausgesucht und ich mich nicht zu beschweren hatte. So, indem ich mir immer wieder diese Worte wiederholte, fuhr es sich anschließend wesentlich ruhiger, auch wenn die Hügel nicht weniger erbarmungslos wurden.
Am dritten Tag erreichte ich Ratnagiri, einer kleinen Küstenstadt so ziemlich auf der Mitte zwischen Goa und Mumbai. Es war daher Halbzeit und sowieso Zeit für einen Ruhetag.

Fischerboote im Meeresarm vor Ratnagiri.

Nach einer Nacht campen am Strand stellte sich heraus, dass der erste Mai wie in Deutschland ein Feiertag im Bundesstaat Mararashtra ist. Damit waren sämtliche Zimmer in der Stadt belegt. Keine Chance eines zu ergattern. Bei bestimmt zehn verschiedenen Guesthouses habe ich angefragt. Dabei wollte ich im Grunde nur meine vollgeschwitzten Sachen waschen. Aber auch nur das war bei keinem möglich.
Irgendwann ging ich einem weiteren Hinweis nach, wo es noch ein freies Zimmer geben könnte. Ohne mehr auf ein Zimmer zu bestehen fragte ich beim nächsten Haus bloß, ob ich bei ihnen meine Sachen waschen könne. Zu meiner Überraschung erlaubte der Mann es mir, und machte überhaupt einen sehr freundlichen, wenn auch etwas verdutzten Eindruck. Als er mich durch das Haus nach hinten zur Waschecke führte bemerkte ich erschreckt, dass es sich bei diesem Haus gar nicht um ein Hotel handelte, sondern um ein richtiges Wohnhaus. Ich hatte mich offenbar in der Adresse geirrt. Meine Überraschung teilte ich dem Hausbewohner mit, der mir lächelnd zu verstehen gab, dass das schon in Ordnung sei. Ob ich noch etwas zum Waschen brauche? Nein, dazu hatte ich alles da.
Als meine Sachen gewaschen, und im Hof zum Trocknen aufgehängt waren, lud mich der freundliche Mann zu einem Tee im Wohnzimmer ein. Es entfaltete sich ein überraschend gutes Gespräch zwischen uns beiden, denn der gute Mann sprach gutes Englisch. Wir begannen nach den Formalitäten, woher man komme und gehe, über die Länder zu sprechen, sowie den Ideen, die Fremde mit ihnen verknüpfen. Über Indien wollte mir zunächst gar nichts einfallen, da mir die merkwürdige Art zu eigen ist, sämtliche Vorurteile und Bilder über ein Land zu vergessen, sobald ich es betrete. Das Bild von Deutschland war meinem Indischen Freund jedoch sehr klar. Es hieß: Adolf Hitler. Keine Autos? Ja auch, aber vor allem Hitler. Und so kamen wir zu Ideen, deren Motivation und ihre Tragweite. Gerade im Länderpaar Indien – Deutschland gibt es mit Mahatma Gandhi und Hitler zwei Verkörperungen von Ideen, die gegensätzlicher kaum sein könnten. Lag Hitlers Ideologie begründet in Hass und Verblendung, führte Gandhis Weg über Aufrichtigkeit und Liebe. Wir kamen zum Schluss, dass Ideen begründet in Frieden und Liebe diejenigen mit langfristig mehr Tragweite sind. Ideologien, die auf Hass und Wut basieren können langfristig keine Menschen inspirieren, da Wut und Hass ein Ziel benötigen, sich Umstände jedoch ändern. Mir kamen meine Erlebnisse der letzten Monate in den Sinn. Momente der Hilfsbereitschaft, der Erfahrungen, der Freiheit, die ich meinem Freund mitteilte.
So wurde aus dem anfänglichen Wäschewaschen eine tiefe Unterhaltung, die mich noch den ganzen Tag beschäftigen sollte.
Nachdem ich tags zuvor noch einmal alles heraus geschrien hatte, war mein Kopf auf wunderbare Weise klar. Nachmittags saß ich am Strand, als ich die Gedanken des Vormittags in meinem Tagebuch festhielt. Nachdem ich diese Thesen niedergeschrieben hatte, kam mir der Gedanke nach den persönlichen Konsequenzen, die ich hieraus für mich ziehen werden müsste. Ich schrieb eine ganze Menge. Das ist meine Art meine Gedanken zu sortieren. Am Ende standen für mich einige Konsequenzen fest. Aufrichtigkeit, Hilfsbereitschaft, Gegenliebe waren für mich nicht mehr leere Worthülsen. Sie waren mir auf dieser Reise reichlich vergönnt gewesen und sollen von nun an mein Handeln bestimmen, um, im Glauben an die Tragweite meiner individuellen Handlung, einen kleinen Beitrag zu einer besseren Welt zu leisten. Ausgelutschte Worthülsen? Ja, solange man nicht weiß, wie für einen eine bessere Welt auszusehen hat, und man die Handlungsweisen nicht kennt, die einen dahin bringen. Für mich stand jedoch von da an fest, dass eine bessere Welt diejenige ist, wo Menschen aufrichtig mit einander umgehen. Helfen, da man sich damit selbst hilft, aber auch einmal „kein Bock“ sagen dürfen. Aufrichtigkeit eben. Dies möge von nun an mein Handeln bestimmen.

Bescheidenheit überkommt einen angesichts der Größe der Welt.

Beseelt von diesen Gedanken, und dem Wissen meinem Sinn des Lebens ein Stück näher gekommen zu sein, fuhr ich Tags darauf weiter. Diesmal jedoch über den kurzen Zubringer wieder auf den National Highway. Die Küste hatte ich gefressen. Es fuhr sich auch gleich viel leichter.

Die Kinder der Raststätte für den Mittag.

Sie liebten es von mir hochgehoben zu werden.

Kurz vor dem Abendstopp wurde ich von einem sehr freundlichen jungen Melonenverkäufer zu ein Stück Melone auf der Straße eingeladen. Die Melone holte er unter einem Fliegennetz hervor, schnitt ein Stück heraus, und bestreute es mit Salz, bevor er es mir reichte. Bei der Melone kam die Frage, wo ich die Nacht verbringe und ob ich nicht die Nacht bei ihnen schlafen wolle. Überrumpelt, aber nicht überrascht, willigte ich ein.

Der Melonenverkäufer, er hieß Ramesh, stellte sich als PhD-Student der Geschichte heraus.

Er studierte an der University of Mumbai, und verdiente für seine Eltern etwas Geld als Melonenverkäufer. Er war sehr nett und gesprächig, und seine Mutter war goldig. Man gab mir eine Reismahlzeit, und der Mutter freute es sehr, dass es mir so gut schmeckte. Ständig steckte sie ihren Kopf durch den Türrahmen um zu sehen ob es mir auch gut gehe. Geschlafen wurde dann aber nicht in dem Haus. Das war dafür zu klein. Selbst auf dem Fußboden hätte ich keinen Platz gehabt. Draußen vor dem Haus gab es eine Gottesstatue an der Straße. Davor wurden kurzerhand zwei Matten ausgerollt, auf der wir dann schliefen. Ein Leben auf der Straße, ich hatte mich schon fast daran gewöhnt.

Ramesh' kleiner Cousin.

Eine Gasflasche im Lokal wo ich frühstückte.

An diesem Tag sollte noch ein für mich denkwürdiges Ereignis stattfinden. Am Vormittag, in einer Steigung, knackte ich die zehntausend Kilometer-Marke dieser Tour. So wie ich auf sie zuradelte, kam es mir nicht so wichtig vor. Es sei nur eine Zahl, erzählte ich mir. Aber im Moment, wo dann da tatsächlich eine fünfzahlige Zahl auf dem Tacho steht, jubelt man schon. Man lernt auch alles raus zu lassen.

Das Beweisfoto.

Das Siegerfoto, mit nur scheinbar coolem Johannes.

Der letzte große Anstieg der Tour.

Der Brunnen war ausgelaufen.

Jetzt aber zu Mumbai. Delhi mag die Hauptstadt Indiens sein, alle sind sich jedoch einig, dass Mumbai dessen Herz ist. In aller Hinsicht: kulturell, wirtschaftlich und sozial. In dieser Stadt, dessen Stadtgebiet zum großen Teil dem Meer abgetrotzt wurde, leben knapp zwanzig Millionen Menschen. Fünfundfünzig Prozent von ihnen, sprich gut zehn Millionen hausen in Slums, und können so zum Beispiel ihre Arbeit zu Fuß erreichen. Die Stadt beherbergt den größten Slum Asiens mit allein einer Million Menschen nur in diesem Stadtteil. All diese Menschen führen einen täglichen Kampf um ihre Versorgung sicher zu stellen. In diesem Gedränge findet jeder seinen Weg, und so gilt das Gesetz der Straße mehr als das auf dem Papier. Die organisierte Kriminalität scheint nach wie vor ein großes Geschäft zu sein. Korruption blüht. Aufgrund der großen Bevölkerungsdichte sind die Straßen fast immer vom Verkehr verstopft. Luft- und Umweltverschmutzung sind ein alltägliches Problem. Wer einen Eindruck über die Vielfalt dieser Stadt aus erster Hand lesen möchte, dem empfehle ich das Buch ‘Shantaram’ von G.D. Roberts.
Um mir den Verkehr zu ersparen fuhr ich mit dem Zug nach Mumbai rein. Um so überraschter war ich, als ich CST, den Hauptbahnhof Mumbais, mit dem Rad verließ und morgens um Neun auf ruhige, fast leere Straßen traf. Ich hatte vergessen, dass es Sonntag war, und an einem Sonntagmorgen kommt sogar eine Megacity wie Mumbai in bestimmten Gebieten zu Ruhe. Überhaupt war ich sofort angetan von dieser Stadt. Hier gab es Kolonialgeschichte zu anfassen. Es wäre, als wenn man einen klassischen Teil Londons nach Indien verfrachtet hätte, und den Zahn der Zeit daran hätte nagen lassen. Der CST glich einer Englischen Kathedrale. Sie waren fantastisch anzusehen, all diese Bauten im Europäischen Stil, z.T. überwuchert von Ranken und authentisch alt.

Ein Wasserverkäufer.

In einem Fremdenführer hatte ich nachgelesen, dass die Gegend um Colaba die am touristisch erschlossenste ist. Dort gäbe es auch die günstigeren Hostels, obwohl Mumbai hier zu den teuersten Städten Indiens gehört.
Einem ersten Hinweis folgend, checkte an dem Morgen in ein recht teures ein, da alle günstigen Zimmer vergeben waren. Auf dem Weg dort hin hatte ich bereits verschiedene Male freundlichen Blickkontakt mit einem Typen gehabt. Er trug ein grünes Kopftuch und sah so gar nicht wie ein Inder aus.
Beim Einchecken fragte ich den Rezeptionisten, ob ich mein Fahrrad irgendwo hier unterstellen könne. Das sei nicht möglich sagte er mir. Auch der Hinweis, dass es auf den Straßen für mein Rad nicht sicher sei, stieß auf taube Ohren. So blieb mir nichts anderes übrig, als das Rad erst einmal den Tag draußen an ein stabiles Eisengestell zu schließen.
Als die Sachen oben im Hotel waren, ging ich wieder raus auf die Straße. Sofort traf ich wieder den Typen mit dem grünen Kopftuch. Diesmal sprachen wir uns an. Er hieß Michael, und er sah vom Gesicht her eher wie ein Südeuropäer als ein Inder aus. Er kam aber aus Goa, und was er genau in Mumbai machte, konnte ich nicht herausfinden. Er liebe jedoch ‘drinking and smoking’. Ziemlich schnell stellte es sich heraus, dass er ein bekannter Name hier auf den Straßen war, der viele Connections hatte. Ich vermutete daher, dass er durch das Zusammenbringen von Touristen mit Geld und Indern über kleine Provisionen sein Auskommen machte. Sein Vertrauen erweckendes nicht-indisches Aussehen half ihm dabei sicher sehr.

Ein Straßenverkäufer verkauft Gummibänder auf dem Bordstein.

Michael und ich wir begegneten uns noch einige Male diesen Tag, während ich mich ein bisschen dort am südlichsten Zipfel Mumbais umsah. Als erstes führte er mich in ein wesentlich günstigeres Hotel, wo ich nur die Hälfte des Preises meines jetzigen Hotels zu zahlen hatte. Mit einer Voranzahlung reservierte ich mir einen Raum für die nächsten Nächte und war mit etwa acht Euro für ein hellhöriges Einzelkabuff sehr gut dabei. Regelmäßig ging ich runter um zu checken, ob mein Fahrrad noch an Ort und Stelle stand. Wie bitter wäre es gewesen, wenn das Rad jetzt in der letzten Woche gestohlen worden wäre. Michael riet mir das Rad irgendwie mit rein zu nehmen, denn auf den Straßen Mumbais sei es nicht safe. Als ich nachmittags noch einmal runterging stand plötzlich der Besitzer des Ladens, vor dem das Rad stand, vor mir, der mir klipp und klar sagte, dass, wenn ich es nicht woanders hinstelle, er die Polizei rufen würde. Da es keine andere sichere Stelle in der Gegend gab, fuhr ich es eine Weile durch die Gegend, nahm es in der Abenddämmerung mit die Treppen hinauf, und schloss es dreist an das Gitter gegenüber der Tür meines Hotels an. Keiner sagte etwas, und dann war ich wieder verschwunden. Auch abends sagte mir keiner mehr etwas, und damit war die Lösung wohl akzeptiert. So überstand mein Rad die erste Nacht.

Diese Krähe stand wie ich vor einem Meer aus Energie in dieser Stadt.

Die Tage in Mumbai vergingen langsam, aber ich genoss es. Diese Stadt steht für den kulminierten Wahnsinn Indiens im guten und schlechten Sinn, und ich hatte das Gefühl mitten drin zu sein. Ein riesiges Karussell aus Farben, Geräuschen und Gerüchen. Eines Tages wollte ich beispielsweise einen Fahrradkarton zum Rücktransport meines Fahrrads im Flugzeug besorgen. Im Internet hatte ich mir ein paar Adressen herausgeschaut. Die Läden lagen etwa vier Kilometer Luftlinie von mir entfernt. Nur mit Stadtplan und Kompass gewappnet fuhr ich zuversichtlich los in die Richtung. Schon bald jedoch verlor ich mich total in dem Straßenwirrwarr und, viel schlimmer, dem zähen Brei aus Menschen, Tieren, Autos, und Ständen, in dem ein paar Polizisten mit Atemmasken hoffnungslos versuchen einen halbwegs geregelten Fluss herzustellen. An Radeln war nicht zu denken, und auch zu Fuß stellte sich mein Rad als einen richtigen Klotz am Bein heraus. Mayhem on the streets, aber total. Kurz blitzte in mir der Gedanke, dass dies nur die Straße sei, und ich nicht ahnen könnte, was noch alles hinter diesen alten Fassaden vor sich ginge.

Straßengrün.

Ich war fasziniert von der Stadt. Sie bildete ein gelungener Schlusspunkt dieser verrückten Reise und deshalb wollte ich sie irgendwie fotografisch festhalten. Nur wie? Wie porträtiert man so etwas großes, undefiniertes, verrücktes wie Mumbai? Ich wusste es nicht, schnappte mir jedoch meine Kamera und ging einfach mal hinaus auf die Straße. Nach einiger Zeit und Schnappschüssen, die mir nicht gefielen, fiel mir auf, wie viele Tiere es außer den Menschen noch hier auf den Straßen gab. Neben dem Porträtieren von Menschen erweiterte ich jetzt also mein Subjekt: Das Tier in der Megacity. Der Megacity Mumbai, wohlgemerkt.
Die obigen und folgenden Bilder sind bei meinen zwei Ausflügen entstanden, wobei die Bilder der ersten Reihe meist unbrauchbar waren aufgrund einer Verschmutzung meiner Linse, die ich aber zu spät bemerkt hatte.

Indogermanische Symbolik.

Die Straßenlaterne schaut wie eine Madonna aus den staubigen Planen hervor.

Die grünen Straßen Mumbais.

Jungs an der Uferpromenade.

Frau im abfahrbereiten Bus.

Kutschenpferd mit wundgescheuerten Knien vom Liegen auf dem Asphalt.

Im Fischerviertel Colabas.

Man beachtete mich fast nicht.

Der Fang war bereits am Morgen eingeholt worden. Am Nachmittag spielen die Fischer Karten.

Ein Hund auf der Straße, aber kein Straßenhund.

Bingo auf offener Straße. Die da so schreit verkündet die Nummern.

Kinder der Fischerfamilien.

Ein stolzer Junge, der seine Scheu überwand, damit ich von ihm ein Foto mache.

Hühner.

Cricket wird immer noch überall gespielt. Auch wenn der Ball immer wieder ins Hafenbecken plumpst.

Ein echter Straßenhund.

Charme der Unschuld.

Ein weißes Kätzchen spielt mit Pappe.

Am Tag vor meiner Abreise kamen Julia und Sina mit dem Ex-Freund Ben der Julia in Mumbai an. Ich traf die drei vor dem Gate to India und führte sie zu meinem Hotel, wo ich bereits zwei Zimmer für die beiden reserviert hatte. Als die drei sich von der langen Zugreise hierher ein wenig erholt hatten, gingen wir raus und ich zeigte ihnen ein wenig die Gegend. An der Uferpromenade trafen wir uns mit Michael und – ganz Michael – gingen wir danach einige Bier trinken. Es wurde noch ein lustiger Abend.

Michael spricht kein Französisch, und Ben kein Englisch. Trotzdem unterhielten sie sich.

Da funkte es wieder.

Heiß war es nach wie vor, auch mit kühlem Bier.

Die drei waren kurz nach ihrer Ankunft von einem Scout Bollywoods angesprochen worden, und würden am nächsten Tag eine Statistenrolle in einem Bollywoodfilm übernehmen. Sie mussten also früh raus. So hatte ich den letzten Tag für mich, und konnte in aller Ruhe meine Sachen vorbereiten. Ich ging noch einmal etwas mit Michael essen, der mir in den paar Tagen auf verrückter Weise zu einem loyalen und guten Freund geworden war. Er führte mich zum sehr guten Chhatrapati Shivaji Maharaj Vastu Sangrahalaya Museum. Ja, die Namen sind hier alle so lang.

In dem Museum waren zahllose Perlen Indischer Hochkultur versammelt. Ich war überrascht so viele schöne Dinge hier zu finden.

Dann packte ich meine Sachen, band den Fahrradkarton an meinen Lenker und fuhr mit dem Rad zum Hauptbahnhof CST, um von dort aus mit der Metro zum Flughafen zu fahren.
So jedenfalls lautete der Plan. Am Bahnhof wurde ich darauf hingewiesen, dass ich es mit dem Rad und dem Karton unmöglich in den Zug schaffen würde. Es sei schon schwierig genug überhaupt so einen Stehplatz im Zug zu bekommen. Mit so etwas Sperrigem wie meinem Gefährt sei daran gar nicht zu denken.
Tja, da stand ich mal wieder und musste meine Pläne ändern. Es blieb mir wohl nichts anderes übrig als mit dem Fahrrad die dreißig Kilometer durch die Stadt zum Flughafen zu radeln. Meinen Stadtplan hatte ich dummerweise den Mädels vermacht, mit dem konnte ich mich also nicht mehr orientieren. Ich würde mich also durchfragen müssen. Zum Glück war ich eine Stunde früher als geplant losgefahren.

Es dämmerte bereits, und schon bald wurde es dunkel.

Es sollte mein letztes Abenteuer dieser Tour hier in Indien werden. Zweieinhalb Stunden lang fuhr ich über Hauptverkehrsstraßen und Autobahnen immer gen Norden. Die Straßen waren verstopft vom vielen Autoverkehr, an dem ich jedoch mich problemlos mit dem Rad vorbeischlängeln konnte. Außerdem konnte ich im Stau immer wieder anhalten und Rikshafahrer nach dem Weg fragen. Der Weg war zum Glück letztlich nicht so kompliziert. Es war jedoch trotzdem eine beeindruckende Fahrt, da ich hautnah an vielen Slums vorbei kam. Manche dieser Hütten, die oft nur aus ein paar Ästen und einer Plastikfolie bestanden, waren sogar bis auf den Seitenstreifen der Autobahn gebaut worden. Nur eine Schicht Plastik trennte die Bewohner dort vom Lärm und Gestank der Autobahn. Unvorstellbar? Nur aus unserer Sicht.
Der Flughafen Mumbais glich einer Festung aufgrund der immer wieder stattfindenden Anschläge in dieser Stadt. Bevor man ihn betreten kann passiert man mehrere Sicherheitskontrollen des Militärs. Und so baute ich mein Rad unter den Augen der Wachhabenden aus einander und packte es in den Karton. Keine zwei Stunden später saß ich im Flieger und flog in zehn Stunden Flugzeit die Strecke zurück, für die ich auf dem Rad acht Monate gebraucht hatte.

Von der abschließenden Tour durch meine alte Heimat nach Hause handelt der nächste Post.
Bis dahin alles Gute,
euer Johannes Bondzio

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