Apr 132012
 

Jeder, der mal Indien bereist hat, berichtet von dem Kulturschock, den der erste Kontakt mit diesem Subkontinent mit sich bringt. Nun, ich nehme es schon einmal vorweg: Auch ich reihe mich nahtlos in diese Gruppe ein.

Den ersten Schock erlebte ich bereits im Flieger, und zwar beim Landeanflug.

Gegen Ende des vierstündigen Fluges von Muscat aus stießen wir durch die Wolken. Der Blick öffnete sich auf eine wunderschöne Landschaft mit Seen und Kanälen, die im roten Licht der Abendsonne glitzerten. Als wir der Erde näher kamen, konnte ich erst Häuser, dann Autos, dann sogar Menschen erkennen. Es wurden immer mehr Menschen, die Häuser standen immer dichter: Die Einflugschneise des Flughafens Chennai führt genau über eine große Siedlung hinweg. Irgendwann scherten wir, d.h. die Boeing 737, in keinen 20 Metern Höhe über den Dächern hinweg. Das muss auf dem Boden ein ohrenbetäubender Lärm gewesen sein. Was für ein Mensch kann diesen Lärm auf Dauer ertragen? Die Antwort sollte ich schon bald herausfinden.
Noch Kopfschüttelnd stand ich am Gepäckband und holte meine Sachen ab. Mein Fahrrad hatte die Reise zum Glück unbeschadet überstanden. Als ich es nach zwei Stunden wieder zusammen gebaut hatte, war es bereits dunkel. Ich schob das Gefährt durch die Tür des Flughafens und stand draußen, da in Indien.
Die Abendluft war immer noch schwülwarm. Es strömten die Menschen vorbei. Schilder zur Orientierung gab es keine. Der Lärm der Hauptverkehrsstraße, das große Hupkonzert, war jedoch unüberhörbar. Ein bisschen verloren stand ich da. Wo sollte ich hin? Etwa da, in diesen Verkehr rein?
Aber was sollte es? Am Flughafen bleiben konnte ich nicht. Ein Mann wies mir die Richtung. Bis zur Innenstadt waren es 20 Kilometer. Angesichts des Verkehrs wurde mir Angst und Bange. Ich sagte ein Stoßgebet und fuhr los.
Der Verkehr in Indien ist aufgebaut wie eine Nahrungskette. Je größer und schwerer du bist, desto mehr Wegerecht hast du. Dann kommen zunächst die Tata-Trucks und Busse, denen immer Vorfahrt zu gewähren ist (außer du bist eine Kuh). Sie haben auch die lautesten Hupen. Und ich meine richtig laut. Es klingeln einem die Ohren danach. Dann kommen Autos, dreirädrige Motorrikshas, Motorräder und Mopeds, in der Reihenfolge. Erst dann irgendwann kommst du, der Radler. Und unter dir befinden sich nur noch Fußgänger, Krüppel, Blinde und Hunde, Hühner, und was sich sonst noch auf die Straße verirrt. Man muss einfach immer tierisch aufpassen. Indien führt nicht umsonst die Statistik an Verkehrstoten weltweit an.
Ich hielt mich eine ganze Weile an einen zweiten Radler. Der war zwar langsam, aber von ihm konnte ich mir schon einmal ein paar Tricks abgucken. Wo er fuhr, konnte ich meist auch fahren. Dann bog er ab, und ich war auf mich allein gestellt. Aber es lief dann aber am Ende doch besser als gedacht. Die Menschen staunten über diesen komischen, schwer bepackten Radler, und dies verhalf mir ein paar Mal zu einer Vorfahrt an kritischen Verkehrskreuzungen und Auffahrten.
Das nächste Problem, dem sich noch spät an diesem Abend zu stellen war, war das Finden eines freien Hotelzimmers. Zunächst musste ich lernen, dass Hotels ‘Guesthouse’ heißen, und dass man dort, wo ‘Hotel’ dran steht, nur Essen bekommt.
Viele Guesthouses waren belegt, denn auch wenn Chennai kein touristischer Hotspot ist, nutzen viele Inder selber die Guesthouses um für eine temporäre Arbeit in einer Stadt eine Bleibe zu haben.
Ich war sehr müde vom Flug und der anstrengenden Fahrt in die Stadt. Ich hätte jedes Zimmer genommen. Als das dritte Guesthouse mir ein teures Doppelzimmer als einzig freies anbot, sagte ich zu.
Erschöpft und lächelnd lag ich unter dem Ventilator auf meinem Bett und versuchte die Eindrücke der letzten paar Stunden einzuordnen. Es wollte nicht richtig gelingen. Es waren zu viele. Noch während ich da lag, übermannte mich der Schlaf.
Am nächsten Morgen weckte mich früh das Hupkonzert des Verkehrs. Ich wusste nicht, ob es die Nacht überhaupt aufgehört hatte. Nach dem Frühstück, bestehend aus dem restlichen Proviant aus dem Oman, machte ich mir einen Plan für den Tag. Es war sehr verlockend, einfach unter dem Ventilator vor dem Fernseher auszuharren, aber ich wusste, dass ich mich so nie auf Indien einlassen könnte. Ich musste mich irgendwie akklimatisieren, und ein paar Sachen wollten auch erledigt werden.
So verließ ich am späten Morgen zögernd das Hotel. Ich wusste nicht, was mich nun am Tage zu erwarten hatte.
Zunächst lief ich nur der Hauptstraße entlang. In der Sonne wurde mir schon bald heiß. Nach einigen Metern bog ich also in eine Seitenstraße ein. Irgendwo an einer freien Stelle setzte ich mich auf eine Stufe in den Schatten und schaute mir das Leben um mich herum einfach mal an.
Es, das Leben, fuhr, ging, kroch, humpelte an mir vorbei. Motorrikshas manövrierten knatternd durch den Slalom bestehend aus Menschen, Tieren, Ochsenkarren, Schlag- und Schlammlöchern, Verkaufsständen, Abfallhaufen, und was sonst noch auf der Straße zu finden war. Frauen in bunten Saris liefen mit ihren Kindern an mir vorbei. Verkäufer banden ihre Lungis hoch, und bedienten ihre Kundschaft. Nachbarn riefen sich etwas von den Balkonen aus zu. Hühner liefen aufgeregt gackernd über die Straße. Hunde und Kühe stöberten in den Abfällen umher, die am Straßenrand herumlagen. Gerüche von Essen vermischten sich mit dem Gestank des Abfalls, der offenen Kanalisation und den Düften von frisch gepressten Obstsäften und Gewürzen.
Es war ein Sonntag, und die christliche Gemeinde füllte mehrere Kirchen bis zum letzten Platz. Die Lautsprecher verzerrten die Stimme eines Geistlichen, der ungeachtet der Verstärker so laut er konnte ins Mikrofon schrie.
Die Hitze, selbst im Schatten, ließ mir den Schweiß nur so am Körper herunterrinnen. Blinzelnd versuchte ich ihn aus den Augen zu bekommen. Aufgewirbelter Staub setzte sich in jede Pore. Meine Augen brannten.
Alles roch, alles glänzte, alles machte Lärm: Alles lebte. Und wann immer mein Blick den einer der Inder traf, erstrahlte eine dieser blendend weißen Zahnreihen in einem Lächeln.
Während ich so da saß und dem Treiben zusah, wurde ich plötzlich von Reisresten getroffen, die jemand achtlos über mir aus einem Topf geleert hatte. Ich verstand es als ein Zeichen, und ging weiter.
So auf diese Weise verbrachte ich quasi den Rest des Tages, und sammelte noch viele ähnliche Eindrücke an diesem Tag.

Vor und während der Reise hatte ich mich viel über das Land informiert, und vieles hier hatte ich erwartet. Indien ist in der Hinsicht jedoch wie jedes Land dieser Reise bisher: Man kann noch so viel lesen, Bilder schauen, Dokus gucken: Es ist das Gesamtpaket der Sinneseindrücke, das den Eindruck macht. Im Falle Indiens war dieser nichts anderes als überwältigend.
Wie sehr ich überwältigt war, musste ich einsehen, als ich mich am Morgen des dritten Tages auf die Suche nach einem günstigeren Hotel in der Innenstadt machte. Vor lauter Verwirrung ob des Trubels bog ich mit dem Fahrrad vom alten Hotel aus erst einmal in die falsche Richtung ein. Erst nach einigen Kilometern, als ich an die Stadtgrenze kam, fiel mir mein Fehler auf. Das war mir in den ganzen sieben Monaten der Reise noch nicht passiert. Bisher hatte ich viel auf meinen Orientierungssinn gehalten. Ich musste einsehen, dass auch dieser nicht unfehlbar ist.
Nach einigem Suchen fand ich eine günstige Bleibe in dem Viertel Triplicane, für nur ein Drittel des Preises des ersten Hotels. Dafür war der Komfort etwas geschmälert, aber immer noch hinnehmbar. Zur Standardausstattung eines jeden Hotelzimmers scheint hier der Fernseher zu gehören. Die Menschen lieben Filme. Es gibt reihenweise Kanäle, die vierundzwanzig Stunden am Tag Filme zeigen. Bis tief in die Nacht durfte ich aus den Nachbarzimmern die Programme mithören.

Am Nachmittag war es dann soweit: Ich wagte mich zum ersten Mal mit meiner Kamera auf die Straße. Ich hatte sie bisher immer auf dem Zimmer gelassen. Aus Respekt, da ich die Lage auf der Straße nicht einschätzen konnte.
Mit der Kamera änderte sich mein Status auf der Straße schlagartig: War ich vorher der lange Weiße, dem aber kaum jemand wirklich Beachtung schenkte, war ich plötzlich ein ‘richtiger Tourist’ und im Zentrum der Aufmerksamkeit. Ein jeder wollte, dass ich von ihm Fotos mache. Als eine der Ersten, die mich dort sahen, umringte mich eine Gruppe Straßenkinder, nicht älter als zehn bis zwölf Jahre.

'One photo! One more photo, please!' riefen sie immer wieder.

Ich liebe Portraits, erst recht von so goldigen Kindern und ließ ich mich deshalb natürlich nicht lange bitten. Ein ums andere Foto sollte ich von ihnen schießen.

Von diesem chaotischen Haufen ein anständiges Bild zu machen war gar nicht so einfach.

Dicht drängten sie an mich heran. Der Schweiß ihrer Haut hinterließ dunkle Flecken auf meiner Hose.
Nach einer Weile dachte ich, dass ich fertig sei. Das hatte ich mir so gedacht: Nun waren die Kinder an der Reihe. Da ich von ihnen Bilder gemacht hätte, möge ich nun ihnen Schokolade kaufen. Alles hat schließlich seinen Preis. ‘Chocolate! Chocolate!’ riefen sie noch lauter als zuvor. Die Kinder umdrängten mich immer enger, und ich sah ein, dass die einzige Möglichkeit, dass sie von mir abließen, darin bestand, ihrem Wunsch nach zu kommen.

Ich kaufte also ein paar Schokoriegel und gab sie dem einzigen Erwachsenen der Truppe, damit er sie verteile. Wo er damit beschäftigt war, konnte ich mich zurückziehen. Überstanden!

Das war sie, meine erste Erfahrung mit dem Fotografieren in Indien. Lustig, elektrisierend, aber auf Dauer meinem Reisebudget arg zusetzend. Es sollte aber auch die einzige dieser bezahlten Art bleiben. Die Menschen hier lassen sich einfach ungeheuer gerne fotografieren. Ständig wird man dazu aufgefordert.

Nach der ersten Erfahrung lief ich weiter durch die Gassen des Viertels.

Dabei kam ich auch an einem Eingang zu einem Slum-Viertel vorbei, in das die Sonne warm hereinschien.

Ein Mann sucht Schatten.

Mofas mit Menschenknäueln, bestehend aus drei, vier, fünf Menschen, ratterten an mir vorbei.

Den nächsten Tag verbrachte ich in der Innenstadt mit meiner Kamera. Die nächsten Bilder stellen den schon im Vorhinein zum Scheitern verdammten Versuch dar, das lebhafte Treiben dort festzuhalten. Es ist nur ein kleiner Ausschnitt, dem außerdem die übrigen Sinneseindrücke abgehen. Man stelle sich also bitte zu den Bildern zu eine schweißtreibende Hitze, Gerüche aller Art und viel Lärm vor. Dann bekommt man eventuell eine Idee davon, was sich mir da für ein Spektakel bot.

Eine Riksha-Werkstatt am Straßenrand.

Der Weg von Triplicane in das historische Zentum Chennais ist immer noch gut fünf Kilometer weit. Nach einer Weile machte ich am Straßenrand Pause.

Da gesellte sich dieser Riksha-Fahrer zu mir. Wir rauchten eine Beedie (eine Art Zigarette) zusammen. Er war nett, und lud mich spontan zu einer kostenlosen Fahrt der restlichen Strecke ein. Auch spätere Zahlversuche lehnte er vehement ab.

In den engen Straßen der Innenstadt staut sich der Verkehr ständig.

Ein dünner Fahrer mit dickem Gast.

Der Bahnhof 'Beach' von Chennai.

Lotus-Blüten vor einem Hindu-Tempel.

In dem Tempel gibt es viele kleine Schreine, an denen die Gläubigen beten.

Nachmittags war die Schule aus. Eine Gruppe Schüler machte mich schnell aus und war völlig aus dem Häuschen.

Zwei Transen von der Straße.

Slum.

Die Fahrradriksha ist immer noch ein beliebtes Transportmittel.

Eine Straßenkreuzung bei hereinfallendem Licht des Nachmittags.

Am Abend glühte die Sonne den Staub in der Luft rot an. Ein Kommunist schwang seine Fahne im Abendwind.

Es war ein fantastischer Tag gewesen, an dem ich ein erstes Gefühl für die Menschen bekam. Es war jedoch viel zu früh, sich schon ein Urteil bilden zu können.

Den nächsten Tag musste ich mir eine Beschäftigung suchen. Ich hätte sicher noch viele Tage in der Stadt herumlaufen können, um das Leben dort in all seinen Aspekten dort zu katalogisieren. Dies ist jedoch nie meine Absicht gewesen, und haben schon viele vor mir getan. Außerdem war ich ziemlich fertig von dem Tag zuvor, und so war ich nur am Morgen kurz draußen. Die heiße Mittagszeit verbrachte ich unter dem kühlenden Luftstrom des Ventilators meines Zimmers.

Um zu sehen, wie die Menschen leben, muss man in die Seitengassen eindringen.

Ein Schuh-Reparateur. Von dem guten Mann habe ich mir viel zu viel Geld für die Reparatur abnehmen lassen.

Am späten Nachmittag, als es sich etwas abgekühlt hatte, ging ich wieder auf die Straße. Keine fünfhundert Meter von meinem Hotel entfernt befand sich das moderne Stadium der ‘Chennai Super Kings’, dem Cricket-Team Chennais, das in der ersten Liga spielt. An diesem Abend fand dort das Auftaktspiel der Liga für die nächste Saison statt. Es herrschte eine ausgelassenen Stimmung wie bei der Love Parade. Menschen in Trikots der bekanntesten Spieler tanzten über die Straße, Musik mit tiefen Bässen schallte durch die Straßen. Überall standen Menschen, die Fanutensilien verkauften. Eine Hundertschaft Polizisten sorgte dafür, dass Treiben den übrigen Verkehr nicht zu sehr beeinträchtigte.

Die Fans waren außer Rand und Band.

Ein Facepainter am Stadion.

Auch ich ließ mich anmalen und mitreißen.

Ein Essensstand in Indienfarben.

Hinter dem Essenstand oben winkte mich ein Mann heran. Ich solle ein Foto von ihnen machen. Völlig im Rausch von den Farben und dem Trubel fragte ich ihn, ob er auch zum Spiel gehe. Die Antwort holte mich auf den Boden der Tatsachen zurück: Das könne er sich doch nicht leisten, antwortete er mir. Autsch, natürlich!

Der Mann mit seiner stolzen Ehefrau hieß Christopher.

Einer der Fans der Chennai Super Kings.

Das Spiel ist dann glaube ich zu Gunsten des Gegners ausgegangen. Ganz durch die Regeln dieses Spiels bin ich noch nicht durchgestiegen.

Die empfohlene Akklimatisierzeit für den ersten Besuch in Indien beträgt zwei Wochen. Mir war jedoch schon nach fünf Tagen ohne Bewegung langweilig. Die Hitze verbat, dass ich den ganzen Tag draußen verbrachte. Der Unterhaltungswert des Fernsehens ist auf Dauer gering. Ich fuhr also los. Dieses Mal checkte ich zwei mal, ob ich auch in die richtige Richtung fuhr. Nach gut zwei Stunden hatte ich den schlimmsten Trubel des Stadtverkehrs hinter mir. Das Stadtleben war erst einmal vorbei. Es folgte nun das Leben Indiens auf dem Land. Erst hier sollte ich die Magie kennen lernen, die Indien ausmacht.

Euer Johannes Bondzio

Feb 182012
 

Die Fahrt aus Teheran raus war stressig, aber machbar. Ich bekam die Sanktionen der UN nun hautnah zu spüren: aufgrund dieser Sanktionen sind Rußpartikelfilter in diesem Land Mangelware. So fahren die meisten neuen Autos nun ohne und die Stadt erstickt immer mehr in ihrem Smog. Ich habe das Benzin an dem Tag auf meiner Zunge geschmeckt.
Das Fahren in diesem Verkehr schärft die Sinne. Man navigiert nicht mehr wohlüberlegt, sondern instinktiv. In gewisser Weise gewinnt man sogar eine Art Vertrauen zu den Fahrern, da man weiß, dass sie jederzeit auf alles gefasst sind. Man kann also auch selber Manöver ausführen, die einem in Deutschland garantiert den Kopf kosten würden.
Nach zwei Stunden war der Spuk vorbei. Ich befand mich auf der südlichen Hauptachse runter nach Qom. Meine Strasse wurde ausschließlich von Trucks befahren, da die Autos auf der parallelen Autobahn fuhren. Wenn Autos schon nicht mit Filter ausgestattet werden, wieso sollten es die LKWs dann sein? Eben. Zwei Tage lang war ich eingehüllt in dem schwarzen Qualm dieser brüllenden Dinosaurier aus Stahl.

Die schmale Linie zwischen Leben und Tod. Völlige Sicherheit bietet der Seitenstreifen jedoch auch nicht: Dass eine Straße einspurig mit Seitenstreifen ist, bedeutet nach Iranischer Trucker-Logik, dass vier LKW neben einander zum Ueberholmanöver Platz haben.

Trucker an sich sind jedoch sehr freundlich. Der hier rechts hat es sich nicht nehmen lassen mich zu Tee und einem zweiten Frühstück einzuladen.

Nach Qom wurde es zum Glück ruhiger. Nachmittags kam ich in Kashan an. Der Basar dort ist der schönste, den ich bisher gesehen habe. In ihm gibt es sogar dieses historische Hamam.

Abends genoss ich eine Wasserpfeife (Qelian) mit Javad, der mir nachmittags Kashan gezeigt hatte.

Kashan ist eine sehenswerte Stadt. Den nächsten Vormittag nahm ich mir Zeit noch den hiesigen persischen Garten und dieses historische Haus zu besichtigen:

Hinter öden Mauern aus Lehm verstecken sich stuckverzierte architektonische Juwelen.

Am Ortsausgang von Kashan überholte mich dieser Iranischer Radler. Er ist mit dem Rad und diesem Plakat bis Malaysia gefahren. Seine Strecke führte beneidenswerterweise durch Afghanistan und Pakistan. Wie gern würde ich ihm die nachfahren!

Von Kashan aus führte meine Strecke nach Natanz. Auf dem Weg dorthin kam ich an der unterirdischen Urananreicherungsanlage Natanz vorbei. Die Iraner schieben dort eine Riesenparanoia. Es gibt wirklich nichts zu sehen, da alles vor Blicken durch einen hohen Erdwall abgeschirmt wird. Ich wurde trotzdem gecheckt wie ein potentieller Spion und meine weitere Route wurde registriert. Wie ich später in Gesprächen mit anderen Radlern herausfand, haben sie dies mit allen Radlern dort getan. Ein Radler als Spion in Zeiten der Satellitentechnik? Vorsicht ist wohl besser als Nachsicht.

Im Abendlicht suchte ich im Schatten dieser Berge einen Platz zum Campen. Bloß weit weg und ausser Sicht der Anlage.

Der nächste Morgen. Da rechts unten habe ich gecampt.

Mitgebrachte Familienfotos erfreuen sich bei den Iranern immer wieder großer Beliebtheit.

Die nächste Nacht kam ich bei einem so genannten Emamzadeh unter. Dies sind die Grabstätten der Kinder der Imame. Früh morgens zur Morgenröte wurde ich vom Ruf zum Gebet der Moschee geweckt.

Abstrakter Morgen.

Gegen Mittag erreichte ich Esfahan. Da Rosa, deren Eltern mich dort beherbergen würden, noch nicht da war, ging ich schon einmal auf Sightseeing-Tour. Nach kurzer Zeit wurde ich in ein Teppichgeschäft geführt. Dort erfuhr ich die grundlegenden Basics in Sachen Perserteppich.

Teppich ist nicht gleich Teppich. Jede Stadt hat ihre typischen Muster und Verfahren. Es gibt klassische und nomadische, gewobene und geknüpfte Teppiche aus Wolle und aus Seide.

Am nächsten Tag habe ich zunächst einmal mein Visum verlängert. Als erstmal klar war, an welchem Schalter ich anstehen musste und als das Einzahlsystem der Bank wieder online war, ging es ganz schnell. Für umgerechnet 20 Euro hatte ich dreißig weitere Tage in meinem Pass. Yes!

Am Nachmittag gönnte ich mir zur Feier des Tages ein gutes Essen. Auf dem anschließenden Spaziergang traf ich diesen Möwenfütterer mit Freiheitsdrang. Obwohl er kaum Englisch konnte schwärmte er mir von den Freiheiten westlicher Zivilisationen vor.

Die mittelalterliche Si-o-Se-Pol Brücke führt über den Fluss, der die ganze Gegend um Esfahan fruchtbar macht.

Ein Kleiner Kraftprotz.

Der 'Naqsh-e Jahan' (Hälfte der Welt) oder Königsplatz ist der zweitgrößte Platz der Welt. Auf ihm stehen zwei der schönsten Moscheen überhaupt. Jede für sich eine Perle orientalischer Architektur. Dies ist die Scheich-Lotfollāh-Moschee.

Noch schöner als die obige finde ich die Königsmoschee, die in einem Winkel schräg zum Platz nach Mekkah ausgerichtet ist.

Am Abend wurde ich zum Essen bei der Verwandtschaft der Rosa eingeladen. Es gab 'Asch', eine dicke Gemüsesuppe.

Praktisch: Cousins helfen dem Jüngsten bei den Hausaufgaben.

Die Königsmoschee bei Tage.

Die Auskleidung der Moschee mit der blauen Keramik hat 24 Jahre gedauert. Der Architekt hat absichtlich Brüche in der Symmetrie eingebaut um seine Demut vor Gott auszudrücken. Majestätisch.

Im letzten Post hatte ich von der Familie aus der Verwandtschaft der Rosa erzählt, die wegen den Diskriminierungen gegen die Bahai ins Ausland emigrieren. Der Sohn der Familie, nennen wir ihn Jalal, hat jedoch noch keinen Reisepass. Diesen bekommt man als Mann im Iran erst, wenn man seinen Militärdienst absolviert hat. Er muss also durch Menschenschmuggler über die Grenze gebracht werden.

Jalal telefonierte ständig mit seinem Onkel, der das Ganze organisiert. Dabei müssen sie sehr vorsichtig sein, da die Regierung sämtliche Telefone im Land überwachen lässt.

Ein Sonnenuntergang über Esfahan.

Quizfrage: Was könnte das sein?.

Es ist ein sog. Taubenturm. In seinen Nischen haben mehrere tausend Tauben Platz. Ihr Guano wurde früher gesammelt und zum Düngen der Felder verwendet. Heute übernimmt Kunstdünger diese Rolle.

Esfahan ist eine wunderschöne Stadt. Sie stand schon seit Beginn der Planungen meiner Reise auf der Liste der Must-Sees. Ich wurde nicht enttäuscht. Das Erfolgsgefühl, ein so lang entgegengeträumtes Ziel endlich erreicht zu haben ist unbeschreiblich.

Nach fünf Tagen in Esfahan, die wie im Flug vergingen, fuhr ich weiter Richtung Yazd. Bei meinem Lunch am Fluss bildete sich spontan dieses 'Abschiedskommitee' von drei Schülern. Die Menschen im Iran sind unwahrscheinlich freundlich und neugierig.

Auf Wiedersehen Esfahan! Ich habe absichtlich ein paar Sehenswürdigkeiten ausgelassen damit ich Grund zur Wiederkehr habe. Darauf freue ich mich schon.

Ich freue mich aber auch auf die weitere Reise. Diese sollte nun erst nach Yazd führen, einer der ältesten Städte der Welt.

Euer Johannes Bondzio

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